# taz.de -- Ex-Sternekoch über Mensa-Betrieb: „Das Kochen war meine Hintertür zur Welt“
       
       > Frederik Pavlik hat in ausgezeichneten Restaurants gearbeitet. Jetzt
       > serviert er im Keller der Hamburger Kunsthochschule Mittagessen. Er tut
       > das gerne.
       
 (IMG) Bild: „Jetzt bringt die Mensa Ruhe in mein Leben“, sagt Frederik Pavlik, hier an seinem Arbeitsplatz
       
       Frederik Pavlik huscht von der Küche zur Essensausgabe der Mensa. In seiner
       Hand eine Kelle, auf dem Kopf eine Kappe. Um ihn herum brummt es:
       Mittagszeit. Als er mich sieht, hält er inne und winkt: „Hey, ich bin Fred!
       Hast du schon gegessen oder möchtest du mal probieren?“ 
       
       taz: Fred, du hast in den besten Restaurants der Welt gekocht. Jetzt
       betreibst du eine Mensa. Verstehe ich das, wenn wir ganz vorne beginnen? 
       
       Frederik Pavlik: Angefangen hat’s mit meiner Kochausbildung, die habe ich
       in einem Hotelrestaurant in Höxter gemacht. Das war ziemlich oldschool und
       so typisch Koch: heiß, dreckig und hart. Verbrennungen vom Herd und die
       Abzugshaube schrubben, bis der Grillreiniger auf den Kopf tropft. Wir
       hatten jedes Jahr fünf neue Azubis und nach ein paar Monaten war’s nur noch
       einer. Alle anderen haben gesagt: „Nee, das ist mir zu blöd!“
       
       taz: Aber du bist geblieben. 
       
       Pavlik: Für mich war es damals irgendwie das, was ich brauchte. Mein Leben
       war gefühlt eh schon so zerbröselt, dass ich das als ebenbürtig erachtet
       habe.
       
       taz: Wie sah dein Leben damals aus? 
       
       Pavlik: In meiner Jugend gab’s viele Unsicherheiten. Ich hatte wirklich
       Angst, es irgendwie nicht zu schaffen und alleine zu sein. Doch als ich die
       Ausbildung anfing, habe ich das als Chance gesehen, mich aus dem Chaos
       heraus zu manövrieren. Das war meine Hintertür zur Welt.
       
       taz: Was meinst du mit „Hintertür zur Welt“? 
       
       Pavlik: Ein Ausweg. Ich bin ein Scheidungskind und war früh auf mich
       alleine gestellt: Meine Mutter wurde krank, mein Vater war viel im Ausland.
       Und Abitur war damals keine Option. Irgendwie dachte ich immer trotzdem: Da
       draußen gibt es sicher was, wofür sich das alles lohnt. Dann habe ich das
       Kochen gefunden.
       
       taz: Wie hat dir das geholfen? 
       
       Pavlik: Es hat was Heilendes, jeden Tag aufs Neue etwas Schönes auf den
       Teller zu bringen. Das tat mir gut. Es kam mir vor wie mein Schlüssel zu
       einem schönen Leben. Ich wollte unabhängig sein und frei. Mir war klar,
       dass ich nach der Lehre in der Provinz als Koch nicht viel erleben kann.
       Also schrieb ich 30 Bewerbungen nach Hamburg, da lebten mein Vater und mein
       Bruder. Und dann bin ich in einem Fünf-Sterne-Hotel an der Alster gelandet.
       
       taz: Du bist direkt von der Ausbildung ins Fünf-Sterne-Hotel gegangen? 
       
       Pavlik: Und das war gut so. Es war klassische französische Küche und alles
       lief organisierter ab.
       
       taz: Du bist ja weg, um etwas zu erleben. Hat das in Hamburg geklappt? 
       
