# taz.de -- Probleme in VW-Stadt Wolfsburg: Wenn die Konzerntochter absteigt
> Nach 29 Jahren Bundesliga könnten beim VfL Wolfsburg bald die Lichter
> ausgehen. Der Verein könnte in die 2. Liga absteigen.
(IMG) Bild: Sparsame Blicke, Abstiegsangst in Wolfsburg
Am 11. Juni 1997 ging Axel Bosse ins Stadion am Elsterweg und erlebte dort,
wie der VfL Wolfsburg durch ein 5:4 gegen Mainz 05 in die Fußballbundesliga
aufstieg. Seither hat er eine Dauerkarte, inzwischen in Block 26 der
VW-Arena. Genauer gesagt zwei Dauerkarten, die andere ist für seinen Sohn
Jan. Der war damals 14 und gehört damit zur ersten Generation, die mit dem
Bundesligisten VfL Wolfsburg als fester Bestandteil der Fannormalität
aufgewachsen ist. Seit 29 Jahren ist man jetzt in der 1. Liga, nie
abgestiegen, das ist im Grunde eine veritable Tradition.
Doch nach dem 0:1 gegen Werder Bremen vor zwei Wochen gingen Vater und Sohn
und noch ein paar andere nach Hause und brummten: „Das war’s.“ Platz 17,
zwei Punkte aus den letzten acht Spielen und kein Hinweis darauf, dass man
auch mal wieder gewinnen könnte. Die einen sagten: „Das war’s für mich“.
Die anderen überlegten, ob sie künftig zu den VfL-Frauen gehen sollten, die
zwar auch nicht mehr so gut wie früher sind, aber immer noch Champions
League. Und Axel Bosse, 74, sagte zu seinem Sohn: „Wir gehen auch in der 2.
Liga hin.“
In Berlin war gerade im [1][Deutschen Theater eine Veranstaltung über
Fußball und Politik]. Moderator Christoph Biermann kündigte einen Clip über
die schlimmsten Eskalationen des wunderbaren Sports an, worauf jemand aus
dem Publikum „Wolfsburg!“ rief. Es kamen dann aber Trump und Infantino. Das
zeigt, wie wenig sich zum Restaurativen neigende Traditionalisten auch nach
fast drei Jahrzehnten mit dem Klub und seinen Umständen arrangiert haben.
Auch Populisten landen derzeit einen sicheren Treffer, wenn sie Wolfsburg
den Abstieg wünschen. „[2][Dem VfL weint außerhalb von Wolfsburg niemand
eine Träne hinterher]“, sagte Bild-Kolumnist Alfred Draxler – und liegt
wieder einmal falsch. Selbstverständlich würden Menschen weinen. Die
moralisch fragwürdige Logik besteht darin, dass es sich bei Fans von
Schalke, Dortmund, Köln und Hertha um „echte Liebe“ handele, bei Anhängern
des VfL Wolfsburg um eine Handvoll Fans mit zweitklassigen Gefühlen.
Weshalb ein Abstieg auch ethisch gesehen völlig berechtigt oder gar
notwendig sei.
## 100 Prozent
Nun spielt es selbstverständlich eine Rolle, dass die VfL Wolfsburg
Fußball-GmbH eine 100-prozentige Tochter des Volkswagen-Konzerns und die
Regel außer Kraft gesetzt ist, nach der 50+1 Prozent der Anteile im Besitz
des Vereins sein müssen. Offiziell wird der Klub also, wie auch Bayer
Leverkusen und RB Leipzig, von einem Konzern gesteuert. Doch das mediale
Geraune von den „mächtigen VW-Bossen“ ist in diesem Kontext vermutlich sehr
weltfremd. Zwar sind etwa der VW-Vorstandsvorsitzende Oliver Blume und auch
die Gesamtbetriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo im Aufsichtsrat, aber
dessen Besetzung hat mit Fußballsachverstand nichts oder wenig zu tun.
Vor allem: Der VfL hatte nie Priorität im VW-Hochhaus am Stammwerk. Derzeit
haben die Automanager erst recht anderes zu tun, da in China nicht mehr
viel geht und man in den USA mit Trumps Zöllen kämpft. Zwar geht es mit der
Elektroflotte voran, aber Porsche hat Probleme, Audi hat Probleme, laut FAZ
„v[3][erfestigt sich das Bild eines Unternehmens, dessen Komplexität nicht
zu steuern ist]“.
