# taz.de -- Zum Tod von Künstlerin Valie Export: Ihr Werk fühlte sich immer unkaputtbar frisch an
> Valie Export gehörte keiner Frauenbewegung an, hinterlässt aber einen
> Meilenstein feministischer Kunst. Mit 85 Jahren ist sie in Wien
> gestorben.
(IMG) Bild: Die Künstlerin Valie Export (bürgerlich Waltraud Lehner) ist tot
Tattoos sind derzeit in Mode. Wohl niemand hat die Nadelzeichnung in die
Haut so aufreizend subversiv eingesetzt wie Valie Export. Dort, wo bei den
Frauen einst „Strapse“ saßen, ließ sich die Künstlerin 1970 ein Strumpfband
auf den Oberschenkel tätowieren. Es ließ ein Stück Haut frei zwischen
Wäschestücken, praktisch und erotisch zugleich. Das ist eine der Arbeiten,
mit denen die Wienerin provozierte. Manche Fotos dieser Serie zeigen sie
nackt, als Fragment: Unterleib, Beine, Tattoo.
Hinter der Provokation stand bei Export ein Gedanke: „Body Sign Action“ ist
sorgfältig dokumentiert, mit Stempel „VALIE EXPORT“, geschrieben mit
Bleistift in Druckbuchstaben, Versalien natürlich wie ihr Künstlername. Die
Aktion entpuppt sich als Reflexion über den Menschen als Signal- und
Informationsträger. Die Haut ist Pergament, so wie der Mensch zum Buch, zum
Kodex wird. Darunter ein Kommentar: „Die Tätowierung demonstriert den
Zusammenhang zwischen Ritual und Zivilisation. Als Tätowierung erscheint
das Strumpfband als Zeichen einer vergangenen Versklavung, als Spur einer
vergangenen Kultur, als Erinnerung. Ein soziales Signal ist in ein privates
verwandelt worden.“
Schon diese Arbeit zeigt die Spannweite ihres Ansatzes, der ihr enorm
vielfältiges Werk durchzieht. Valie Export hat sich mit ihrem sinnlich wie
politisch aufgeladenen Werk tief [1][eingeschrieben in das Gedächtnis der
Kunstproduktion]. Auf allen Ebenen untersuchte die 1940 in Linz geborene
Künstlerin die Zwischenräume von Körper und Gesellschaft – in Aktionen,
Performances, Filmen, Medienkunst und Skulpturen. Unfassbar, dass eine
Künstlerin, die über sechs Jahrzehnte an dieser Frage arbeitete, nun im
Alter von 85 Jahren gestorben sein soll.
Für einen Abschluss in Textildesign kam Valie Export 1960 als Waltraut
Lehner nach Wien und tauchte ein in avantgardistische Künstlerkreise und
die experimentelle Filmszene. Die Änderung ihres Namens ist genauso
hintersinnig wie das tätowierte Strumpfband. Die Künstlerin machte sich zur
Marke. Mit diesem von einer Zigarettenmarke abgeleiteten Label gewann sie
Distanz zur eigenen Person. Das war hilfreich, denn ihr Körper war in
dieser Phase ihr Medium. Wie sonst hätte sie es aushalten können, dass im
„Tapp- und Tastkino“ ihr wildfremde Männer von der Straße an den Busen
griffen. Vorgeschnallt hatte sie einen Kasten mit Löchern. [2][Daneben
stand Peter Weibel] mit Megafon und Stoppuhr.
## Bekannt durch provokative Aktionen
Solch provokative Aktionen machten sie über Wien hinaus bekannt. Es folgten
in den 1970ern „Körperfigurationen“, Untersuchungen des öffentlichen Raums,
bei denen sie ihren (bekleideten) Körper an Gebäude schmiegte. Fragilität
machte sie sichtbar in der Performance „Hyperbulie“, bei der sie sich
(nackt) durch einen Parcours elektrischer Drähte zwängte. „Fragmente einer
Berührung“ lautete der Titel einer ihrer späteren Ausstellungen, bei der es
um die Quintessenz ihres Werks ging. Sie stellte Berührungen her zwischen
den Medien, zwischen dem, was körperlich oder als abstrakte Vorstellung
existiert. Berührung findet in den Zwischenräumen statt, als Spannung.
Ihr Werk fühlt sich unkaputtbar frisch an. Sie hat einen Nerv getroffen,
aber sich nicht darauf ausgeruht. Ihr Archiv repräsentiert nun ihre Stimme.
Es wurde 2015 von ihrer Heimatstadt Linz erworben und dem [3][Lentos
Kunstmuseum übereignet]. Das Valie Export Center initiierte schon vor ihrem
Ableben Tagungen zur Medien- und Performancekunst. „Im Sinne der
konzeptuellen und analytischen Arbeitsweise von VALIE EXPORT regt das
Center eine Beschäftigung mit den Arbeitsprozessen, den theoretischen
Bestimmungen und der kritischen Zeitgenossenschaft der Gegenwartskunst an,“
heißt es auf der Website.
Ihre Gedanken sind also noch da. Die Künstlerin, die von sich sagte, sie
gehöre nicht der Frauenbewegung an, hinterlässt einen Meilenstein
feministischer Kunst. Auf die Frage, ob Kunst politisch sein sollte,
beantwortete Export 2025 in einer Podiumsdebatte in Karlsruhe: „Jeder
Einzelne trägt Verantwortung, darüber nachzudenken, was politisch passiert.
Doch muss die Kunst tiefer reinschauen in die Wirklichkeit.“
15 May 2026
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