# taz.de -- Pilzfluencer über Pilzvielfalt: „Die Fahne für die Funga hochhalten“
> Tiere und Pflanzen sind fest im gesetzlichen Naturschutz verankert. Linus
> Koch findet, das sollte auch für Pilze gelten.
(IMG) Bild: Nicht Tier, nicht Pflanze – aber lecker: der Steinpilz
taz: Herr Koch, Pilze kenne ich vor allem aus dem Supermarkt. Bisher hat
sich daraus noch keine Pilzbegeisterung entwickelt. Was fasziniert Sie an
Pilzen?
Linus Koch: Pilze bilden eine riesige Organismengruppe, man findet sie in
nahezu allen Lebensräumen, an jeder Ecke und in allen Formen und Farben –
man muss nur genau hinsehen. Sie sind aber auch ein bisschen mysteriös.
[1][Bei vielen Arten wissen wir noch nicht mal, wie sie überhaupt leben.]
taz: Wo fühlt sich der Pilz denn überall wohl?
Koch: Überall da, wo er Bedingungen zum Leben findet. Das kann vielfältig
sein. Manche mögen es ein bisschen kühler, andere deutlich wärmer. Pilze
sind – genauso wie der Mensch – Konsumenten und auf Stoffwechselprodukte
anderer Organismen angewiesen. Die findet er zum Beispiel im Holz. Das kann
an einem Baum sein, aber auch an einem Schuppen oder der Fußleiste.
taz: Vermutlich ein Grund, warum sich andere Menschen vor Pilzen ekeln.
Woher kommt diese Abneigung?
Koch: Ich denke, das ist die Angst vor dem Unbekannten. Es gibt auch
giftige Pilze. Andere wirken nicht so einladend, sind zum Beispiel
schleimig. Bei manchen entsteht dadurch eine Faszination, bei anderen eher
eine Abneigung. Pilze wurden in der Forschung auch lange stiefmütterlich
behandelt, galten als niedere Pflanzen, obwohl sie sich klar von diesen
abgrenzen – sie betreiben ja beispielsweise keine Photosynthese.
taz: Ist Hamburg ein gutes Pflaster für Pilze?
Koch: Das kann man schon sagen. Im Gegensatz zu anderen Metropolen ist
Hamburg recht grün, hat relativ viele Bäume. Und überall da, wo Vegetation
ist, sind auch Pilze. Das können dann Parks sein, alte Friedhöfe oder
direkt vor der Haustür – vor meiner zum Beispiel stehen Fliegenpilze oder
auch die Geweihförmige Holzkeule.
taz: Warum sind Moore für Pilze wichtig?
Koch: Moore sind spezielle Lebensräume. Sie sind extrem nass. Für viele
Arten ist das eher lebensfeindlich – ob für Tiere, Pflanzen oder Pilze.
Gerade deshalb findet man dort hochspezialisierte Arten. Zum Beispiel
fleischfressende Pflanzen, wie den Sonnentau. Oder auch Torfmoose – und
daran angepasst den Torfmoossaftling. Das ist ein kleiner roter Pilz, der
teils richtig tief drin in den nassen Torfmoosen stehen kann.
taz: Und der kommt in Hamburg gut zurecht? Auch in Zukunft?
Koch: Ökosysteme leben ja von Interaktion – geht es dem Habitat gut, hilft
das auch dem Pilz. Aber klar, Klimaerwärmung und längere Trockenperioden
[2][schaden den Mooren], genauso wie ein zu hoher Nährstoffeintrag durch
Landwirtschaft, Autoverkehr oder andere Faktoren. Darauf reagieren Pilze
sehr fragil. Deswegen sind sie auch wichtige Indikatoren von Ökosystemem –
aber leider nicht im planungsrelevanten Naturschutz verankert.
taz: Pilze sind noch nicht Teil des Naturschutzes?
Koch: Nicht wirklich des gesetzlichen, nein. Pflanzen und Tiere sind im
Naturschutz gesetzlich planungsrelevant, das heißt, sie werden bei
Bauvorhaben rechtlich geschützt. Für Pilze gibt es zwar teilweise Rote
Listen – diese definieren allerdings nur die Vorkommen und haben keinen
Einfluss auf den Schutzstatus von Lebensräumen. In Deutschland gibt es auch
nur [3][ein einziges Naturschutzgebiet, das aufgrund fungaler Diversität
ausgewiesen wurde].
taz: Es gibt aber Bestrebungen, das zu ändern?
Koch: Ja, die Deutsche Gesellschaft für Mykologie versucht da zum Beispiel
etwas auf den Weg zu bringen. Aber auch andere feldmykologisch Tätige
probieren, über Vorträge, Öffentlichkeits- oder Forschungsarbeit die
Wertigkeit der Pilzvielfalt klarzustellen – und diese dann bestenfalls in
Gesetze einzubringen. Hier vor Ort versuchen wir mit der Umweltbehörde oder
Naturschutzverbänden im Diskurs zu sein und die Fahne für die Funga – als
Äquivalent zur Flora und Fauna – hochzuhalten.
27 Jan 2026
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