# taz.de -- Streit in Wien über Aktions-Kunst: Die Entkunstung des Otto Mühl
       
       > Der Kunstbetrieb hält am Wiener Aktionismus fest. Überlebende von Otto
       > Mühls „Aktionsanalytischer Organisation“ haben andere Ideen zu dessen
       > Werk.
       
 (IMG) Bild: Ein österreichisches Sittengemälde: Sektenguru und Aktionskünstler Otto Mühl während seines Gerichtsprozesses 1991 in Eisenstadt
       
       Vom eruptiven Protestritual gegen den österreichischen Nachkriegsmuff zur
       „radikalsten Kunstbewegung des 20. Jahrhunderts“ – der Wiener Aktionismus
       hat am Kunstmarkt und in den Museen Karriere gemacht. Günter Brus, Rudolf
       Schwarzkogler, Hermann Nitsch und Otto Mühl entgrenzten in den 1960ern die
       Malerei zur kathartischen Handlung mit Fleisch, Blut und Körpern. Damals
       skandalisiert, ist der Aktionismus längst Teil des kulturellen Selbstbilds
       Österreichs geworden. Er gilt dort als Fluchtpunkt von fast allem, was in
       der Kunst mit Performance und Aktivismus zu tun hat.
       
       Für den Aktionismus beanspruchen in Wien gleich zwei Einrichtungen die
       Deutungshoheit, das Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig (Mumok) und ein
       Projekt von Sammler:innen und Investor:innen um den Kunsthändler Philipp
       Konzett, das seit 2024 als Wiener Aktionismus Museum (WAM) firmiert. Beiden
       geht es auch um Arbeiten von Otto Mühl (1925–2013) aus der Zeit nach dem
       Aktionismus. Seit den 1970ern hatte Mühl sie als Sektenguru der
       „Aktionsanalytischen Organisation“ angefertigt.
       
       Überlebende, die als Kinder im Zwangssystem der „Mühl-Kommune“ teils
       jahrelang psychischen und sexuellen Missbrauch erfahren haben, kämpfen bis
       heute gegen eine Verwertung von Bildern aus [1][dem Gewaltkontext der
       Sekte] im Kunstmarkt und gegen ihre Normalisierung im Ausstellungsbetrieb.
       1991 wurde Mühl zu einer siebenjährigen Haftstrafe verurteilt, unter
       anderem wegen Vergewaltigung, Beischlaf mit Unmündigen, Missbrauch eines
       Autoritätsverhältnisses, Unterdrückung von Beweismitteln, Druck auf
       Zeug:innen zur falschen Beweisaussage. Seiner Karriere im Kunstsystem tat
       das keinen Abbruch. Erst jetzt, 35 Jahre später und nach Ablauf aller
       Verjährungsfristen, gibt es Aussichten auf eine unabhängige
       wissenschaftliche Aufarbeitung des wahrscheinlich größten Sektenfalls der
       österreichischen Republik.
       
       ## Der Aktionismus, ein Männerding?
       
       Das nachträglich geprägte Label [2][„Wiener Aktionismus“ fasst ganz
       unterschiedliche künstlerische Praktiken zusammen]. Günter Brus setzte in
       Akten von Selbstbemalung und Selbstverletzung nicht nur den eigenen Körper,
       sondern das Künstlersubjekt als solches aufs Spiel. Otto Mühl agierte als
       eine Art Kunstpriester, der stets an anderen Körpern zelebriert. Die
       Manipulation der Körper mit alltäglichen Materialien sollte an ihnen
       Introjekte der Sozialisation in einer repressiven Gesellschaft bearbeiten.
       
       An der Fassade des Wiener Aktionismus Museums lässt sich Mühls damalige
       Praxis an den Grenzen des Übergriffs gut beobachten. Zwischen Galerien und
       Luxusimmobilien im 1. Bezirk ist eine geschosshohe Fensterfläche mit dem
       Display einer Schwarzweißfotografie beklebt. Darauf schiebt ein Mann
       mittleren Alters einem nur als Torso sichtbaren jungen, nackten
       Frauenkörper eine Papierblume in die Gesäßfalte. Es handelt sich offenbar
       um eine Aufnahme seiner Materialaktion „Mama und Papa“ von 1964.
       
