# taz.de -- Bundesliga-Abstieg des FC St. Pauli: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
> Mit einem 3:1-Sieg am Hamburger Millerntor rettet sich der VfL Wolfsburg
> auf den Relegationsplatz. St. Pauli und Heidenheim gehen in die Zweite
> Liga.
(IMG) Bild: Verschnupft nach unten: Der FC St. Pauli ist abgestiegen
Am Ende ist die Stimmung fast andächtig im Millerntorstadion. Die Spieler
liegen auf dem Rasen. Aus den Lautsprechern tönt „You'll never walk alone“,
die Originalversion von Gerry and the Pacemakers, mit viel
Streicher-Schmalz und Schmacht in der Stimme. Die Fans halten dazu tausende
Schals in die Höhe und wiegen damit hin und her im schleppenden Takt.
Früher gehörte der Song mal zum Standardrepertoire beim FC St. Pauli.
Inzwischen ist er rar geworden. Vielleicht, weil er ein Trostspender für
die harten Momente ist. Und von denen hatte es in den vergangenen Jahren
nicht mehr so viele gegeben.
Doch nun ist St. Pauli im zweiten Bundesliga-Jahr hart gelandet. Der
Abstieg ist besiegelt, dabei hätte das letzte Spiel die Chance geboten,
[1][im Dreikampf um den Strohhalm Relegationsplatz] alles noch mal
herumzureißen. Nachdem der Vorletzte Heidenheim im Parallelspiel gegen
Mainz früh in Rückstand geraten war, hätte St. Pauli nur Wolfsburg schlagen
müssen, um sich zumindest noch in die Relegation zu retten.
Doch wie sollte das gehen? Nach einer Serie von neun sieglosen Spielen?
Nach einem gerade einigermaßen überstandenen [2][Magen-Darm-Infekt, der die
halbe Mannschaft erwischt hatte.] Das Spiel sei ein „Sinnbild“ der Saison
gewesen, meinte Trainer Alexander Blessin hinterher, mit ihren „Ups and
Downs“. Und wie über die ganze Spielzeit waren es auch am Samstagnachmittag
wieder mehr Downs.
## Präsident und Kapitän ringen um Fassung
Da vergisst Stürmer Andréas Hountondji drei Meter vor dem Tor das Schießen.
Da rettet Torwart Nikola Vasilj ein ums andere Mal im Duell mit enteilten
Stürmern – und faustet sich dann im Geschiebe nach einer Ecke den Ball
selbst ins Tor. Am Ende steht es verdient 1:3. St. Pauli geht runter.
Die Fans applaudieren der Mannschaft noch immer, als St. Paulis Präsident
Oke Göttlich am Fernsehmikrofon eine Erklärung versucht: „Wir können diese
wirtschaftliche Lücke nicht zulaufen. Die kannst du nur zulaufen, wenn du
immer bei 105 Prozent bist, in allen Belangen.“ Damit meint er noch nicht
mal die Finanzlücke zu Wolfsburg, [3][sondern die zu Mainz oder Augsburg.]
Göttlich sagt, der Verein gehe stabil und wirtschaftlich gesund in die
Zweite Liga und das Team werde nicht auseinanderfallen. Ihm stehen dabei
die Tränen in den Augen.
[4][Auch Kapitän Jackson Irvine ringt um Fassung,] als er sagt: „Das hier
ist mein Zuhause. Es müssten schon ein paar verrückte Dinge passieren,
damit ich nicht bleibe.“ Der Australier entschuldigt sich bei den Fans und
fügt hinzu: „Ich hoffe, dass auch in der Führungsebene alle ihre Fehler
reflektieren.“
Welche das waren? Man konnte in der Hinrunde sehen, dass der neu formierte
Sturm sich redlich mühte, aber harmlos blieb. Hätte der Verein in der
Winterpause mehr ins Risiko gehen müssen, einen Stürmer verpflichten, der
Torgefahr verspricht? Dafür hätte man finanziell tief ins Risiko gehen
müssen.
## Dilemma, das bleiben wird
Das wird immer das Dilemma bleiben für Clubs wie St. Pauli: Solide
wirtschaften, damit bei einem Abstieg kein Schuldenberg bleibt – oder alles
riskieren, um den Abstieg zu vermeiden, weil der nächste Anlauf lang werden
kann.
Natürlich stellt sich nach einem Abstieg immer auch die Frage, ob ein
Trainerwechsel geholfen hätte. Bei St. Pauli haben sie die negativ
beantwortet, eben weil sie wussten, dass das Team in der Liga nur bestehen
kann, wenn es über sich hinauswächst.
Das hatte Blessin in der ersten Bundesligasaison oft erreicht, in der
zweiten nicht mehr so oft. Am Ende wirkt er erschöpft, sagt selbst ein ums
andere Mal, wie viel Kraft ihn all das gekostet habe. „Für zwei
Relegationsspiele hätte die Energie noch gereicht“, sagt er. Ob er sie für
einen Neuaufbau noch mal aufbringen würde, bleibt ungewiss.
Letztlich ist mit dem Abstieg von St. Pauli – und Heidenheim – nun der
Normalfall eingetreten. Der von den St.-Pauli-Fans per Blockfahne
ausgerufene „Klassenkampf bis zum Ende“ ist einmal mehr verloren.
## Arbeiter sind eben auch nicht mehr, was sie mal waren
Schon fast ulkig, dass die Wolfsburger Anhänger sich dagegen mit einem
riesigen Banner stolz als „Arbeiterverein“ inszenieren, mit einem
Schraubenschlüssel im Vereinswappen. Arbeiter sind eben auch nicht mehr,
was sie mal waren. Bei VW gehören sie in die Kategorie, über die Friedrich
Merz gerade in dieser Woche gesagt hat, sie zahlten auch schon den
Spitzensteuersatz.
Und der VfL ist mehr, als er ihrer ist, der ihrer Bosse, die in diesem Jahr
rund 70 Millionen Euro aus dem schwindenden Gewinn des Autobauers in seine
Fußballtochter gebuttert haben, etwa doppelt so viel wie der Gesamtetat des
FC St. Pauli. Insofern ist es eine Anomalie, dass beide am letzten Spieltag
miteinander um den Klassenerhalt ringen.
17 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Jan Kahlcke
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