# taz.de -- Antifa in Russland: Ein paar Standhafte gibt es noch
       
       > Auch in diesem Jahr gedenken Menschen am 19. Januar in Moskau zweier von
       > russischen Neonazis ermordeter Oppositioneller. Die Polizei lässt sie
       > gewähren.
       
 (IMG) Bild: Stilles Gedenken an Stanislaw Markelow und Anastasia Baburowa am Montagabend in Moskau
       
       Zwei mit Maschinengewehren bewaffnete Polizisten versperren den schmalen
       Weg. Ein älterer Mann wird angehalten. Die Uniformierten inspizieren
       misstrauisch einen Button an seiner Jacke, auf dem „Nemzow-Brücke“ steht.
       Nach kurzem Wortgeplänkel lassen sie ihn aber durch.
       
       [1][Der Oppositionspolitiker Boris Nemzow war vor elf Jahren auf einer
       Brücke gegenüber dem Kreml erschossen worden]. Dort halten Freiwillige
       seither praktisch rund um die Uhr die Stellung. An diesem 19. Januar wird
       unweit der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale jedoch zweier anderer
       politischer Mordopfer gedacht. Die jüngere russische Geschichte kennt
       unzählige davon.
       
       Am 19. Januar 2009 geht der in etliche politisch brisante Strafsachen
       involvierte Menschenrechtsanwalt Stanislaw Markelow nach einer
       Pressekonferenz in Richtung Metro. Ihn begleitet Anastasia Baburowa. Sie
       schreibt als freie Journalistin für die oppositionelle Novaya Gazeta, für
       die auch [2][die 2006 ermordete Anna Politkowskaja] arbeitete.
       
       Von hinten nähert sich ein Mann mit einer alten Pistole Marke Browning,
       zielt auf Markelows Hinterkopf und drückt ab. Der Schütze will sofort das
       Weite suchen. Baburowa dreht sich um, will ihn aufhalten und wird dann
       selbst von einem tödlichen Schuss getroffen.
       
       ## Am helllichten Tag
       
       Dass dieser kaltblütige Mord am helllichten Tag mitten in der Stadt
       geschehen konnte, schockierte damals viele. Schließlich stellte sich
       heraus, dass der Neonazi Nikita Tichonow und seine Lebensgefährtin
       Jewgenija Chasis die Tat verübt hatten.
       
       Beide waren Teil der Kampforganisation russischer Nationalisten, kurz BORN,
       deren Mitglieder immer weiter mordeten und sogar einen Richter erschossen.
       Erst da begann der Staat endlich, rigoros strafrechtlich gegen die
       russische extreme Rechte vorzugehen.
       
       Hunderte rassistische Morde gehen auf ihr Konto. BORN tötete mehrere
       Angehörige der antifaschistischen Szene. Markelow hatte zu Lebzeiten alles
       darangesetzt, dass rechte Gewalt von Recht und Gesetz wegen geahndet und
       nicht als „Hooliganismus“ verharmlost wird.
       
       Im Treppenbereich des historischen Gebäudes an der Pretschistenkastraße 1
       stehen Porträts von Markelow, Baburowa – auch sie hatte zur Neonaziszene
       recherchiert – sowie weiterer ermordeter Antifaschist:innen. Auf den Stufen
       sind rote Nelken und ein paar weiße Rosen drapiert. Ab 19 Uhr suchen immer
       mehr Menschen den Ort auf, legen Blumen ab. Einige geben sich als Linke zu
       erkennen, andere als Antifaschist:innen. Viele sind höchstens Mitte zwanzig
       – wie Baburowa, als sie starb.
       
       ## Gnadenlose Abrechnung
       
       Drei junge Frauen stehen etwas abseits. Was hat sie dazu bewegt, zu dieser
       Gedenkveranstaltung zu kommen? „Ich habe in einem Buchladen eine
       antifaschistische Broschüre mit Texten von Markelow entdeckt“, erzählt eine
       von ihnen. Das habe sie zum Nachdenken gebracht. Sie sei vor einem Jahr
       erstmals am 19. Januar dabei gewesen, dieses Mal habe sie ihre Freundinnen
       mitgebracht.
       
