# taz.de -- Einkaufen bei alten Hippies: Mein Freund, der Pilz
       
       > Mit Substanzen ist unsere Autorin vorsichtig. Aber Vorsicht ist nicht
       > alles – vor allem, wenn der Partner die Dinge anders sieht. Und sehen
       > will!
       
       Mein Freund und ich kommen vom Mittagessen. Plötzlich biegt er ohne
       Vorankündigung in einen Laden ein und steuert direkt auf den Verkäufer zu.
       Wir würden gerne Kakao trinken, sagt er und zwinkert ihm zu. „Und – wie war
       es?“, fragt der Verkäufer kumpelhaft zurück. „Spannend“, sagt A. und grinst
       verschwörerisch.
       
       Ich merke, wie Irritation in mir aufsteigt. Wer ist dieser Verkäufer?
       Kennen die sich? Und was soll hier spannend sein? Jetzt muss man wissen,
       dass wir während dieser Unterhaltung in Wiens ältestem Superfood-Store
       stehen. Man merkt, dass hier alte Hippies am Werk sind: Räucherstäbchen,
       Kleidung aus Hanf, daneben Vitalstoffe und [1][Adaptogene] nach TCM oder
       Ayurveda. Hinten links eine ganze Wand mit riesigen Gläsern voller loser
       Kräuter und getrockneter Pilze.
       
       Ich merke, wie sich mein Nacken verkrampft. Klar, ich liebe Kakao, aber
       wenn schon, dann bitte aus der Konditorei nebenan, wo er mit Kuhmilch,
       Zucker und Sahne zubereitet wird und mir so richtig schön die Arterien
       verklebt. Nur A. liebäugelt halt immer wieder mit New-Agestan und hat
       deshalb auch nichts gegen die spirituelle Variante.
       
       „Ich will keinen Kakao“, sage ich genervt, aber da drückt mir ein
       ätherischer Mitarbeiter auch schon einen Probierbecher in die Hand. Ich
       fühle mich in der Zwickmühle und rieche misstrauisch daran. Riecht
       eigentlich ganz lecker, also nehme ich einen winzigen Schluck.
       
       ## Mein Schwein springt im Viereck
       
       Als wir wieder vor der Tür sind, mache ich meinem Unmut Luft. „Sag mal,
       musstest du mich in so eine Situation bringen?“ A. guckt bedröppelt. „Ich
       dachte, du freust dich“, sagt er. „Du liebst doch Kakao.“ – „Ja“, sage ich,
       „aber doch nicht so einen Gruselkakao, bei dem ich überhaupt nicht weiß,
       was drin ist.“ – „Rohkakao“, zählt A. auf: „Kokosblütenzucker,
       Erbsenmilch.“ Ich rolle mit den Augen wie eine Antiveganerin. „Und was war
       jetzt – spannend?“, frage ich.
       
       „Och, ich war gestern schon mal hier und hab mir was gekauft“, sagt A. „Was
       denn?“, frage ich alarmiert. „Amanita Muscaria“, antwortet er, als ob ich
       ein Botaniklexikon wäre. „Was ist das?“, frage ich. „Fliegenpilz“, sagt er,
       und ich glaube, mein Schwein springt im Viereck.
       
       Nun ist es nämlich so, dass ich in Sachen Substanzen vorsichtig bin. Mit
       dem Rauchen habe ich vor Kurzem aufgehört, Alkohol nur noch ab und zu, Gras
       und MDMA finde ich weniger gruselig, aber psychoaktive Pilze?!
       
       Das Problem ist nun aber, dass A. Pilze liebt. Ob Reishi, Lion’s Mane oder
       [2][Magic Mushrooms]. Bei einem Trip nach Prag fielen ihm immer wieder
       Häuserfassaden auf, auf denen kleine Pilze abgebildet waren. „Wusstest du,
       dass der Baum der Erkenntnis auf Abbildungen in der Kirche wohl
       ursprünglich ein Fliegenpilz war?“, erzählte er neulich professorenhaft.
       „Und im Schamanismus …“ Bereits da hätte ich ahnen können, dass uns
       demnächst wohl ein neuer Pilz ins Haus steht.
       
       Muss das sein?“, frage ich. Denn [3][Fliegenpilze] werden gemeinhin als
       giftig eingestuft. Darüber hinaus sollen sie psychedelisch sein. A. nickt
       heftig. Er gehe gerade durch eine Phase der Transformation und dabei könne
       der Pilz ihm helfen. „Nicht dein Ernst“, sage ich, aber es wäre nicht A.,
       wenn es nicht sein Ernst wäre.
       
       „Und wie wirkt der?“, frage ich. „Wenn man eine winzige Menge vom
       getrockneten Pilz konsumiert, dämpft er das Angstzentrum. Man wird klarer
       und fokussierter.“ – „Und das willst du jetzt ernsthaft machen!?“ – „Hab
       ich schon – gestern. Und mir geht’s fantastisch!“ Na toll, ein Freund, der
       jetzt mit dem gesamten Universum per Du ist. Was bin ich nur für ein
       Glückspilz.
       
       21 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://de.wikipedia.org/wiki/Adaptogen
 (DIR) [2] /Behandlung-von-Magersucht/!5944122
 (DIR) [3] /Die-Wahrheit/!6115687
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anna Fastabend
       
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