# taz.de -- Lange Tage der Stadtnatur: Zwischen Brennnessel und Blütenbutter
> Bei einer Kräuterführung in der Gartenarbeitsschule Pankow ist die Stadt
> von ihrer grünen Seite zu entdecken – und eine fast vergessene Form des
> Lernens.
(IMG) Bild: Die Gartenarbeitsschule, hier mit Beeten für Schulklassen
An diesem Sonntag scheint Berlin mit sich selbst im Reinen zu sein. Die
Sonne steht über den Beeten der Gartenarbeitsschule Pankow, es weht eine
angenehme Brise, es riecht nach feuchter Erde und Holunder. Nach dem
[1][für Berliner Verhältnisse traumhaft nassen Mai] schießt die Vegetation
förmlich aus dem Boden. Alles wirkt üppiger als sonst: die Stauden, die
Kräuter, die Wiesen voller Salbei, Margeriten und Witwenblumen.
Zwischen den Beeten versammelt sich eine bunt gemischte Gruppe. Fünf
Freundinnen Mitte zwanzig aus der Innenstadt, zwei Rentnerinnen, die gerade
in die Seniorenresidenz gezogen sind und ihren Garten schmerzlich
vermissen, Hobbygärtner:innen, die jede Pflanze fotografieren.
Im Mittelpunkt steht Elisabeth Scholz von [2][der Gartenarbeitsschule]. Sie
führt die Gruppe durch die Pankower Anlage auf 13.000 Quadratmetern und
spricht über Garten- und Wildkräuter mit einer Begeisterung, die ansteckt.
Immer wieder bleibt sie stehen, streicht mit den Fingern über Blätter,
reibt sie zwischen Daumen und Zeigefinger und hält sie sich an die Nase.
Dann wandert das Blatt durch die Runde.
Es wird gerochen, betastet, vorsichtig gekostet. Scholz erzählt von
Pflanzen mit merkwürdigen Namen, alten Heilwirkungen und Anwendungen,
darüber, dass Zitronenmelisse das Herz ruhig macht oder dass die
[3][nährstoffreichen Brennnesselblätter] faltbar sind, ohne sich dabei
wehzutun. Während sie spricht, wird deutlich, dass Pflanzen nicht nur
betrachtet, sondern begriffen werden wollen – im wörtlichen Sinn.
Dass solche Erlebnisse möglich sind, verdankt sich den [4][langen Tagen der
StadtNatur], die an diesem Wochenende zu erleben waren. Die
Veranstaltungsreihe wurde 2007 von der Stiftung Naturschutz Berlin
gegründet, um die oft verborgenen Naturorte der Hauptstadt sichtbar zu
machen. Inzwischen umfasst das Programm mehr als 500 Veranstaltungen an
über 150 Orten. Zu den interessantesten zählen die Berliner
Gartenarbeitsschulen.
Ihre Geschichte beginnt mit dem Berliner Volksschullehrer und
Reformpädagogen August Heyn, der ähnlich wie Maria Montessori die
Auffassung vertrat, dass Kinder am besten mit den Händen denken. 1920
gründete er die erste Gartenarbeitsschule in Berlin.
## 15 Berliner Gartenarbeitsschulen
In einer Zeit rasant wachsender Städte, schlechter Wohnverhältnisse und
fortschreitender Industrialisierung wollte er Kindern unmittelbare
Naturerfahrungen ermöglichen. Wie viele Reformbewegte ließ auch Heyn sich
von den Nazis vereinnahmen und trat 1933 der NSDAP bei. Unabhängig davon
haben viele seiner pädagogischen Grundgedanken bis heute Gültigkeit.
So werden bis heute [5][15 Berliner Gartenarbeitsschulen] von den Bezirken
mit Unterstützung des Landes Berlin finanziert. Sie bieten Umweltbildung
für Schulklassen, Ferienprogramme und zunehmend auch Angebote für
Erwachsene.
Zurück in Pankow. Die Gartenarbeitsschule wirkt wie eine Oase in der Stadt,
ohne ihr den Rücken zu kehren. Die Besucher werden langsamer. Und als es
schließlich daran geht, in der Küche unter freiem Himmel die
Schnittlauchblüten, den Giersch und die Gänseblümchen zu einer Butter fürs
frische Vollkornbrot zu verarbeiten, sieht man endgültig keine Handys mehr.
31 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Fehlende-Bauernweisheit/!705864/
(DIR) [2] /Neukoellner-Gartenarbeitsschule-feiert/!5709354
(DIR) [3] /Die-Brennessel-als-Rohstofflieferant/!1369264/
(DIR) [4] /Langer-Tag-der-Stadtnatur-in-Berlin/!5091342
(DIR) [5] https://berliner-gartenarbeitsschulen.de/
## AUTOREN
(DIR) Susanne Messmer
## TAGS
(DIR) Stadtnatur
(DIR) Gärtnern
(DIR) Kleingärtner
(DIR) Freiräume
(DIR) Lesestück Interview
(DIR) Garten
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Stadtentwicklung in Berlin: Da blüht uns was
Nach Senatsplänen könnten die traditionsreichen Späth’schen Baumschulen
laut Betreiber*innen auf einen kleinen Rest ihrer heutigen Fläche
schrumpfen.
(DIR) Baumschulen-Chef im Gespräch: „Das wächst nicht so schnell nach“
Felix Fischer führt eine Baumschule am Rande Berlins in dritter Generation.
Er ist überzeugt, dass er mit dem besten Produkt der Welt arbeitet.
(DIR) Berlin geht gärtnern: Da wächst was auf uns zu
Über den Boom beim Gärtnern freuen sich Berlins und Brandenburgs
Gärtnereien, die enorme Zuwächse verzeichnen. Sie hoffen auf eine neue
Gartenkultur.