       Im „Rotbuch Antifa“ findet sich ein Text mit dem bezeichnenden Titel
       „Patriotismus als Diagnose“ – eine gnadenlose Abrechnung mit jeglicher Form
       von Patriotismus, der letztlich nichts als den Tod bringe. Wie
       vorausschauend. Markelow positionierte sich als linker, politischer Anwalt
       – als einer, der seine Ansichten nicht hinter einer professionellen Maske
       verbarg. Das war damals in Russland ein Unikum.
       
       Leute kommen und gehen. Ihre Zahl lässt sich nur schätzen, vielleicht sind
       es 200, vielleicht auch mehr. Die Polizei sorgt dafür, dass die
       Versammelten auf dem Gehsteig bleiben, mischt sich ansonsten aber nicht
       ein. Demonstrieren ist verboten, sich versammeln auch. Am 19. Januar jedoch
       werden die Menschen am einstigen Tatort geduldet.
       
       Männer in Zivil, vermutlich vom Zentrum für Extremismusbekämpfung,
       fotografieren unaufhörlich Gesichter, vor allem die der jungen Antifas.
       Neonazis hätten sie, wie sie sagen, im Unterschied zum Vorjahr keine
       bemerkt. Dann erscheint Dmitri Muratow, Chefredakteur der Novaya Gazeta,
       die in Moskau immer noch eine Redaktion unterhält. Muratow bekreuzigt sich
       still, er sieht bedrückt aus.
       
       ## Zur Tradition geworden
       
       Etwas deplatziert wirkt Beness Aijo, mit Spitznamen „Schwarzer Lenin“. In
       Lettland geboren und aufgewachsen, versteht sich der ehemalige
       Donbaskämpfer als russischer Patriot. „Markelow trat gegen Rassismus auf“,
       erklärt Aijo, dessen Vater aus Uganda stammt, seine Anwesenheit. Viel mehr
       scheint er über den Anwalt nicht zu wissen, hört jedoch interessiert zu,
       als ihm jemand weitere Details erzählt.
       
       Obwohl auch er Markelow nicht persönlich gekannt hat, beteiligt sich Sascha
       Myslenkow schon seit über zehn Jahren an der längst zur Tradition
       gewordenen Gedenkveranstaltung. Von Wladiwostok bis Rostow, aber auch in
       Berlin und London wurde am Montag der ermordeten russischen
       Antifaschist:innen gedacht. Bis zur Covidpandemie fand am 19. Januar
       in Moskau noch eine antifaschistische Demonstration statt.
       
       Liberale wie Myslenkow trafen dort auf linke und queere Aktivist:innen.
       Dieses Konzept habe ihm sofort zugesagt. „Trotz einzelner Widersprüche
       haben wir vieles gemeinsam“, ist sich Myslenkow sicher. Vorerst hieße es
       leider abwarten. Bis das politische Leben endlich wieder Fahrt aufnehme.
       
       20 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Erinnerung-an-ermordeten-Boris-Nemzow/!5667991
 (DIR) [2] /Vera-Politkowskaja-ueber-ihre-Mutter/!5957864
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Vera Bessonova
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Russland
 (DIR) Antifaschismus
 (DIR) Opposition
 (DIR) Neonazi
 (DIR) Schwerpunkt Antifa
 (DIR) Schwerpunkt Pressefreiheit
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Pressefreiheit in Russland: Alles „Agenten“ und „Spione“
       
       Seit dem Angriff auf die Ukraine schüchtert Russland Journalist*innen
       massiv ein. Unsere Autorin stellt sich täglich die Frage: Gehen oder
       bleiben?
       
 (DIR) Friedensnobelpreisträger über die Ukraine: „Für den Tod wird bezahlt“
       
       Dmitri Muratow, Chefredakteur der russischen Zeitung „Nowaja Gaseta“, kommt
       auf Einladung der taz Panter Stiftung zum Gespräch. Er redet über Hoffnung
       und Solidarität.
       
 (DIR) Umgang des Kreml mit Kritiker*innen: Für ein anderes Russland
       
       Immer weiter schränkt Russland kritische Berichterstattung ein. Die EU muss
       für Journalist*innen offen bleiben, damit sie im Exil wirken können.