# taz.de -- Fußball-WM 2026: Gianni Infantinos beinahe grenzenlose Allmacht
       
       > Das Lebenselixier der Fifa ist ihre Nähe zu denen, die in der Welt das
       > Sagen haben. Der Präsident hält sich deshalb für einen Superhelden mit
       > Zauberkräften.
       
       Die ganz große Eskorte ist [1][Gianni Infantino] dann doch verwehrt
       geblieben. Beim Fifa-Kongress Anfang Mai im kanadischen Vancouver musste
       der Präsident des Internationalen Fußballverbands (Fifa) mit gewöhnlichen
       Sicherheitsmaßnahmen vorliebnehmen. Die große motorisierte Eskorte, die an
       keiner Ampel stehen bleiben muss, werde nur organisiert, wenn der Papst
       komme oder ein US-Präsident, meinte die lokale Polizeibehörde. Unerhört.
       Infantino ist doch der [2][„König des Fußballs“]. So jedenfalls nennt ihn
       US-Präsident Donald Trump schon mal.
       
       Selbst die wichtigsten Regierungschefs der Welt waren mitunter nicht so
       häufig im Weißen Haus zu Gast wie Infantino. Auch beim saudischen
       Kronprinzen Mohammed bin Salman, in dessen Königreich 2034 die Fußball-WM
       stattfinden soll, ist er regelmäßig zu Gast. Vom russischen
       Staatspräsidenten Wladimir Putin, der 2018 den WM-Siegerpokal an das
       französische Team übergeben hat, bekam er den höchsten Orden des Landes
       verliehen.
       
       Er war dabei, als Israel und die Vereinigten Arabischen Emirate
       vereinbarten, sich diplomatisch anzunähern. Und als Donald Trump im Februar
       im Nachgang des brutalen Gazakriegs einen Friedensrat als Konkurrenz zu
       bestehenden internationalen Institutionen gegründet hat.
       
       Der Internationale Fußballverband ist längst mehr als ein Sportverband, der
       für die Spielregeln und Großturniere verantwortlich ist. Er spielt mit in
       der Weltpolitik. Dabei ist er weit mehr als ein gern gesehener Zaungast,
       gerade bei den finstereren Herrschern dieser Welt.
       
       ## Russland, ein Sommermärchen
       
       2018 hat die Fifa der Russischen Föderation, deren Expansionsdrang
       spätestens seit der Annexion der Krim nur allzu offensichtlich war, mit dem
       WM-Turnier ein wahres Sommermärchen beschert. Fans aus aller Welt sangen
       und soffen sich vier Wochen durch das Land, dessen Söldner in der
       Ostukraine ihr mörderisches Handwerk verrichteten. Imagewashing nennt man
       diese Art der Instrumentalisierung des Sports zu propagandistischen
       Zwecken.
       
       Solches hat auch vor vier Jahren in Katar bestens funktioniert. Der
       Imagefilm, den die Fifa nach dem Turnier produzieren ließ, singt das
       Hohelied auf das erste globale Fußballfest, das in der muslimischen Welt
       stattgefunden hat. Schon lange vor Turnierbeginn hatte die Fifa kein
       Interesse mehr daran, aufzuklären, wie es eigentlich zu der WM-Vergabe an
       Katar gekommen ist, ob sich das Emirat das Turnier gekauft hat und welche
       Rolle die geschäftlich-diplomatischen Beziehungen Frankreichs zu Katar
       dabei gespielt haben.
       
       Der Verband hatte einer Region zum Imagegewinn verholfen, deren Rohstoffe
       immer noch der Treibstoff für die Weltökonomie sind. Die gut dokumentierten
       Todesfälle auf den Stadionbaustellen in Katar, die für brave Proteste in
       der westlichen Welt gesorgt hatten, waren zur Fußnote geworden, sobald der
       erste Anstoß in Doha erfolgt war. Als der Emir von Katar Lionel Messi, dem
       Kapitän der argentinischen Weltmeistermannschaft, bei der Siegerehrung
       einen Umhang in traditioneller Tracht umlegte, hatte die politische Kraft
       des Fußballs ihre volle Wirkung entfaltet.
       
       Der Fußball soll auch bei der anstehenden WM im Co-Gastgeberland USA seine
       Rolle als Imageaufheller spielen und von den Machenschaften der
       ICE-Schergen ablenken, die immer noch wahllos Immigranten in Lager stecken
       und ausweisen. Die Fifa hat ihre Stimme auch nicht erhoben, als klar wurde,
       dass Fußballfans aus den von Donald Trump mit Einreisebeschränkungen
       belegten Staaten auch dann nicht in die USA einreisen dürfen, wenn sie ein
       Ticket für ein Spiel erworben haben.
       
       ## Ganz nah angeschmiegt
       
       Während der Weltverband in den vergangenen Jahren die Gastgeberländer immer
       dazu gezwungen hat, keine Steuern auf die Einnahmen während des Turniers zu
       erheben, muss in den USA brav der Steuersatz bezahlt werden, der in den
       jeweiligen Bundesstaaten gilt. Die Fifa hat sich ganz nah an die USA
       angeschmiegt. Dafür will sie von der Macht Donald Trumps in der Welt
       profitieren. Wie wohl sich Gianni Infantino bei den Weltmachtspielen fühlt,
       ist auf den Bildern, die ihn im Oval Office neben Donald Trump zeigen, nur
       allzu deutlich zu sehen.
       