Im Gegensatz dazu ist ein Spitzenfußballklub eine überschaubare Sache. Wenn
man in den entscheidenden Positionen eine Handvoll gute Leute hat, ist
schon viel gewonnen. Das scheint beim VfL indes nicht mehr der Fall zu
sein. Die Meisterschaft gewann man 2009, den Pokal 2015. Seit Jahren geht
es abwärts, tabellarisch seit dem Abschied von Trainer Oliver Glasner, der
den Klub 2021 ein drittes und bisher letztes Mal in die Champions League
führte. Seither verbuchte man die Saisonplätze 12, 8, 12 und 11.
Vor allem aber wurde der Kader kontinuierlich nicht verbessert. Pars pro
toto steht, man muss es uncharmanterweise sagen, die Verpflichtung des
Mittelfeldspieler Lovro Majer, der 2023 für offenbar 25 Millionen Euro
gekauft und vom damaligen Trainer Niko Kovac als eine Art jüngerer Luka
Modric angekündigt wurde. Nun gehört etwas Fantasie bei
Spielerverpflichtungen stets dazu, doch die Realität ist bis heute weit
davon entfernt. Sicher ist der Trainer in jedem Fußballklub die
entscheidende Personalie, aber Trainerbesetzung und Kaderzusammenstellung
verantwortet der Sportdirektor, das war anderthalb Jahre bis zu seiner
Entlassung am 8. März der Däne Peter Christiansen. Er sprach Englisch und
sorgte durch die Kaderzusammenstellung dafür, dass auch mit dem Team
Englisch gesprochen wurde. Damit fremdelten sie in Wolfsburg etwas.
## Dänen siegen nicht
Christiansen kam aus Kopenhagen und holte eine Reihe Profis vor allem aus
Dänemark, alle nicht schlecht, aber eben auch keine Verstärkungen, sodass
irgendwann aus dem Michael Holm-Song „Tränen lügen nicht“ und seiner
Adaption durch Otto Waalkes („Dänen lügen nicht“) der Slogan wurde: „Dänen
siegen nicht.“ Als Trainer hatte Christiansen zu Saisonbeginn den Newcomer
Paul Simonis geholt, der in den Niederlanden in seinem ersten Jahr als
Cheftrainer mit einem kleinen Klub erfolgreich war. Respektabel und mutig,
aber hinterher ist man immer schlauer.
Beziehungsweise in diesem Fall nicht, denn der bereits taumelnde VfL machte
nach dessen Entlassung seinen unerfahrenen U19-Trainer Daniel Bauer zum
Chef – und es klappte überhaupt nicht. Der Punkteschnitt von 0,5 pro Spiel
war sogar noch deutlich schlechter als der von Simonis (0,92). Jetzt soll
der zweifellos erfahrene Dieter Hecking noch etwas retten, der 2015
Vizemeister und Pokalsieger mit dem VfL wurde. Doch retten sollte er im
vergangenen Jahr auch den VfL Bochum – und der ist jetzt in der 2. Liga.
Als Hecking kam, wurde erst mal der Teambusfahrer als angeblicher
Unruhestifter entlassen, das dürfte allerdings nicht das entscheidende
Problem gewesen sein.
Das sichtbare Problem ist der Fußball. Seit Niko Kovac’ Zeiten
weitestgehend unansehnlich, aber immerhin handwerklich ordentlich
strukturiert. Ersteres ist geblieben, Zweiteres nicht. Der „wild
zusammengestellte Kader“, wie ein Insider sagt, ist hinten qualitativ zu
schwach, im Mittelfeld zu langsam und vorne ohne Torjäger. Zwar wird bei
jeder Fernsehübertragung von sogenannten Experten behauptet, der Kader sei
„individuell stark“, aber auch das stimmt nicht. Es gehörte zum Prinzip,
hochtalentierte Spieler zu verpflichten, mit der Aussicht, sie zum Wohl des
Teams agieren zu lassen und zum Wohl des Haushalts teuer zu verkaufen.
Micky van de Ven und Felix Nmecha sind zwei Profis, bei denen das gelang.
Doch seither liest sich die Liste der Zu- und Abgänge wie eine Hommage an
Felix Magaths schlimmste Zeiten, als die halbe Gegengerade mit seinen nicht
bundesligatauglichen Einkäufen voll saß.
„Es ist schon schwer, derzeit zuzuschauen“, sagt Axel Bosse. „So ein Gefühl
von Apathie haben wir noch nie erlebt.“ Nun macht der Vorwurf immer gern
die Runde, die Profis identifizierten sich nicht mit dem VfL und der Stadt
Wolfsburg und „kämpften“ auf dem Platz nicht genug. „Einsatz ist nicht
verhandelbar“, stand gegen Bremen auf einem Anklageplakat in der Nordkurve.
