# taz.de -- Studium und Bafög: Das Studium der Dorothee Mantel
       
       > Studierende sollen mehr arbeiten, findet Forschungsministerin Dorothee
       > Bär. Sie habe schließlich auch gejobbt. Aber wie war das noch mal genau?
       
 (IMG) Bild: Dorothee Bär, damals noch Dorothee Mantel aber schon CSU im November 2004
       
       Ende Mai gab Dorothee Bär [1][ein Interview, das viele Studierende und auch
       den Koalitionspartner überraschte.] Nachdem die Forschungsministerin sich
       ausführlich über Raumfahrt und künstliche Intelligenz ausgelassen hatte,
       sprach sie kurz über die geplante Bafög-Erhöhung. Sie habe „gehört, dass
       die Reform von den Regierungsfraktionen nicht mehr unterstützt wird“, sagte
       Bär der Funke Mediengruppe.
       
       [2][Die SPD stellte sofort klar, dass sie an der Reform festhalten will.]
       Es ist also Bärs eigene Fraktion, die diese nun infrage stellt. Dabei hatte
       die Koalition sich eigentlich geeinigt: Die Wohnkostenpauschale für
       Studierende mit Bafög sollte von 380 auf 440 Euro erhöht werden, auch der
       allgemeine Bafög-Satz stufenweise steigen.
       
       Die Forschungsministerin hätte sich nun als Anwältin des akademischen
       Nachwuchses begreifen oder einen neuen Kompromiss vorschlagen können. Bär
       aber setzt einen anderen Ton: Studierende seien „sehr privilegiert“, sagt
       sie, es gebe in Deutschland ja keine Studiengebühren. Da sei es „kein
       Drama“, wenn Studierende neben dem Studium arbeiteten. Im Gegenteil, oft
       sammle man dabei wichtige Erfahrungen – „für das Leben und den Beruf“. Auch
       sie selbst habe neben ihrem Studium gejobbt.
       
       Aber taugt Bärs Bildungsweg tatsächlich als ein Vorbild?
       
       ## Doppelbelastung Studium und Politik
       
       Bär wird 1978 als Dorothee Gisela Renate Maria Mantel in Unterfranken
       geboren. Ihr Vater und Großvater waren Bürgermeister. Mit 14 Jahren,
       „sobald es ging“, geht sie in die Schülerunion und tritt zwei Jahre später
       in die CSU ein. Mit 17 ist sie „in meiner Wahrnehmung extrem cool“, fährt
       eine taubenblaue Vespa und trägt Netzstrümpfe, Doc Martens und
       abgeschnittene Jeans. So erinnert sie sich später.
       
       Nach dem Abitur beginnt Mantel ein Studium der Politikwissenschaft in
       München, von der CSU-nahen [3][Hanns-Seidel-Stiftung] bekommt sie ein
       sogenanntes Büchergeld-Stipendium. Schon mit 23 wird sie in den Vorstand
       ihrer Partei gewählt. Beim Ring Christlich-Demokratischer Studenten setzt
       sie sich früh für Studiengebühren ein.
       
       Schon früh hat Mantel also eine Doppelbelastung aus Studium und Politik.
       Dazu kommt schon bald ein aufwendiger, aber gut bezahlter Nebenjob: Mit 24
       Jahren wird Dorothee Mantel als bisher jüngste CSU-Abgeordnete in den
       Bundestag gewählt.
       
       Nur Anna Lührmann von den Grünen und ein gewisser Jens Spahn sind noch
       jünger. Kurz vor der Bundestagswahl 2002 und schon als CSU-Kandidatin macht
       Mantel noch ein Praktikum in der Politikredaktion von Springers
       Boulevardblatt B. Z.
       
       ## „Spießrutenlauf“ am OSI
       
       Mantel wechselt nicht nur ins politische Berlin, auch ihr Studium setzt sie
       am [4][Otto-Suhr-Institut] (OSI) an der Freien Universität Berlin fort.
       
       Das OSI gilt, damals, noch mehr als heute, als linkes Institut. Als Mantel
       dort studiert, werden viele Lehrstühle noch von Alt-68ern bekleidet. Auch
       viele Studierenden sind links, zwischen den Seminaren treffen sie sich im
       Roten Café auf ein zapatistisches Heißgetränk.
       
       Nicht so Dorothee Mantel: „Ich bin immer zwischen Reichstag und OSI hin-
       und her gependelt“, erzählt sie in ihrer Rede bei der Abschlussfeier. In
       ihrem Opel Corsa wechselt sie den Hosenanzug, den sie im Bundestag trägt,
       gegen eine Jeans, um am linken Institut nicht aufzufallen.
       
