# taz.de -- Neurechter Autor Benedikt Kaiser: Der lange Marsch in die illiberale Republik
> Benedikt Kaiser hat ein Handbuch für eine identitäre Revolution verfasst.
> Wer es liest, versteht die geistige Grundlage einflussreicher AfD-Kreise.
(IMG) Bild: Was zum Trinken, was zum Schwenken. Stillleben von der Party der AfD in Berlin zur Bundestagswahl 2025
Dass die AfD trotz Vetternwirtschaftsskandale in den Landtagswahlen
Baden-Württembergs massiv zulegte und in Sachsen-Anhalt bald den
Ministerpräsidenten stellen könnte, zeigt vor allem eines: Der Rechtsruck
in der Bundesrepublik ist nicht am Ende. Während das liberaldemokratische
Establishment noch darüber debattiert, wie sich die Partei von
Regierungsverantwortung fernhalten lässt, arbeiten die strategischen Köpfe
der Neuen Rechten längst an der nächsten Etappe: der ideologischen und
kulturellen Absicherung ihrer bisherigen Erfolge.
Einen programmatischen Aufschlag dazu hat Benedikt Kaiser Ende 2025 [1][im
rechtsextremen Jungeuropa-Verlag] mit dem Titel „Der Hegemonie entgegen“
vorgelegt. Der für die AfD arbeitende, im Umfeld des ehemaligen Instituts
für Staatspolitik wirkende, mit Götz Kubitschek und Martin Sellner
vernetzte Autor will rechten Protest in langfristige Hegemoniearbeit
überführen. Er steht dabei für einen Kurs, der die AfD auch für
antikapitalistisch und antiimperialistisch orientierte Protestmilieus
anschlussfähig machen will. Das liest sich wie ein Handbuch für eine
identitäre Revolution.
Ausgangspunkt des Buches ist ein Verständnis der Bundesrepublik als nahezu
totalitäres System. Für Kaiser ist sie kein offenes Wettbewerbsfeld
legitimer Positionen, sondern ein durchstrukturierter Deutungsraum, in dem
Herrschaft sich weniger in Regierungshandeln oder Parlamentsbeschlüssen
zeigt als im alltäglich Sagbaren, Denkbaren und moralisch Akzeptablen. Für
Kaiser zeigt sich das in einer „eminent grün geprägte[n]“ Bundesrepublik,
die selbst Systemkritiker zu Positionierungen in ökologischen Fragen
nötige.
Eben darin offenbare sich „wahre Hegemonie“, die sich „im Alltag, nicht am
Wahltag“ äußere. Sie werde nicht in erster Linie von Parteien getragen,
sondern von Vereinen, Stiftungen, Schulen, Kirchen, kulturellen Räumen und
Medien, die Sichtbarkeit verteilen und Normalität definieren. Aus dieser
Perspektive wird gesellschaftliche Vielfalt zu einem nahezu geschlossenen
Gefüge.
## Systematische Fehlbeurteilung
Die unmittelbare Konsequenz ist eine systematische Fehlbeurteilung
zentraler Auseinandersetzungen: Klimapolitik, Diversitätspolitik oder
Antidiskriminierung erscheinen bei Kaiser nicht mehr als Antworten auf
reale gesellschaftliche Konflikte und Forderungen, sondern nur noch als
Symptome eines bereits vorentschiedenen linksliberal-grünen Bezugssystems.
Das für diese Konfliktfelder prägende Ineinandergreifen von Institutionen,
Diskursen und zivilgesellschaftlichen Akteuren wird so in einen latent
autoritären Apparat überführt, der strukturell konspirativ geordnet ist:
Einzelbeobachtungen werden zum Erkennungszeichen eines verborgenen inneren
Feindes erhoben, gesellschaftliche Widersprüche in einen kohärenten
Hegemonialblock eingepasst.
Um aus diesem autoritär gelesenen Herrschaftsgefüge auszubrechen, schlägt
Kaiser vor, sich theoretisch beim italienischen Kommunisten Antonio Gramsci
zu bedienen. Für langjährige Beobachter der antiliberalen Reconquista ist
das keine Provokation, sondern Ausdruck eines Lernens, mit linken Theorien
rechte Mobilisierung zu forcieren. Gramscis Metapolitik dient dabei vor
allem als Instrument zur „Beeinflussung von menschlichen Denkweisen und
Meinungen“; das ideologische Bekenntnis wird so zur Voraussetzung
politischer Disruption.
