# taz.de -- Nach Kommunalwahl in Großbritannien: Premier Starmer auf dem Drahtseil
       
       > Der britische Regierungschef versucht mit einer Grundsatzrede den
       > Befreiungsschlag nach dem Wahldebakel der vergangenen Woche. Es gelingt
       > nur so halb.
       
 (IMG) Bild: Keir Starmer bei seiner Rede in London am 11. Mai
       
       Eine Atempause für Keir Starmer? Die Labour-Hinterbänklerin [1][Catherine
       West], die am Wochenende eine Kampfkandidatur gegen den britischen
       Premierminister Keir Starmer um die Labour-Parteispitze androhte, hat von
       diesem Vorhaben vorläufig abgelassen. West hatte am Sonntag angekündigt,
       dass sie ihren Schritt von der mit Spannung erwarteten Rede Starmers am
       Montag nach dem Labour-Wahldebakel der vergangenen Woche abhängig machen
       würde.
       
       Nach der Rede sagte West, dass sie Starmers Ideen und Energie begrüße und
       daher jetzt nicht die Kraftprobe suche. Doch sei die Rede zu wenig und zu
       spät, weswegen sie sich nun für einen ordentlichen Führungswechsel bei
       Labour im September einsetzen werde.
       
       Sie sammelt jetzt eine Liste von Unterstützern. Um eine Abstimmung über die
       Parteiführung zu erzwingen, braucht West ein Fünftel der
       Labour-Parlamentsfraktion, das sind derzeit 81 Labourabgeordnete. 51 hat
       sie bereits, zählten Journalisten am Montagnachmittag.
       
       Die Verschiebung nutzt Starmer also nur vordergründig. Sie gibt nämlich
       seinem aussichtsreichsten Rivalen – [2][Andy Burnham], derzeit
       Labour-Oberbürgermeister von Manchester – Zeit, per Nachwahl ins Unterhaus
       einzuziehen, was die Voraussetzung wäre, dass er überhaupt gegen Starmer
       antreten kann.
       
       ## Nicht Reform UK oder Grüne nachahmen, sagt Starmer
       
       Starner hatte in seinem [3][Auftritt in London am Montagvormittag]
       bekräftigt, dass er die Verantwortung für die Wahlniederlage übernehme. Es
       gehe jetzt für Labour darum, nicht Reform UK oder Grüne nachzuahmen,
       sondern eine bessere Version Labours zu werden. Es sei ein Kampf um nichts
       weniger als um die Seele des Landes.
       
       Starmer sprach von den Frustrationen und Verzweiflungen der Menschen nach
       Jahrzehnten des Status Quo. Er verteidigte seine Entscheidungen zum
       Irankrieg, zur Kindersozialhilfe, zur Wirtschaftsstabilisierung und dem
       Gesundheitssystem, und sagte, dass auch die Einwanderungszahlen sinken. Er
       gestand, dass er auch Fehler gemacht habe.
       
       „Wir sind für arbeitende Menschen im Einsatz, ich bin ihr Premierminister,
       und dies ist ihre Regierung … Wir müssen dieses Land fairer machen“,
       verkündete er zum Beifall der Versammelten und verwies auf Ankündigungen am
       Mittwoch, wenn der König mit der turnusmäßigen Regierungserklärung die neue
       Sitzungsperiode des Parlaments eröffnet.
       
       Drei Dinge nannte er im Voraus: einen gesetzlichen Rahmen zur
       Verstaatlichung der Stahlindustrie, bessere Beziehungen zur EU und Chancen
       für alle jungen Menschen auf einen Ausbildungsplatz und eine Arbeitschance
       zu erhalten. Details, etwa zur zukünftigen Gestaltung der Beziehung zur EU,
       worauf viele Brexit-Gegner gehofft hatten, fehlten allerdings.
       
       ## Zuspruch von der Stellvertreterin
       
       Die stellvertretende Parteichefin [4][Lucy Powell] sagte der BBC, dass ihr
       die Worte Starmers gefallen hätten, denn sie hätten gezeigt, was Starmer
       persönlich motiviere – genau das, was das Land hören wollte. Die Frage der
       BBC, ob der Premier in einem Monat noch im Amt sein werde, beantwortete
       Powell laut mit lautem „Yes!“. Es war Zuspruch von einer der wichtigsten
       Labour-Stimmen, denn Powell wurde vergangenes Jahr als Vertretung der
       Starmer-kritischen linken Parteibasis gewählt.
       
       Aber Powells Vorgängerin [5][Angela Rayner], die damals wegen
       Steuerhinterziehung hatte zurücktreten müssen, wiederholte bei einem
       Gewerkschaftstreffen ihre [6][bereits am Sonntag geäußerte Kritik], dass
       ihrem Verbündeten Andy Burnham nie der Weg zurück ins Unterhaus hätte
       verwehrt werden sollen. Der eigentlich Starmer-freundliche zentristische
       Parteiflügel „Labour Growth Group“ mit rund 100 Abgeordneten schloss sich
       den Forderungen nach einem Zeitplan für Starmers geordneten Abgang an.
       
       Starmer scheint die Krise zunächst knapp überlebt zu haben. Aber es bleibt
       ein Drahtseilakt.
       
       11 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://en.wikipedia.org/wiki/Catherine_West
 (DIR) [2] https://en.wikipedia.org/wiki/Andy_Burnham
 (DIR) [3] https://www.youtube.com/watch?v=cekO6k25QsQ
 (DIR) [4] https://en.wikipedia.org/wiki/Lucy_Powell
 (DIR) [5] https://en.wikipedia.org/wiki/Angela_Rayner
 (DIR) [6] https://x.com/AngelaRayner/status/2053505486306046248
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Daniel Zylbersztajn-Lewandowski
       
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