# taz.de -- Sprachreform in Estland: Russisch nur noch in der Pause
       
       > Estland lehrt Estnisch verpflichtend als Unterrichtssprache. Wie kommt
       > das bei der russischsprachigen Minderheit an?
       
 (IMG) Bild: Estnische Schüler:innen feiern 30 Jahre Unabhängigkeit von der Sowjetunion, eine Aufnahme aus dem Jahr 2021
       
       taz | Tallin Als im September in Estland das neue Schuljahr begann, hörten
       einige Schüler*innen morgens zur Begrüßung plötzlich eine andere Sprache
       als noch vor den Sommerferien. Statt wie gewohnt mit dem russischen Gruß
       „Zdravstvujte“ wurden die Zweit- und Fünftklässler*innen an den 50
       russischsprachigen Schulen im Land mit den estnischen Worten „Tere
       tulemast“ begrüßt, die in großen Kreidelettern auf die Tafeln geschrieben
       standen.
       
       Estland, im Süden an Lettland, im Osten an Russland grenzend, steht aktuell
       vor einer der größten Bildungsreformen, seit die Sowjetunion 1991 zerfiel
       und das Land unabhängig wurde: Das Land stellt das komplette öffentliche
       Schulsystem auf die Unterrichtssprache Estnisch um. Denn bislang
       unterrichteten gut zehn Prozent der Schulen nahezu vollständig auf
       Russisch. Bis 2030 soll die im vergangenen Jahr begonnene Maßnahme
       abgeschlossen sein. Erklärtes Ziel der Reform: den Teil der Bevölkerung,
       der Russisch als Muttersprache spricht, besser zu integrieren.
       
       Rund ein Viertel der knapp 1,4 Millionen Einwohner:innen Estlands
       gehört zur russischen Minderheit im Land, ein Erbe aus Sowjetzeiten. Der
       Anteil der russischsprachigen Bevölkerung – weil sie ukrainische oder
       belarussische Wurzeln hat – [1][liegt mit rund 30 Prozent sogar noch
       höher.] Der Umfang ihrer Estnischkenntnisse ist meist sehr begrenzt.
       
       Während einige im Land die Sprachreform als längst überfällig sehen, um die
       gesellschaftliche Spaltung des Landes zu überwinden, üben andere Kritik.
       Die Reform erfolge mit der Brechstange, nehme die russischsprachige
       Bevölkerung nicht wirklich mit. Denn hinter der vermeintlichen
       Integrationsmaßnahme steht natürlich auch der Versuch der Abgrenzung vom
       russischen Nachbarn: Viele der russischen Muttersprachler*innen im
       Land informieren sich weiterhin über Medien, die die Propaganda des Kremls
       verbreiten. Die Sprachreform an den Schulen ist auch ein Kampf gegen
       russische Einflussnahme im Land
       
       Kristina Kallas ist seit zwei Jahren estnische Bildungsministerin. Die
       49-Jährige ist selbst estnisch-russisch. Minderheitenrechte und Integration
       hat sie zu ihren politischen Schwerpunkten erklärt – und nun hat sie die
       Aufgabe, Estland von seinem sowjetischen Erbe in der Bildungspolitik zu
       trennen. Dafür reist sie kreuz und quer durchs Land, besucht Schulen, wirbt
       für Akzeptanz und gibt zwischendurch Interviews per Zoom von der Rückbank
       ihres Dienstwagens.
       