       Der Friedenspreis, den die Fifa Donald Trump in einer irrwitzigen Zeremonie
       verliehen hat, bei der sich der US-Präsident höchstselbst eine Medaille um
       den Hals gehängt hat, mag Stoff für Memes geworden sein, über die die
       aufgeklärte Welt nicht müde wird zu lachen. Man kann es durchaus als
       anmaßend bezeichnen, wenn die Spitze eines Sportverbands glaubt,
       weltpolitische Ereignisse besser beurteilen zu können als das Komitee, das
       den Friedensnobelpreis verleiht. Und doch passt dies zu den Veränderungen
       dieser Zeit, in der die Weltordnung gewaltig durcheinandergewirbelt wird.
       
       Erst die Geschichte wird zeigen, ob das Kopfschütteln über Trumps
       Friedensrat angebracht war, in den man sich für 1 Milliarde US-Dollar
       einkaufen kann, wenn man möchte. Oder ob sich dort ein neues Machtzentrum
       etabliert, das man mit dem heutigen Blick aus einer liberalen Demokratie
       heraus als gruselig bezeichnen mag.
       
       Und wenn sich andere Machthaber auf der Welt dereinst um eine Auszeichnung
       mit dem Fifa-Friedenspreis reißen, wird das Lachen über diese Ehrung
       vielleicht schneller verklingen, als man sich das angesichts der
       lächerlichen Bilder von der Verleihung an Donald Trump vorstellen kann.
       
       ## Die Mehrheit will Infantino
       
       Immer denen ganz nah zu sein, die in der Welt das Sagen haben oder es
       zumindest anstreben, ist das Lebenselixier der Fifa, die so lange bestens
       funktionieren wird, solange ihr Präsident Gianni Infantino Jahr für Jahr
       den Mitgliedsverbänden mehr Geld überweisen kann. Hatte die Fifa im
       Vierjahreszyklus rund um die WM in Katar 2022 noch einen Umsatz von 6
       Milliarden ausgewiesen, rechnet sie diesmal mit 9 Milliarden. Ein Großteil
       des Geldes wird an die Mitgliedsverbände ausgeschüttet.
       
       Zwar regt sich zaghafter Widerstand gegen die Politisierung des Verbandes,
       die Infantino auch durch die Schaffung seines Friedenspreises vorantreibt.
       Doch die große Mehrheit der 211 Mitgliedsverbände wird dankbar die Hände
       heben, wenn sich Infantino im kommenden Jahr für eine weitere Amtszeit von
       vier Jahren als Fifa-Präsident bewirbt.
       
       Im Vorfeld des Fifa-Kongresses in Vancouver hatte der Norwegische
       Fußballverband darauf hingewiesen, dass die Statuten des Weltverbands
       politisches Agieren eigentlich untersagen würden. Auf dem Kongress war das
       dann schon kein Thema mehr. Fragen der Presse musste sich Infantino
       deswegen ebenfalls nicht stellen. Schon lange hat er keine Pressekonferenz
       mehr gegeben.
       
       Und aus dem eigenen Haus muss er schon lange nichts mehr befürchten.
       Niemand rechnet mit einer ernsthaften internen Untersuchung des Falls durch
       die Ethikkommission der Fifa, nachdem diese von Infantino regelrecht
       gleichgeschaltet worden ist. Als Infantino Anfang 2016 an die Macht kam,
       war das noch anders.
       
       ## Die einstige Hoffnung auf Reform
       
       Der Schweizer hatte sich als Reformkandidat um die Nachfolge seines
       Landsmanns Sepp Blatter an der Fifa-Spitze beworben. Der Weltverband befand
       sich damals in der größten Krise seiner Geschichte, nachdem mehr als eine
       Handvoll Spitzenfunktionäre aus verschiedenen Ländern in Zürich wegen
       Korruptionsvorwürfen festgenommen worden waren.
       
       Die Frage, ob sich ein Verband selbst reformieren kann, der von einer
       Clique von Menschen geführt wird, deren oberstes Ziel die eigene
       Bereicherung war, lag in der Luft. Und nachdem eine neu eingesetzte
       Ethikkommission den ehemaligen Präsidenten Blatter tatsächlich von allen
       fußballerischen Betätigungen ausgeschlossen hatte, bestand durchaus
       Hoffnung in dieser Richtung. Sogar gegen Infantino selbst wurde ermittelt,
       weil er allzu ausgiebig mit Privatjets durch die Welt geflogen sein soll.
       
       Zehn Jahre später wird die Fußballwelt nun Zeugin einer beispiellosen
       Machtfülle des Fifa-Präsidenten, für den die wohlformulierten Regularien
       seines Verbands nicht zu gelten scheinen. Er ist unantastbar. Widerspruch
       hat er nicht zu befürchten, solange er jedes Jahr aufs Neue mehr Geld
       versprechen kann. Das ist so einfach wie traurig und passt nur allzu gut in
       eine Welt, die sich zunehmend an den Vorstellungen von Oligarchen mit
       Allmachtsfantasien orientiert.
       
       Bei all der Nähe, die Gianni Infantino zu Superreichen und MAGA-Mächtigen
       sucht, ist es kein Wunder, dass er sich selbst für eine Art Superhelden mit
       Zauberkraft hält. Beim jüngsten Fifa-Kongress in Vancouver hat er versucht,
       den Präsidenten des palästinensischen Fußballverbands, Jibril Rajoub, und
       Basim Scheich Suliman, den Vizepräsidenten des israelischen Verbands, zu
       einem Händedruck auf offener Bühne zu bewegen. Die beiden spielten nicht
       mit. Den Israel-Palästina-Konflikt kann der Chef eines Sportverbands dann
       doch nicht so einfach im Handstreich lösen.
       
       8 Jun 2026
       
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 (DIR) Andreas Rüttenauer
       
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