Ein ausformuliertes Verständnis einer identitären Ideologie von morgen oder
eine Roadmap dafür liefert Kaiser damit nicht. Zwar nennt er mit
[2][Orbán], Trump und Meloni rechte Erfolgsprojekte; als Zielvorgabe für
sein sonst so auf Deutschland fixiertes Denken wirken sie nicht
überzeugend. Während die konkrete Ausgestaltung einer identitären Zukunft
dünn bleibt, tritt vor allem Kaisers Kritik an der bisherigen Agitation der
AfD hervor.
Was gestern als „Empörungsmaschinerie“ und „Bewirtschaften von
Ressentiments“ zur Mobilisierung von politischer Frustration diente, genüge
für das Morgen nicht mehr. Hinter die Empörung müsse, so Kaiser, eine
„positiv setzende Vision“ treten. Um dieses diffuse Positive sichtbar zu
machen, lohnt es sich, zwischen den Zeilen zu lesen und die Denkstrukturen
hinter dem [3][revolutionären Zukunftsbild] zu identifizieren.
In Kaisers Schrift klingt immer wieder die Grammatik Carl Schmitts an. Das
Politische erscheint als Feld ohne Neutralität, als Kampf um Freund und
Feind. Das „Primat des Positiven“ läuft auf die Setzung einer politischen
Totalität hinaus, in der legitime Gegnerschaft, Kompromiss und koalitionäre
Vermittlung entwertet werden. Die Neue Rechte soll sich daher nicht in die
konkordante Ordnung einpassen, sondern ein antagonistisches
Regierungshandeln anstreben.
## Die Grammatik Carl Schmitts
Die Perspektive ist, davon auszugehen, dass man in Zukunft regieren wird –
am besten alleine, anstatt lästige Kompromisse im Rahmen einer Koalition
machen zu müssen. In Sachsen-Anhalt zeigt sich das ganz konkret: Hier sagt
man offen, man möchte die Alleinregierung, um keine Kompromisse machen zu
müssen.
Da man weiß, dass so ein Szenario auf Bundesebene unrealistisch ist, zielt
man hier auf eine Spaltung der Union in einen rechtskonservativen Flügel
und einen liberalen Teil ab, damit man – wenn schon Koalition – eine
Koalition mit Menschen macht, die ähnliche Ziele verfolgen. Genau dieses
Szenario wurde schon vor einiger Zeit von Maximilian Krah visioniert und
ist auch Absicht der Fraktionsstrategie der AfD seit 2025.
Diese schmittianische Tiefenstruktur zeigt sich auch im Freiheits- und
Rechtsverständnis. Freiheit ist für Kaiser kein Schutzraum von Differenz
und Individualität, sondern Verpflichtung [4][innerhalb eines kollektiven
Zusammenhangs]. Solidarität könne nicht in Vielfalt, sondern nur in
geteilter Identität entstehen.
Daraus folgt ein identitär verengtes Rechtsverständnis: Rechte gelten nicht
universal, sondern sind an Zugehörigkeit gebunden. Wer nicht ethnisch oder
volksbezogen dazugehört, erscheint folglich nicht mehr als
selbstverständliches Subjekt gleicher politischer und rechtlicher
Ansprüche.
Aus der Perspektive dieser Denkstrukturen und der in ihnen angelegten Logik
politischer Interaktion wird sichtbar, dass Kaiser im Kampf um Hegemonie
die liberale Sozial- und Deutungsordnung selbst infrage stellt. Die gängige
Einschätzung, die AfD strebe mehr an als einen Regierungswechsel und ziele
auf eine andere Republik, erhält bei ihm einen strategischen Lageplan für
einen tiefgreifenden geistigen Umbau, der die liberaldemokratischen
Grundkoordinaten und gesellschaftlichen Interaktionsparameter selbst
treffen soll.
## Die Ebene der Sprache
Dieser Umbau setzt für Kaiser auf Ebene der Sprache an. Die „Sprache der
BRD“ beschreibt er als „erzliberale Sprachform“, die selbst die Denk- und
Begriffswelten systemischer Kritiker bestimme. Um sich aus dieser Hegemonie
zu lösen, müsse zunächst das „Vokabular des Liberalismus“ gesprengt werden,
jenes „praktisch alles durchdringende Idiom unseres Denkens und Sprechens“
über „die Wirtschaft, über die Autonomie des Menschen, über das
Gemeinwohl“.