       „Die russischen Schulen stammen aus den 1950ern, nachdem die Sowjetunion
       die heutigen baltischen Staaten besetzt hatte“, erklärt Kallas auf einer
       dieser Fahrten. Russland brachte Immigrant:innen aus allen Teilen der
       UdSSR als Arbeitskräfte in das kleine Land. Für sie wurden separate Schulen
       nach russischem System aufgebaut. „Als die Sowjetunion 1991 zerfiel, hatten
       wir auf einmal etwa 100 Schulen im Land, die nicht zu uns gehörten“, sagt
       die Ministerin. Also überführte der Staat sie ins estnische System. Was man
       jedoch nicht anfasste, waren die Unterrichtssprache und das Lehrpersonal:
       „Auf einmal sollten sowjetische Lehrkräfte estnische Geschichte
       unterrichten, das funktionierte einfach nicht.“
       
       Bemühungen, diese Schulen von Russisch auf Estnisch umzustellen, gab es
       immer wieder. Etwa, als die Regierung 2011 beschloss, ab der 10. Klasse
       mindestens 60 Prozent des Unterrichts auf Estnisch abzuhalten. „Russland
       skandalisierte das damals als Assimilation und Apartheid“, sagt Kallas.
       Also ruderte die Politik zurück. Doch seit Russlands Überfall auf die
       Ukraine im Februar 2022 habe sich die Situation grundlegend geändert.
       „Russland hat sein Recht verwirkt, für die russischen Communitys zu
       sprechen“, sagt Kallas.
       
       Spätestens seit 2022 geht in Estland ein immer größerer Teil der
       Russ:innen auf Distanz zu Putin. Eine Umfrage der
       Friedrich-Ebert-Stiftung aus dem Mai 2023 stellte fest, dass [2][zwei
       Drittel der russischsprachigen Befragten in Estland unzufrieden mit seiner
       Politik sind] – auch wenn die Gruppe den Krieg deutlich ambivalenter
       betrachtet als die estnischstämmige Bevölkerung. Kallas sieht eine Chance,
       die Reform endlich umzusetzen. „Für uns hieß das: Jetzt oder nie.“
       
       Tatsächlich ist Estland sowohl geografisch als auch sozioökonomisch stark
       nach Sprache getrennt. Die russische Minderheit lebt vor allem im Nordosten
       des Landes, nahe der Grenze zu Russland, und in der Hauptstadt Tallinn. Im
       bevölkerungsreichsten Tallinner Stadtteil Lasnamäe, der in den 70ern als
       Plattenbausiedlung für die Zuwanderer:innen angelegt wurde, sind bis
       heute mehr als die Hälfte der Einwohner Russ:innen. In der Grenzstadt
       [3][Narva, der drittgrößten des Landes, sind es sogar fast 90 Prozent.]
       
       ## Die russischsprachige Szene ist sehr isoliert
       
       Vielen der russischen Muttersprachler:innen verschließen sich
       Karriere- und Aufstiegschancen, da sie nicht die nötigen Sprachkenntnisse
       haben. Denn um an einer Universität zu studieren, braucht es gute
       Estnischkenntnisse. Auch in vielen Berufen ist Estnisch eine
       Grundvoraussetzung. Und während immer mehr Est:innen Englisch und andere
       Fremdsprachen lernen, beherrschen 40 Prozent der Russ:innen in Estland
       nur ihre Muttersprache. Die Statistiken setzen sich fort: Russischstämmige
       Est:innen haben höhere Arbeitslosenquoten, geringere Einkommen und
       schätzen ihren Gesundheitszustand als generell schlechter ein. Und auch
       kulturell sind Russ:innen in Estland im Vergleich zu ihrem
       Bevölkerungsanteil eher unterrepräsentiert.
       
       Inmitten des hippen Tallinner Stadtviertels Kalamaja, in dem sich bunt
       bemalte Holzhäuser adrett aneinanderreihen, liegt die Bar Heldeke. Der
       Eingang befindet sich die Treppe hinunter im Kellergeschoss und führt in
       einen Barraum mit einer Bühne, die von einem roten Samtvorhang
       abgeschlossen wird. Wer in den Backstage-Bereich tritt, den grüßen eine
       eingebaute Holzsauna sowie direkt daneben ein mit Kacheln gefliester Raum
       samt Dusche und Kaltwasserpool.
       
