# taz.de -- Pilzsaison: Form folgt Funghi
       
       > Die Pilzsaison geht wieder los! Das beste Buch des Jahres dazu ist
       > bereits erschienen und trägt den wenig überraschenden Namen: „Mushrooms“.
       
 (IMG) Bild: Der Pilz als Kunstobjekt: Bobby Doherty, Untitled, 2025
       
       Pilze hatten schon [1][immer Konjunktur], und das aus ganz verschiedenen
       Gründen. In den 70er Jahren waren es die Magic Mushrooms, heute fungieren
       Pilze [2][als nachhaltiger Werkstoff in Verpackungen oder Wänden], und zu
       allen Zeiten landeten sie natürlich auf dem Teller.
       
       Der Band „Mushrooms“ aus dem Taschen Verlag widmet sich [3][dieser
       Faszination] nun auf 292 großformatigen Seiten. Er gehört in die
       Projekteküche des 2011 von David Lane und Marina Tweed in London
       gegründeten Magazins The Gourmand, das kulinarische Praxis und kulturelle
       Reflexion verbindet. Was einleuchtet, wenn man die 46 Originalrezepte am
       Ende des Buches betrachtet, die von den unterschiedlichsten
       Herangehensweisen zeugen, mit denen Pilze weltweit in allen Kulturen
       zubereitet und geliebt werden – sei es als knusprige Tempura, als Risotto
       oder als Pierogi, die [4][in Polen zu Weihnachten beliebt sind].
       
       Vor den Pilzen hatte es vom Gourmand-Team bereits Bände über Eier und
       Zitronen gegeben. Genau wie bei diesen handelt es sich auch bei „Mushrooms“
       um eine Sammlung von Geschichten und Rezepten mit exquisitem Bildmaterial:
       von Gemälden berühmter Altmeister und ikonischen Fotografien über
       revolutionäre Comics und Poster bis zu wissenschaftlichen Illustrationen.
       
       ## Der große unterirdische Organismus
       
       Die erste Geschichte gilt dem geheimnisvollen Wesen der Pilze, die weder
       Tiere noch Pflanzen sind, obwohl sie bis 1969 als solche betrachtet wurden.
       Tatsächlich stehen sie den Tieren näher. Auf molekularer Ebene nutzt der
       uns so fremde Organismus ähnliche Lösungen wie wir für grundlegende
       Lebensprozesse. Deshalb sind Pilze auch für den Menschen pharmazeutisch so
       produktiv. Die sichtbaren Teile, die wir uns als Steinpilz, Pfifferling
       oder Morchel schmecken lassen, sind die Fruchtkörper eines viel größeren
       Organismus, des unterirdischen Myzels. Im Fall des Honigpilzes im Malheur
       National Forest in Oregon erstreckt es sich über 1.000 Hektar, wiegt 30.000
       Tonnen und ist bis zu 8.600 Jahren alt.
       
       Ihre Fruchtkörper sind eine köstliche Nahrung, hin und wieder freilich auch
       willkommenes Mittel für einen Giftmord. Richtig dosiert, ist jedoch etwa
       das giftige Mutterkorn ein Heilmittel, das seit dem Mittelalter dabei
       hilft, die Wehen einzuleiten und Blutungen zu stillen. Und gleichzeitig
       liefert der Mutterkornpilz Ausgangsstoffe für die Synthese von LSD, das
       neben den Psilocybin produzierenden Magic Mushrooms bis heute als
       Halluzinogen dient. Davon handelt das Kapitel „Mind Over Mushroom“, doch
       auch in den Abschnitten über die Rolle des Pilzes in Kunst, Musik,
       Literatur, Architektur und Design kommen seine bewusstseinserweiternden
       Kräfte zur Sprache. Nicht zuletzt können davon – ganz ohne Intoxikation –
       die Bio- und Neurowissenschaften ein Forscherlied singen.
       
       Im Kapitel „Form Follows Funghi“ belegen unter anderem Lampen die
       ästhetische Attraktion des Gewächses, wie Verner Pantons ubiquitäre
       ikonische Tisch- und Stehleuchte „Panthella“ mit ihrem pilzförmigen Schirm.
       Der Amerikaner Earl Young, dessen Credo naturnahes Bauen war, ließ vor
       hundert Jahren seine Häuser wie Pilze aus dem Boden sprießen, was besonders
       bei seinem „Thatch House“ deutlich wird: Young ließ dessen pilzförmig
       gestuftes Dach mit Reet decken, das in Michigan unbekannt war.
       
       Besonders schön ist das Kapitel über „Philip Guston’s Mushroom Nail“. Die
       späte Hinwendung des berühmten abstrakten Expressionisten zur figurativen
       Kunst wird hier analog zum Aufblühen der Pilze als ein „unwahrscheinliches
       Wachstum“ charakterisiert, „das unaufgefordert und unerwartet auf den
       verfallenden Überresten der modernistischen abstrakten Malerei entstand“.
       
       Bewusstseinserweiternd sind selbstredend die Rezepte. Egal ob einfache
       Pilztarte, finnischer Pilzsalat mit Sauerrahm und Honigwein oder Kimchi aus
       Pilzen und Chinakohl, die Vorschläge sind schon beim Lesen ein
       inspirierender Genuss. Mehr wird an dieser Stelle aber nicht verraten – die
       Gerichte sollte man selbst erleben.
       
       31 Jul 2026
       
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