Hinter dieser Diagnose steht die Überzeugung, dass die Bundesrepublik durch
ein umfassendes Gewissensregime regiert werde. Eine neue Hegemonie müsse
deshalb am „Common Sense“, am manipulierbaren Alltagsverstand ansetzen, den
Kaiser dem „gesunden Menschenverstand“ gegenüberstellt, dem die identitäre
Rationalität zugrunde liege.
Um den verschütteten Quell nationaler Selbstgewissheit unter den Sedimenten
liberaler Verzerrung freizuschlagen, soll die Umwälzung in der
Lebensrealität der einzelnen Bürger*innen ansetzen. Träger dieser
Intervention müssen „Meinungsführer“ und Intellektuelle werden, die über
soziale Autorität und alltagsweltliche Präsenz geistespolitische Wirkkraft
gen rechts entfalten sollen.
Gerade das vermeintlich Unpolitische wird so zum Feld neurechter
Intervention. Sport, Kirche, Kultur, Schule und Alltagsmilieus sollen auf
die Ziele neurechter Hegemonie ausgerichtet werden: im Sport über
kämpferische Männlichkeitsbilder, in der Kirche über die Abkehr vom
universalistischen Liebesgebot, in Bildungs- und Kultureinrichtungen über
die Austreibung liberaler und relativistischer Deutungsmuster. Das Ziel
scheint die identitäre Simplifizierung sozialer Komplexität.
Politisch anschlussfähig ist daran die Rhetorik der AfD: Sie markiert den
gegenwärtigen Zustand als Anomalie und ersetzt komplexe soziale Konflikte
durch einfache kulturelle Wahrheiten und rigide Denkmuster. Sichtbar etwa
dort, wo aus jedem Konflikt um Migration ein simples Reaktionsschema wird:
Straffälligkeit gleich Abschiebung, geordnete Rechtsverfahren gleich
staatliche Schwäche, garantierte Grundrechte gleich sozialer Fehlanreiz.
## Deutsche Vergangenheitsaufarbeitung
Den Ursprung dieser angeblich volksfernen Verrechtlichung und
Verweichlichung der Politik verortet Kaiser in der deutschen
Vergangenheitsaufarbeitung. Reeducation, 1968er und Kritische Theorie
erscheinen ihm als Agenten einer „nationalmasochistischen Selbstanklage“,
die mit ihrer Auseinandersetzung über die sozialpsychologischen Grundlagen
der NS-Herrschaft, die autoritäre Vergesellschaftung und völkische
Homogenitätsfantasien eine kollektive Selbstverleugnung vorangetrieben
hätten.
Der von ihm implizit geforderte U-Turn in der Geschichts- sowie
Erinnerungstradition steht damit ganz im Sinne des AfD-Plädoyers für ein
„Ende von Entschuldigungen für unser Erbe“ und zielt auf die normative
Grundordnung der Bundesrepublik, wie sie im Grundgesetz ihren juristischen
Ausdruck gefunden hat. Denn Menschenwürde, Grundrechte und die Absage an
totalitäre Entgrenzung sind keine beliebigen Werte der Verfassungsrealität,
sondern Reaktionen auf staatlich organisierte Entwürdigung und Vernichtung.
Um an Adorno zu erinnern, der im Gerede von der Meinungsdiktatur nur den
Vorwand sah, die eigene in die Wege zu leiten, lässt sich Kaisers Werk als
strategischer Entwurf zur autoritären Neudefinition der Republik lesen, die
eine Abschüttelung vermeintlich lästiger Altlasten und damit Folgen
einfordert, die jede*r im Alltag spüren soll.
Wenn Hegemonie ein „vielschichtiger Prozess“ ist, in dem „kein noch so
kleiner Gewinn“ vergeblich bleibt, dann ist das eine Kampfansage auf allen
Ebenen. Dagegen reichen politische oder juristische Abwehr nicht aus. Nötig
ist gesellschaftliche Resilienz aus dem Bewusstsein heraus, dass der
Konflikt um die Republik längst bis in die individuelle Lebensrealität
hineinreicht.
25 May 2026
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