       Heldeke war früher ein Bordell, bis der Australier Dan Renwick das Gebäude
       vor neun Jahren übernahm und es zu einem Hotspot der lokalen Kulturszene
       umbaute. Heute ist die Bar einer der Hauptspielorte des alljährlichen von
       ihm ausgerichteten Theater- und Performancefestivals „Tallinn Fringe“, das
       überall in der Stadt Kleinkunst darbietet. Das reicht von Straßentheater,
       Konzerten und Stand-up-Comedy bis hin zu Cabaret und Burlesque.
       
       Eine der Künstlerinnen, die eng mit der Tallinn Fringe verbunden ist, ist
       Jana Levitina. Sie kommt aus der russischen Minderheit im Osten des Landes,
       hat aber auch jüdische und ukrainische Wurzeln. In Erscheinung tritt sie
       einerseits als Stand-up-Comedienne und Co-Gründerin des FLINTA-Kollektivs
       „Pussy Jam Comedy“. Auf der Bühne thematisiert sie ihre slawische Herkunft
       und ihr Verhältnis zu Estland, arbeitet sich aber auch an Themen wie
       Sexismus und Kapitalismus ab.
       
       Gelegentlich schlüpft Levitina noch in ein ganz anderes Outfit. Dann trägt
       sie dick aufgetragenes Make-up mit asymmetrischem Lippenstift, eine
       rotbraune Perücke, von der ein Stoffhase baumelt, und ein buntes Kleid, das
       aus allerlei pastellfarbenen Tüllfetzen besteht. Als Drag Princess lebt sie
       eine performative Weiblichkeit aus, die ihr das Patriarchat im Alltag nicht
       zugestehe, wie sie sagt. Gespickt sind ihre Shows dabei mit reichlich
       Selbstironie und einer atemberaubenden Fülle an Wortwitzen.
       
       Im vergangenen Jahr hat Levitina ein zweiwöchiges Mini-Comedy-Festival im
       Rahmen der Fringe organisiert: Die Hälfte des Programms war auf Englisch,
       die andere auf Russisch. Für Letzteres traten vor allem Komiker auf, die
       Russland, Belarus oder die Ukraine wegen des Krieges oder aus politischen
       Gründen verlassen mussten. „Wir haben damit ein neues Publikum erschlossen,
       aber die Resonanz war trotzdem leider eher gering“, sagt sie.
       
       „Das Problem ist, dass die russischsprachige Szene sehr isoliert ist und
       dadurch stark durch russische Expats und Comedians geprägt wird, die immer
       noch in Russland auftreten.“ Obwohl Levitinas Muttersprache Russisch ist,
       performt sie deshalb fast ausschließlich auf Englisch. Dennoch sei es
       wichtig, das russischsprachige Publikum bei Kulturveranstaltungen nicht zu
       vernachlässigen. Doch dafür brauche es Geld, das derzeit selbst für
       russlandkritische Projekte immer knapper werde.
       
       Seit dem Haushalt 2024 werden die Ausgaben für Kultur kontinuierlich
       gekürzt, bis 2027 sollen es 7 Prozent weniger sein. Während der Kunstszene
       zweistellige Millionenbeträge gestrichen werden, plant Estland im Rahmen
       des Fünf-Prozent-Ziels der Nato bis 2029 mehr als 10 Milliarden Euro für
       den Wehretat auszugeben. In der Bildung wiederum wird ebenfalls der
       Rotstift angesetzt – ausgerechnet beim Sprachwechsel lassen sich laut
       Bildungsministerium problemlos Gelder einsparen. Man habe zur Sicherheit
       mehr Budget für die Reform eingeplant, das sich nun aber angeblich
       [4][problemlos um 18 Millionen Euro kürzen ließe, ohne substanzielle
       Einschnitte] bei der Umsetzung hinnehmen zu müssen. Wie genau das
       funktionieren soll, das bleibt allerdings in den Erläuterungen des
       Ministeriums vage.
       