       Pavlik: Ich war schon viel unterwegs, lernte die Stadt kennen, bei Tag und
       Nacht. Nach ein paar Monaten war mir klar, [1][jedes Wochenende in den
       Pudel Club gehen] ist schön und gut, aber ich wollte mich ja eigentlich
       handwerklich weiterentwickeln. Ich überlegte, auf ein Schiff zu gehen oder
       für die Saison in die Schweiz. Aber letzten Endes haben mein Bruder, unser
       Vater und ich im Fernsehen Nachrichten geguckt, als ein Bericht aus Nahost
       lief. Und dann habe ich die beiden angeguckt: „Wollen wir da mal hin?“
       
       taz: Wie jetzt? 
       
       Pavlik: Ja, das war spontan. Wir sind für zwei Wochen nach Israel geflogen
       und haben eine Rundreise gemacht. Danach habe ich direkt meinen Job im
       Hotel gekündigt und bin einen Monat später wieder hin.
       
       taz: Einfach so? 
       
       Pavlik: Mit einem Koffer und sonst nichts. Kein Zimmer und kein Job. Ich
       habe in einem Hostel gepennt und saß die erste Woche abends immer am Meer
       und hab da reingeguckt und dachte nach. Ich hatte es mir einfacher
       vorgestellt, dort einen Job als Koch zu bekommen. Doch ohne Kontakte lief
       nichts. Mich hat dann eine Gruppe von Strandverkäufern angesprochen, die
       haben Portemonnaies verkauft. Denen habe ich mich angeschlossen. Bei jedem
       verkauften Ding habe ich die Hälfte bekommen.
       
       taz: Das klingt jetzt aber anders als geplant. 
       
       Pavlik: Das hab ich nur ein paar Tage gemacht. Irgendwann habe ich wen
       kennengelernt, meine erste kleine Liebe. Sie hat mir einen Job als Koch
       besorgt, in einem Fischrestaurant in der Altstadt von Tel Aviv, so einem
       Touriladen. Für ein paar Monate war ich dort. Danach habe ich kurze
       Praktika in anderen Restaurants in Tel Aviv gemacht. Dabei hatte ich
       jemanden kennengelernt, der in einem sehr guten Restaurant arbeitete, dem
       Messa Chef Restaurant. Also ging ich dorthin. Und da haben wir wirklich
       Fine Dining gemacht. Alles roch gut, viel Barbecue und die Teller waren
       schön. Das war herrlich. Aber gleichzeitig eskalierte es weiter
       militärisch, wir versteckten uns immer wieder im Shelter. Irgendwann
       meinten da alle zu mir: „Jetzt sieh zu, dass du wegkommst!“
       
       taz: Also bist du zurück nach Hamburg? 
       
       Pavlik: Genau, ich war dann erst mal ganz schön verwirrt, wie es
       weitergehen soll. Über Ecken bin ich dann in einem kleinen Bistro in
       Eppendorf gelandet. Die haben neu aufgemacht und suchten einen Koch. Da
       konnte ich praktisch machen, was ich wollte. Ich war 22 und hatte meine
       erste Küchenchefstelle.
       
       taz: Was waren das für Sachen, die du da gemacht hast? 
       
       Pavlik: So kleine Tapas-Teller: Süßwasser-Sashimi auf Avocado-Pfannenbrot
       oder geschmortes Lamm in der Form von Baklava.
       
       taz: Aber da bist du nicht so lange geblieben, oder? 
       
       Pavlik: Etwas länger als ein halbes Jahr. Ich hatte in Tel Aviv später noch
       jemand anderes kennengelernt. Sie lebte in Österreich. Und wir waren
       verliebt, also ging ich nach Wien. Geplant waren nur ein paar Monate, aber
       ich blieb über ein Jahr. Ich arbeitete in einem ganz feinen Restaurant von
       Silvio Nickol. Zwei Sterne. Gerade als ich ankam, wurden sie auch noch
       Restaurant des Jahres.
       
       taz: Oha.
       
       Pavlik: Jau, der Küchenchef war richtig auf Action. Eigentlich war das
       ganze Team auf Action. Das waren lange Tage und 8-Gänge-Menüs mit Taube,
       Langustine und Gänsestopfleber.
       
       taz: Klingt ziemlich stressig. 
       