       Die Inszenierung von Herrschaft als Machtgefälle zwischen den Geschlechtern
       erzeugt Unbehagen. Der Aktionismus, ein Männerding?
       
       [3][Die Medienkünstlerin Valie Export] berichtete später über die
       Widerstände gegen ihre ersten Aktionen in dieser Zeit: „Die Frau galt nicht
       als selbsttätiges Subjekt.“ Für Stella Rollig, Direktorin des Wiener
       Museums Belvedere, war der Aktionismus „Angriff auf die patriarchale
       Gesellschaft, in dem jedoch lauter Patriarchen zugange waren“.
       
       ## Soll man es zeigen, soll man es nicht?
       
       Es gab temporäre Bündnisse von Aktionisten mit Adolf Frohner, den
       Sprachspielen und „Provokationsprovokationen“ von Oswald Wiener und Gerhard
       Rühm. Ohne den Niederschlag in den Experimentalfilmen Kurt Krens wären
       viele Arbeiten, [4][die heute zum Wiener Aktionismus gezählt werden], als
       in der Form strukturierte Gebilde gar nicht rezipierbar.
       
       Dennoch fokussiert die kunsthistorische Überlieferung das Kunstgeschehen im
       Wien der 1960er auf eine Initialzündung der genialischen vier – Brus,
       Schwarzkogler, Nitsch und Mühl. Ihre Körper- und Materialaktionen lösten
       das Versprechen einer „zweiten Moderne“ ein, so die bislang dominante
       Erzählung im österreichischen Museumsbetrieb. Eine Ausstellung im Mumok
       stellte noch 2016 den Aktionisten Heroen der Jahrhundertwende wie Gustav
       Klimt und Egon Schiele als „nicht minder radikale Vorläuferpositionen im
       eigenen Land“ entgegen. Mit einer so behaupteten Kontinuität drohen die
       Verluste außer Sicht zu geraten, die Massenmord und Vertreibung im
       Nationalsozialismus auch in der kulturellen Überlieferung der Moderne
       verursacht haben – eine Art Identitätsstiftung ohne die Lasten der
       Vergangenheit.
       
       Mittlerweile nimmt das Mumok eine Kurskorrektur vor, versteht sich jetzt
       als „Kompetenzzentrum für die kritische Auseinandersetzung mit dem Wiener
       Aktionismus“. Es gehört zu den Eigenheiten des Wiener Kunstbetriebs, dass
       eine Debatte um den Aktionismus stets bei der Frage landet, ob man Werke
       Mühls heute noch zeigen kann oder sogar muss. Auch jene Werke, die in den
       zwei Jahrzehnten der von ihm begründeten Sekte „Aktionsanalytische
       Organisation“ entstanden sind.
       
       ## Manipulative Psychotechniken im totalitären Mikrokosmos
       
       Die „Mühl-Kommune“ etablierte seit den 1970ern erst in Wien, dann am
       Friedrichshof im Burgenland mit in der Zeit attraktiven Schlagworten
       „Überwindung der Kleinfamilie“ oder „Gemeinschaftseigentum“ und
       manipulativen Psychotechniken einen totalitären Mikrokosmos. Der wurde
       regiert von dem Gebot der Sexualität. Die Gemeinschaft war ein erweitertes
       Kunstprojekt ihres Gurus, das einen „neuen Menschen“ hervorbringen sollte.
       Samt Außenstellen umfasste sie in ganz Europa insgesamt bis zu 700
       Menschen, darunter etwa 150 Kinder. Mühls Malereien aus dieser Zeit haben
       mit seinen aktionistischen Anfängen wenig zu tun, sehr wohl aber mit den
       Gewaltkontexten der Sekte.
       