       Levitina besuchte eine russische Schule und fing erst in ihren 20ern an,
       Estnisch wirklich zu benutzen. Ein Universitätsstudium schloss sie auch
       nach mehreren Versuchen nicht erfolgreich ab. „Mir fiel es schwer, diese
       ganzen Informationen in einer Fremdsprache zu verarbeiten“, sagt sie.
       
       Dass Estland neben dem Estnischen auch das Russische zur Amtssprache machen
       könnte, war politisch nie eine Option. Aber der alternativlose Umstieg auf
       Estnisch birgt nun ebenfalls innenpolitisches Konfliktpotenzial: Die
       estnische Zentrumspartei gilt seit Jahrzehnten als Sammelbecken für einen
       großen Teil der russischen Wählerschaft. Im Jahr 2004 ging die Partei sogar
       ein Kooperationsabkommen mit der russischen Regierungspartei Geeintes
       Russland ein, das erst 2022 nach Beginn des russischen Angriffskriegs auf
       die Ukraine beendet wurde.
       
       Zu diesem Zeitpunkt war die heutige EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas
       Premierministerin. Schon vor der erneuten Invasion Russlands in der Ukraine
       2022 führte sie Estland auf einen harten Anti-Russland-Kurs. Ihre resolute
       Unterstützung Kyjiws brachte ihr politisch damals viel Anerkennung ein. Sie
       war es auch, die die aktuelle Bildungsreform ins Rollen brachte. Als sich
       die damals mitregierende Zentrumspartei weigerte, Estnischunterricht in
       allen Kindergärten verpflichtend zu machen, entließ sie deren gesamte
       Minister:innenriege und suchte sich neue Partner:innen.
       
       ## Angriffsfläche für den Kreml
       
       Trotz dieses Polarisierungspotenzials fällt die generelle Einstellung zum
       Sprachwechsel an den Schulen aber insgesamt positiv aus. Eine staatliche
       Umfrage vor Reformbeginn ergab, dass 96 Prozent aller estnischstämmigen und
       immerhin 70 Prozent der russischstämmigen Einwohner:innen im Land die
       Maßnahmen unterstützen. Allerdings bietet die Reform dem Kreml so oder so
       reichlich Angriffsfläche für seine Propaganda.
       
       Einer, der dieser russischen Propaganda Einhalt gebieten will, ist Ilja
       Dotšar. Der 36-Jährige arbeitet in Tallinn als Redakteur für den
       russischsprachigen Teil des estnischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks ERR
       und kümmert sich dort um die internationalen Radionachrichten. Er sitzt in
       einem historischen Bau aus den 1940ern im Zentrum Tallinns mit brauner
       Steinfassade und ausgiebigen Stuckverzierungen im Treppenhaus. In den
       Innenräumen befinden sich helle Newsrooms mit moderner Technik.
       
       Neben Onlineangeboten gibt es in Estland drei staatliche Fernseh- und fünf
       Radiokanäle, von denen jeweils einer auf Russisch sendet. „Wir haben das
       größte russische Mediensegment in der gesamten EU“, sagt der
       Nachrichtenredakteur. Das russische Programm unterscheidet sich laut Dotšar
       vor allem im Ton und im Fokus: „Wir senden beispielsweise viele Nachrichten
       aus mehrheitlich russischsprachigen Regionen.“ Hinzu kommen zweisprachige
       Formate. Etwa die Nachrichtensendung „Aktualnee kaamera“, dessen Name sich
       tatsächlich von den Staatsnachrichten der DDR herleitet – ein weiteres
       Relikt aus Sowjetzeiten. Doch am russischsprachigen Programm der
       Öffentlich-Rechtlichen wird derzeit nicht gerüttelt. „Man muss die Menschen
       im Land informiert halten“, plädiert auch der Redakteur. Dazu zählen neben
       den Russ:innen eben auch viele Ukrainer:innen in Estland. Ein großer
       Teil von ihnen sind Geflüchtete. Ihr Bevölkerungsanteil beläuft sich
       mittlerweile auf mehr als 5 Prozent.
       
