# taz.de -- Opposition in Russland: Ein Berg von Blumen für einen Hoffnungsträger
> In Russland gedenken Menschen des vor zwei Jahren in Haft zu Tode
> gekommenen Kremlkritikers Alexei Nawalny. Mindestens 14 werden
> festgenommen.
(IMG) Bild: Ljudmilla Nawalnaja (r.) legt am Montag Blumen am Grab ihres Sohnes Alexei in Moskau nieder
Es ist ein eisiger Wintertag. Bei wildem Schneetreiben haben sich am Montag
auf dem Borisowfriedhof im Süden Moskaus mehrere Dutzend Menschen
eingefunden, um Alexej Nawalnys zu gedenken. Direkt hinter dem Eingangstor
befindet sich das Grab des wohl bekanntesten russischen
Oppositionspolitikers.
An seinem zweiten Todestag türmen sich darauf haufenweise Blumen. Gekommen
ist auch Nawalnys Mutter Ljudmilla. „Wir kennen die Auftraggeber“, sagt sie
zu den Versammelten. „Aber wir wollen jeden einzelnen kennen, der daran
beteiligt war.“
[1][Dass Nawalny am 16. Februar 2024 in der Zelle einer Strafkolonie
nördlich des Polarkreises keines natürlichen Todes gestorben ist, stand für
die um ihn Trauernden immer außer Frage]. Keine 24 Stunden vor seinem
unvermittelten Ableben scherzte er noch in der ihm eigenen Art während
eines Gerichtsverfahrens, zu dem er per Video zugeschaltet war.
Nichts deutete auf eine ernsthafte Erkrankung hin. Nachdem biologisches
Material des Toten außer Landes geschafft werden konnte, untersuchten zwei
Labore unabhängig voneinander, ob es toxische Stoffe enthält. Seine Witwe
Julia Nawalnaja forderte im vergangenen Jahr, die Ergebnisse zu
veröffentlichen, doch sie blieben unter Verschluss. Bis jetzt.
## Gift nachgewiesen
Am Wochenende verkündeten Großbritannien, Schweden, Frankreich, Deutschland
und die Niederlande, nach der Analyse der vorliegenden Proben stehe fest,
dass Nawalny mit Epibatidin vergiftet wurde. Dabei handelt es sich um ein
bei in Südamerika heimischen Pfeilgiftfröschen zu findendes Toxin. „Nawalny
verstarb in Haft, Russland hatte die Mittel, ein Motiv und die Möglichkeit,
ihm das Gift zu verabreichen“, heißt es in der gemeinsamen Erklärung.
Nicht ausgeschlossen, dass der Giftstoff in dem Moskauer Institut für
organische Chemie und Technologie aufbereitet worden war, das auch in
Recherchen zur Anwendung von Nowitschok Erwähnung findet. Zumindest findet
sich dort ein wissenschaftlicher Text aus dem Jahr 2013, der darauf
hindeutet, dass sich das Institut mit diesem Phänomen befasst hat. Nawalny
war im August 2020 mit Nowitschok vergiftet worden. Labore der Organisation
für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) konnten das Gift nachweisen.
Kremlsprecher Dmitrij Peskow reagierte empört. „Wir akzeptieren solche
Anschuldigungen natürlich nicht, wir stimmen ihnen nicht zu, wir halten sie
für voreingenommen und unbegründet“, sagte er am Montag. „Und wir weisen
sie entschieden zurück.“ An die OPCW richtete Russland ein
Protestschreiben.
## Ein anderer Weg
Wladimir Tarabrin, der russische Vertreter bei der OPSW, sprach von
„unsinnigen Unterstellungen“, da etliche Länder über die Möglichkeiten
verfügten, Epibatidin zu synthetisieren. Nawalny sei für die westlichen
Geheimdienste als „heiliges Opfer“ interessant gewesen und habe im
gesellschaftspolitischen Leben Russlands „keine Rolle“ gespielt.
Nawalnys Anhänger:innen sehen das anders. [2][In Russland gedachten des
ermordeten Politikers in vielen Städten viele Menschen, sogar ganz junge].
Für sie war Nawalny ein Hoffnungsträger und erinnert auch nach seinem Tod
daran, dass Russland einen anderen Weg hätte gehen können. Jetzt bleibt
ihnen nur, sein Andenken wachzuhalten, doch selbst dieses Anliegen versucht
der Sicherheitsapparat zu unterdrücken. Landesweit kam es zu mindestens 14
Festnahmen.
Eine junge Frau in St. Petersburg kam über Nacht in Polizeigewahrsam wegen
des Versuchs, ein Porträt des oppositionellen Politikers aufzustellen, was
die Behörden als „Demonstration extremistischer Symbolik“ deuteten.
In Ufa konnten mehrere Festgenommene die Polizeiwache wieder verlassen. In
Moskau legten Menschen Blumen auch in der Innenstadt nieder, darunter eine
junge Frau. Welche Gefühle sie an diesem Tag habe? „Darüber“, sagt sie,
„kann ich nicht sprechen, ohne zu fluchen.“
17 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Aglaja Tarasova
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