       Seine Verurteilung 1991 hat das Interesse an Mühl eher befördert. Das
       Wiener Museum für angewandte Kunst (MAK) widmete 1998 dem Haftentlassenen
       eine Ausstellung und feierte spöttisch „seine Reise durch diese
       siebenjährige kreative Staatsklausur“. Claus Peymann gab ihm am Burgtheater
       für einen Abend die Gelegenheit, sich mehr oder minder als Justizopfer zu
       inszenieren. Das Label „Wiener Aktionismus“ verschaffte Mühl Reputation als
       Künstler. Diese soll aber auch der späteren Sektenkunst gelten. Den
       Widerspruch, dass ein Verbrecher bedeutende Kunst geschaffen habe, gelte es
       auszuhalten, vertrat der damalige Mumok-Chefkurator Rainer Fuchs noch 2021
       auf einem Panel über Mühls Kunst.
       
       Nur ist dieses Aushalten nicht dem Publikum auferlegt, sondern denen, die
       unter den Bedingungen der Sekte gelebt haben. Hans Schroeder-Rozelle aus
       der ersten Generation der „Mühl-Kommune“ hat früh begonnen, systematisch
       auf Missbrauchskunst in Ausstellungen und Auktionshäusern hinzuweisen.
       Mittlerweile organisieren sich mit der Gruppe Mathilda jene, die als Kinder
       in der Sekte aufgewachsen sind.
       
       Mit ihrer jetzt im Transcript-Verlag veröffentlichten Publikation „Gewalt
       der Bilder – Bilder der Gewalt“ über „Herausforderungen für die
       kuratorische Praxis“ – unter anderem herausgegeben vom Filmemacher
       Paul-Julien Robert, [5][der] [6][2012] [7][„Meine keine Familie“, einen
       wichtigen Dokumentarfilm zur Kindheit in der Sekte veröffentlichte] – tritt
       Mathilda mit einer Arbeit in Vorleistung, die eigentlich Aufgabe der Museen
       wäre: Problematische Artefakte, fordert die Gruppe, könnten nicht aus einer
       kunsthistorischen, sondern aus einer ethnografischen Perspektive in ihren
       ursprünglichen Kontexten betrachtet werden. Sie könnten entkunstet werden,
       als Akte einer symbolischen Restitution der Überlebenden „in ihren
       eigentlichen Status, der nicht der des ,Materials‘ ist, das Mühl bei der
       Produktion seines Lebens/Kunstwerks verwendet hat“, heißt es in der
       Publikation.
       
       ## „Einem pädosexuellen Sadisten baut man kein Museum“
       
       Die Investor:innen des Wiener Aktionismus Museums verfügen auch über
       spätere Arbeiten Mühls aus der Sammlung am Friedrichshof. Erlöse hieraus
       speisen den Betrieb des WAM, das gerade vergrößert wird und den ehemaligen
       Direktor des Albertina Museums Klaus Albrecht Schröder, ein Schwergewicht
       im Wiener Kunstbetrieb, an Bord hat.
       
       In der Wiener Öffentlichkeit trifft das vermehrt auf Kritik. „Einem
       pädosexuellen Sadisten baut man kein Museum“, schreibt die Künstlerin
       Sophia Süßmilch in der Kommentarspalte des Standard. Mühls Taten müssten
       aufgearbeitet und Verantwortung übernommen werden. Das betrifft auch das
       beredte Schweigen in der Branche selbst. Von seinen Zeitgenossen hat nur
       Günter Brus den Missbrauch in der „Mühl-Sekte“ eindeutig kritisiert.
       
       Die Opferanwältin Maria Windhager, die Mumok-Sammlungsleiterin
       Marie-Therese Hochwartner, Ulrike Schiesser von der Bundesstelle für
       Sektenfragen und die Leiterin eines Kinderschutzzentrums, Hedwig Wölfl,
       fordern Aufklärung. Auch vom österreichischen Staat. Sie wenden sich jetzt
       an den zuständigen Kunstminister und Vizekanzler Andreas Babler (SPÖ). Es
       geht um Entschädigungsfragen und die wissenschaftliche Aufarbeitung von
       7.000 Stunden Filmmaterial im Archiv des Friedrichshofs. Für Babler wird es
       nicht leicht werden. Es waren eine Generation vor ihm vor allem
       sozialdemokratische Politiker:innen, die wegschauend oder aktiv
       unterstützend die Entwicklung der Mühl-Sekte beförderten.
       
       17 Jan 2026
       
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