       Für Estland ist ein breites russischsprachiges Medienangebot deshalb kein
       Nice-to-have, sondern eine integrative Notwendigkeit. Als Russland die
       Ukraine überfiel, ließ man in Estland den Zugang zu russischen
       Fernsehsendern sperren. „Aber es gibt immer noch Telegram-Gruppen, Facebook
       und Satellitenfernsehen“, sagt Dotšar. In manchen Regionen ist mittlerweile
       ein regelrechter Kampf um die Informationshoheit ausgebrochen.
       
       Einer dieser Orte ist Narva. Zum „Tag der Befreiung“ am 9. Mai ließ
       Russland von der Nachbarstadt Iwanogorod aus die estnische Seite mit
       Propagandamusik beschallen und animierte die Menschen zum Mitsingen. Die
       estnische Regierung hält regelmäßig mit eigenen Konzerten dagegen, etwa
       diesen Sommer mit dem Eurovision-Star Tommy Cash, der neben estnischen auch
       russisch-ukrainische Wurzeln hat. Doch diese gegenseitigen Provokationen
       sind harmlos im Vergleich zu dem, was Militärexperten das „Narva-Szenario“
       nennen: einen russischen Angriff auf Estland oder sogar die gesamten
       baltischen Staaten, der von der Grenzstadt ausgeht.
       
       Zwar rechnet damit zumindest öffentlich derzeit niemand, doch Russlands
       jüngste Vorstöße in den Luftraum der Nato vergrößern die Sorge vor einer
       weiteren Eskalation. Zunächst waren es mehrere russische Drohnen, die
       Anfang September über Polen abgeschossen wurden. Ebenfalls im September
       drangen zudem drei russische Kampfjets für zwölf Minuten in den estnischen
       Luftraum ein. EU-Außenbeauftragte Kallas sprach von einer „schweren
       Provokation“. Der US-Botschafter bei den Vereinten Nationen, Michael Waltz,
       betonte, dass die USA mit ihren Verbündeten „jeden Zentimeter des
       Nato-Territoriums“ verteidigen würden. Im Zuge dessen verstärkt das Bündnis
       seine Ostflanke weiter. Deutschland will [5][eine bestehende Mission zur
       Überwachung des polnischen Luftraums ausweiten].
       
       Für Ilja Dotšar ist Moskaus Säbelrasseln erst einmal kein Grund zur Panik.
       „Das ist nichts Neues. Russland war in der Vergangenheit sogar schon
       deutlich aggressiver“, sagt er. Laut Daten der estnischen Luftwaffe gab es
       seit 2014 mehr als 40 russische Luftraumverletzungen über Estland. Ganz
       kalt lässt die aktuelle Lage aber auch den Radiomoderator nicht: „Die
       Anspannung steigt.“
       
       Dotšar wuchs in einer estnisch-russischen Familie auf und besuchte eine
       russischsprachige Schule. „Der Estnischunterricht war damals schrecklich
       und ich wollte die Sprache gar nicht lernen“, erinnert er sich. Erst fünf
       Jahre nach seinem Abschluss nahm er einen zweiten Anlauf. „Ich lebe in
       Estland und bin estnischer Staatsbürger – es wäre doch merkwürdig, wenn ich
       kein Estnisch spreche“, sagt er. Ihm hätten sich durch diesen späten Start
       keine Türen verschlossen, aber vielen seiner Freunde schon.
       
       Die Schulreform sieht er gespalten. Er hält sie zwar grundsätzlich für
       richtig, aber tut sich mit der Umsetzung schwer. „Ich habe Kristina Kallas’
       Partei gewählt, und ich bin so enttäuscht worden“, sagt er. Vor ihrer
       Ernennung habe sie ein integratives Schulmodell angestrebt, das estnische
       und russische Kinder in Kontakt miteinander bringen sollte. „Als sie
       Ministerin wurde, warf sie das komplett über den Haufen.“ Außerdem
       schnitten die Schüler:innen der ersten auf Estnisch umgestiegenen
       Schulklassen miserabel in Vergleichsarbeiten ab.
       