       Das Studium am OSI sei manchmal ein „Spießrutenlauf“ gewesen, erzählt sie
       in einem Interview. Sie habe versucht, ihre Doppelrolle geheim zu halten,
       für Referate meldet sie sich immer gleich am Beginn des Semesters, bevor
       man sie erkennt. Einmal aber habe eine Kommilitonin ihre Diplomarbeit
       vorgestellt, zur Frage, ob die CSU eine rechtsradikale Partei sei: „Da
       konnte ich meinen Mund nicht halten.“
       
       Die „typische Studentin, die in der Bibliothek sitzt“, sei sie nie gewesen.
       Sie habe ihre Bücher lieber selbst gekauft: „Von daher war mir die
       Ausstattung der Bibliothek nie so wichtig.“ 2005 klingt bei ihr aber auch
       eine Kritik an der Bologna-Reform an: Sie sei „froh, Diplom-Politologin zu
       sein“, und nicht nur einen Bachelor zu haben. Ihre Abschlussnote: 1,5.
       
       ## Wie ernst hat Mantel ihr Studium genommen?
       
       Bei der Abschlussfeier des OSI im Jahr 2005 hält nicht nur Mantel eine
       Rede, sondern auch die SPD-Politikerin Gesine Schwan, langjährige
       Professorin am OSI. An eine Begegnung mit Mantel erinnert Schwan sich heute
       nicht mehr. Die Aussagen der Forschungsministerin über das Bafög und das
       Arbeiten neben dem Studium zeigten aber, dass sie „wenig Respekt vor der
       Ernsthaftigkeit eines wissenschaftlichen Studiums hat“, so Schwan auf
       Anfrage der taz.
       
       Nach dem Abschluss 2006 heiratet Mantel ihren Mann Oliver Bär, ebenfalls
       ein CSU-Politiker. Später kommt heraus, dass sie ihn bis kurz vor der
       Hochzeit als wissenschaftlichen Mitarbeiter angestellt hatte, ebenso wie
       die Lebensgefährtin ihres Vaters.
       
       Die Diplomarbeit von Dorothee Bär ist weder in der Bibliothek des OSI noch
       im Katalog der Hanns-Seidel-Stiftung auffindbar. Anders als bei Promotionen
       gibt es für Diplomarbeiten keine Veröffentlichungspflicht. Am OSI konnten
       Studierende selbst entscheiden, ob ein Exemplar ihrer Arbeit in der
       Bibliothek verbleibt.
       
       Auch bei der Hanns-Seidel-Stiftung, die Bärs Studium mit einem Stipendium
       unterstützt hat, ist die Abschlussarbeit nicht zu finden. Außerdem könne
       man „zu Vorgängen, die zwei Jahrzehnte zurückliegen, keine Auskünfte
       erteilen“.
       
       Die Pressestelle der FU Berlin teilt mit, die Abschlussarbeit unterliege
       dem Persönlichkeitsrecht: „Wenn Frau Bär einer Herausgabe zustimmt, kann
       der Titel der Arbeit herausgegeben werden.“
       
       ## Bär ist Mantel treu
       
       Die taz hat die Forschungsministerin gefragt, zu welchem Thema sie ihre
       Abschlussarbeit geschrieben hat. Hat ihr Studium von ihrer Arbeit
       profitiert, wie die Forschungsministerin es heutigen Studierenden nahelegt
       – oder hat es unter der Doppelbelastung gelitten?
       
       Titel und Thema der Arbeit verrät Bärs Ministerium auf Anfrage der taz
       nicht, nur den Betreuer: den mittlerweile verstorbenen Professor Werner
       Väth. Bär habe neben ihrem Studium „unter anderem in der Gastronomie, im
       Einzelhandel sowie bei verschiedenen Medien“ gearbeitet.
       
       Zumindest ein Werk aus Bärs Studienzeit lässt sich finden: In der
       Zeitschrift Politische Studien der Hanns-Seidel-Stiftung schrieb sie 2001
       einen kurzen Beitrag über „Compassionate Conservatism“, einen mitfühlenden
       Konservatismus. Die Idee stammt vom damaligen US-Präsidenten George W.
       Bush.
       
       Kritiker sehen darin den Versuch, Sozialkürzungen ein freundliches Gesicht
       zu geben. Mantel dagegen erkannte einen „dritten Weg von rechts“. Man könne
       das Selbstwertgefühl von Hilfsbedürftigen stärken und ihre
       Eigenverantwortung stärken, statt „das Bild von hilflosen Empfängern
       staatlicher Wohltätigkeiten“ zu vermitteln. In dieser Frage ist die
       Forschungsministerin Bär der damaligen Studentin Mantel offensichtlich treu
       geblieben.
       
       6 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Koalitionsstreit-beim-Bafoeg/!6180000
 (DIR) [2] http://tagesschau.de/inland/innenpolitik/bafoeg-reform-koalition-100.html
 (DIR) [3] https://www.hss.de/
 (DIR) [4] https://www.polsoz.fu-berlin.de/polwiss/index.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Kersten Augustin
       
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