# taz.de -- Estland und der russische Krieg: „Fuck you“ aus der Sprühdose
       
       > In estnischen Städten kann man Street-Art gegen Russland und gegen Krieg
       > entdecken. Gibt es etwa eine kollektive Ablehnung russischer
       > Kriegsgelüste?
       
 (IMG) Bild: Tallin, hier ohne Graffitis
       
       Es gibt Graffitis, die keine Kunstwerke im herkömmlichen Sinne sind – und
       doch ein Kunstgriff. Die Infotafel zum stattlichsten Kanonenturm in der
       estnischen Hauptstadt Tallinn zierte in den vergangenen Tagen ein
       machtvoller Schriftzug. „Fuck Russia“ hatte jemand auf die Platte vor dem
       „Kiek in de Kök“ gekritzelt, der Urheber unbekannt, der Zeitpunkt kurz vor
       dem 9. Mai gezielt gewählt.
       
       Es ist der Tag, den Russland als Tag des Sieges über Nazideutschland
       feiert. Es ist auch der Tag, an dem die [1][Grenzstadt Narva] im Osten
       Estlands von russischer Seite mit Propaganda beschallt wird. Narva – dessen
       Bevölkerung mehr als genervt ist, wenn man sie nach [2][Carlo Masalas
       Szenario] fragt, dass die Stadt jederzeit mit einem militärischen Überfall
       der Russen rechnen müsse – diese Stadt reagierte mit einer
       Kunstinstallation auf die Provokationen am 9. Mai. Sie stellte Spiegel auf,
       die auf die nahegelegene russische Uferseite des gleichnamigen Flusses
       Narva gerichtet waren.
       
       Street Art ist nichts Ungewöhnliches, ziehen urbane Räume doch diejenigen
       an, die ihre Meinung publikumswirksam verewigen wollen. Auch wegen der
       vielen Tourist:innen. Aber in einem Land, in dem die Folgen der russischen
       Vollinvasion in der Ukraine nun mal zum Alltag gehören, bilden diese
       Kritzeleien doch den Vibe der Zeit ab. Doch gilt das Narrativ der
       kollektiven Ablehnung russischer Kriegsgelüste landesweit? Auch die
       bedingungslose Zustimmung zur EU, zur Nato? „Europa“ und Herzchen – diese
       Schriftzüge sind in Tallinn jedenfalls zuhauf zu finden.
       
       ## Die Guten gegen die Bösen
       
       Der Test für diese Annahmen findet rund 60 Bahnminuten weiter nordwestlich
       statt. Die Fahrt führt durchs flache Land bis zur Küstenstadt Paldiski.
       Dort trainierten einst sowjetische Streitkräfte mit nuklearbetriebenen
       U-Booten. Das ehemalige KZ-Außenlager Klooga ist nur wenige Kilometer
       entfernt.
       
       „No War“-Graffitis gibt es auf etlichen Bürgersteigen, auf Wegen, die zur
       Wohnplatte im Soviet Style führen. Und nein, an zentralen öffentlichen
       Plätzen wie dem Stadtpark oder an der Bahnstation sind keine
       Ukraine-Soli-Bekundungen zu entdecken. Es gibt also keine einheitliche
       Meinung landesweit, auch wenn Regierungsmitglieder dies mantrahaft
       wiederholen.
       
       In Tallinn versucht ein Stadtkünstler sich an dieser Variante: „The only
       thing necessary for the triumph of evil is for good people to do nothing.“
       Der Triumph des Bösen hat nur eine Bedingung: dass gute Menschen untätig
       bleiben. Mühevoll wurde diese Botschaft mit Buchstabenschablonen an eine
       Hauswand gesprayt, flankiert mit der estnischen Flagge.
       
       Offen bleibt, wer die Bösen und wer die Guten sind.
       
       17 May 2026
       
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