       ## Russische Sprache und Kultur im Land eindämmen
       
       Dieses Jahr bestanden 70 Prozent der Tallinner Viertklässler:innen, deren
       Muttersprache nicht Estnisch ist, entweder die estnischen Sprachtests oder
       die Fachprüfungen nicht. Hinzu kommen andauernde Entlassungen von
       Lehrkräften. Kristina Kallas geht davon aus, dass im Zuge der Reform jede
       siebte Lehrkraft ersetzt werden muss. Das wären immerhin insgesamt rund
       2.500 Lehrer:innen. Seit diesem Schuljahr müssen diese nämlich mindestens
       über Estnischkenntnisse auf Sprachniveau B2 verfügen, also fast fließend
       die Sprache beherrschen, um weiter unterrichten zu dürfen. In der Praxis
       wird oft sogar ein noch höheres Niveau gefordert.
       
       Viele der Lehrkräfte an den von der Reform betroffenen Schulen haben diese
       Qualifikation jedoch nicht erreicht. Da sie in Estland nicht verbeamtet
       sind, wurden ihre Verträge nicht verlängert. Einige waren dem Ruhestand
       ohnehin nahe, während andere nun beruflich umsatteln müssen. Ersetzt werden
       sie oft durch weniger erfahrenes Personal oder durch Quereinsteiger:innen.
       
       Irene Käosaar ist Rektorin in Narva und betreut dort drei Schulen. Die
       Pädagogin wuchs als Kind estnisch-russischer Eltern bilingual auf. Bisher
       sieht sie die Reform positiv. „Ich dachte, es würde anfangs schwerer sein,
       aber in Narva und Tallinn ließen sich genug Grundschullehrer finden“, sagt
       sie. Wichtig sei dabei vor allem das Vertrauen der Eltern, das sie vor Ort
       spüre. „Natürlich haben sie viele Fragen und machen sich Sorgen, aber
       soweit läuft es gut“, versichert die Schulleiterin.
       
       Um Lehrkräfte in die Region zu holen, wurden die Gehälter im Landkreis
       deutlich angehoben. „Man verdient hier im Schnitt um die Hälfte mehr“, sagt
       Käosaar. Bisher funktioniere dieses Anreizsystem. Doch die größte
       Herausforderung stehe noch bevor: Ab dem kommenden Jahr würden insbesondere
       an den weiterführenden Schulen mehr Lehrkräfte mit den nötigen
       Sprachkenntnissen gebraucht. Trotzdem findet die Rektorin es wichtig, dass
       die Reform zügig umgesetzt wird: „Es geht schnell, es wird hart und es
       braucht Geld und Ressourcen, aber wir müssen es jetzt angehen.“
       
       Von den schlechten Ergebnissen aus Tallinn zeigt sich Käosaar eher
       unbeeindruckt. „Diese Tests gab es früher nicht, deswegen können wir sie
       auch mit nichts vergleichen.“ Belastbare Analysen werde es erst mit der
       Zeit geben. Doch auch sie hat Vorbehalte gegenüber dem neuen System. „Die
       Reform dreht sich nur um die Sprache und nicht, wie man die Kinder besser
       integriert“, stellt sie fest. Sie sieht deshalb nicht zuletzt ein
       politisches Kalkül dahinter. Ein Kalkül, das auch darauf abziele, die
       russische Sprache und Kultur im Land einzudämmen: „Zu Hause wird ja weiter
       Russisch gesprochen – aber womöglich geht die kulturelle Identität dadurch
       etwas verloren.“
       
       Denn auch wenn das Bildungsministerium beteuert, dass den Menschen ihre
       Sprache nicht genommen wird, sondern sie im Gegenteil eine weitere
       dazubekommen: Überzeugen kann diese Argumentation längst nicht alle. Zumal
       die Regierung im März beschloss, Nicht-EU-Staatsbürger*innen das
       Kommunalwahlrecht zu entziehen. Die am stärksten davon betroffene Gruppe
       sind die etwa 83.000 russischen Passinhaber:innen im Land, die nicht
       zugleich die estnische Staatsbürgerschaft haben.
       