Auch das muss man vermutlich differenziert sehen. Man könnte auch sagen,
dass es primär Ratlosigkeit ist, weil die Profis nicht wissen, was tun,
außer sich den Ball hin und her zu schieben und auf Eckbälle zu hoffen. Es
gibt schon auch Spieler, die sich ernsthaft bemühen, Teil der Community zu
sein, in der sie zumindest temporär leben. Aber vermutlich könnte man über
Kapitän Maximilian Arnold hinaus noch gestandene Profis brauchen, die seit
vielen Jahren den Klub in seiner lokalen Verankerung repräsentieren.
Der VfL hat es nie ganz geschafft, ein Regionalklub zu werden, auch weil
man etwas ungünstig liegt. Auf der einen Seite liegt Braunschweig mit
eigenem Fußballklub, auf der anderen Sachsen-Anhalt. Die Stadt Wolfsburg
hat zwar knapp 130.00 Einwohnende, aber nur einen kleinen Kern mit VW-Werk,
Bahnhof, Autostadt, Outlet, ein paar Museen und der Fußgängerzone. Drum
herum liegen viele und ländlich geprägte Eingemeindungen und Stadtteile.
Einer davon ist Detmerode, wo Axel Bosse lebt und sich politisch engagiert.
Eigentlich ist er Kulturpolitiker und für die Grünen seit vielen Jahren
aktiv. Inzwischen ist er Ortsbürgermeister, „weil CDU und SPD keinen Bock
mehr hatten“. Bosse hat sein Berufsleben selbstverständlich auch bei VW
verbracht.
Detmerode steht für die untrennbare Geschichte von VW und Wolfsburg, wuchs
in den 1960ern durch den Boom des VW Käfers und den Zuzug von
VW-Beschäftigten auf bis zu 15.000 Einwohner. Heute lebt da nur noch die
Hälfte, die Kinder sind längst aus dem Haus und oft ist nur noch eine Witwe
pro Haus oder Wohnung übrig. Das soll jetzt nicht nach Doom klingen,
Wolfsburg ist immer noch verhältnismäßig wohlhabend, die VW-Rentner sind in
der Regel ordentlich versorgt.
Aber Zukunftsoptimismus ist nicht gerade flächendeckend verbreitet. „Die
Ratlosigkeit beim VfL deckt sich mit der Ratlosigkeit der ganzen Stadt“,
sagt Bosse. „Keiner weiß so recht weiter.“
Die Älteren fühlen sich an Anfang der 1990er erinnert, als es ziemlich
düster aussah. Damals verhinderte Peter Hartz’ Viertagewoche
Massenentlassungen, und richtige Strukturreformen und bessere Autos
brachten das Unternehmen, die Stadt und die Stimmung wieder nach vorn. Eine
ähnliche Entwicklung ist derzeit nicht abzusehen, weshalb die Fußballmisere
tatsächlich und richtigerweise nur eine Nebenrolle spielt. Gleichzeitig ist
es nicht so, dass man einen realen Zusammenhang zwischen einem Verlust von
mutmaßlich 50.000 Arbeitsplätzen über alle Konzernmarken hinweg und den
Zuwendungen an den VfL herstellen kann. Selbstredend wird ein
Populistenmedium wie Bild das konstruieren, aber der frühere
Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn hat Fußball ziemlich bei VW
verankert und faktisch sind die kolportierten 70 bis 80 Millionen Euro
Zuwendungen Peanuts im Vergleich zu anderen Ausgaben.
Es würde also auch in der 2. Liga weitergehen, vermutlich mit weniger Geld,
weniger Zuschauern und einem Etat, der darauf ausgerichtet ist, möglichst
schnell in die Bundesliga zurückzukommen. Aber noch ist es nicht soweit.
Axel Bosse hat das Restprogramm durchgeschaut. Am letzten Spieltag der
Saison muss man zum FC St. Pauli, der derzeit mit 3 Punkten Vorsprung auf
dem Relegationsplatz liegt; wenn man da gewinnt, könnte es sein, dass man
doch noch 16. wird und sich dann ein drittes Mal über die Relegation
rettet. Wenn man das Team spielen sieht, dann spricht nichts dafür, das
sieht auch Bosse so. Aber, sagt er: „Man hofft ja trotzdem immer noch.“
3 Apr 2026
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(DIR) [2] https://www.youtube.com/watch?v=oAYga-u_BzU
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