       An die Möglichkeit, dass Moskau die Sprachreform als Anlass gebrauchen
       könnte, um Estland zum verstärkten Ziel einer hybriden Kriegsführung zu
       machen, glaubt man in der Regierung zumindest offiziell nicht. „Russland
       ist zu beschäftigt mit der Ukraine, als dass es noch Raum hätte,
       irgendetwas in Estland anzustacheln“, glaubt Kristina Kallas. Die jüngsten
       Drohgebärden des Kremls sprechen jedoch zumindest symbolisch eine etwas
       andere Sprache.
       
       Eine gewisse Grundanspannung gehört in Estland mittlerweile sowieso zum
       Dauerzustand. Man weiß nur zu gut, dass Estland einen der verwundbarsten
       Punkte der EU und der Nato ist.
       
       Im „Narva-Szenario“ wären es maximal 60 Stunden, bis russische Truppen
       Tallinn und Riga erreichen würden. Der Zweckoptimismus mit dem die
       Regierung die Schulreform angeht, lässt sich vielleicht ganz gut übertragen
       auf die Grundanspannung, mit der man auf die russische Bedrohung blickt: Es
       wird schon alles, denn es muss ja.
       
       8 Oct 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.stat.ee/en/news/population-census-76-estonias-population-speak-foreign-language
 (DIR) [2] https://library.fes.de/pdf-files/bueros/baltikum/20566-20230915.pdf
 (DIR) [3] https://andmed.stat.ee/en/stat/rahvaloendus__rel2021__rahvastiku-demograafilised-ja-etno-kultuurilised-naitajad__rahvus-emakeel/RL21429
 (DIR) [4] https://news.err.ee/1609808847/education-ministry-trims-18-million-in-budget-review
 (DIR) [5] https://www.spiegel.de/politik/deutschland/russland-ukraine-krieg-deutschland-will-engagement-an-nato-ostgrenze-verstaerken-a-ac8ee672-8160-4177-b41d-598e65ed6509
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Alexander Kloß
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Estland
 (DIR) Tallinn
 (DIR) russische Minderheit
 (DIR) Lesestück Recherche und Reportage
 (DIR) GNS
 (DIR) Istanbul-Konvention
 (DIR) Schwerpunkt LGBTQIA
 (DIR) Drohnen
 (DIR) Russland
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Lettland beendet Frauenschutzabkommen: Der Flurschaden ist angerichtet
       
       Das lettische Parlament will den Austritt aus der Istanbul-Konvention. Die
       Argumentation für die Entscheidung ist so unschlüssig wie abwegig.
       
 (DIR) Trans Personen in Europa: Eingriff in die Menschenwürde
       
       Trans Personen mussten sich lange Zeit sterilisieren lassen, wenn sie ihr
       Geschlecht offiziell ändern wollten. Die emotionalen Folgen sind
       verheerend.
       
 (DIR) Bedrohung des Luftraums: Drohnen fliegen, Sterne funkeln, Politiker zittern
       
       Nach Drohnen über Dänemark gibt es Kritik an der Regierung. Auch andere
       Länder sind betroffen. Was plant Deutschland zum Schutz des Luftraums?
       
 (DIR) Kriegsgefahr in Europa: Begrabt den letzten Sommer in Frieden
       
       Die Angriffe auf den Nato-Luftraum fühlen sich an, als würden wir nicht nur
       die warmen Sonnenstrahlen verabschieden. Provokationen werden Alltag.