       Pavlik: War auch ein rauer Ton, wobei ich immer ziemlich gut weggekommen
       bin. Ich war auch nach Feierabend oft noch mit feiern, das verbindet. Aber
       es gab auch welche mit schlechteren Karten. Die wurden dann wie Mahnmale
       vor allen zerfetzt. Manchmal bin auch ich mit einem mulmigen Bauchgefühl
       zur Arbeit gefahren.
       
       taz: Hat dich das an dem Beruf zweifeln lassen? 
       
       Frederik Pavlik: Nee, das war für mich wie ein Training. Ich hatte nach
       anderthalb Jahren eher ein anderes Problem: Wien war schön, aber ich war
       nicht bereit. Ich war nicht bereit, mich da so zu sammeln. Weil mein Plan
       ja ursprünglich war, ein paar Wanderjahre einzulegen. Als meine Kollegen in
       die Sommerferien gegangen sind, habe ich einfach gekündigt und bin nie
       wieder aufgetaucht. Ich habe es nicht übers Herz gebracht, ihnen am letzten
       Tag zu sagen, dass ich nicht wiederkomme. Ich habe mich so schlecht
       gefühlt. Das hat mich noch lange verfolgt.
       
       taz: Hattest du etwas Spezielles im Sinn? 
       
       Pavlik: Ich hatte von einem Restaurant in Kapstadt gehört, das mir nicht
       aus dem Kopf ging. Also habe ich einen Flug nach Kapstadt gebucht.
       
       taz: Du bist einfach wieder weit weg geflogen? 
       
       Pavlik: Ja, mit meinem Koffer. Dann habe ich mir direkt in der ersten Woche
       einen Tisch reserviert in dem Restaurant, in das ich wollte: The Test
       Kitchen, die waren zu der Zeit ganz schön im Hype. Als ich mir das Menü
       bestellt habe, kam der Küchenchef zu mir.
       
       taz: Bist du ihm aufgefallen, weil du alleine da warst? 
       
       Pavlik: Ich denke, es waren eher meine Narben vom Kochen an den Armen. Die
       hat er wahrscheinlich gesehen. Er kam nämlich und fragte, was ich da will.
       Und ich so: „I basically wanna apply for a job.“ Meine Bewerbungsmappe
       hatte ich auch dabei. Die hat er durchgeblättert und stoppte beim Messa
       Chef Restaurant. Anscheinend kannte er den Laden. Er wollte wissen, ob die
       echt so gut sind, wie alle sagen. Ich habe genickt und das hat ihn
       überzeugt. Ich durfte am nächsten Tag dort anfangen. Erst als Praktikant
       und danach als Chef de Partie. Ich war für die Vorspeisen verantwortlich.
       Das war eine krasse Zeit. Das Team war super international. Und Südafrika
       hat mich tief bewegt. Aber ich musste nach ein paar Monaten weiter, wegen
       Problemen mit dem Visum. Ich bin dann für zwei Monate nach Südostasien.
       
       taz: Hattest du da auch ein Restaurant im Kopf? 
       
       Pavlik: Ne, da war alles anders. Ich hatte Weltschmerz. Es hatte sich so
       viel angesammelt, was ich nicht verarbeitet bekam: dass ich mich in Wien
       von meinen Kollegen nicht verabschiedet hatte, die Spüler in Tel Aviv, die
       aus den Refugee Camps angeheuert wurden, und die Begegnungen im Township in
       Südafrika. Und als ich in Bangkok ankam, waren überall Touristen, die da
       mit Rollern herumgefahren sind und mit Kohle um sich warfen. Das hat mich
       kaputt gemacht. Ich musste da weg und bin nach Laos abgehauen. In Laos bin
       ich einen Fluss entlang gereist, von Dorf zu Dorf. Da gab’s keine Touris,
       nur diesen kreischenden, lauten Urwald. Da bin ich durchgereist und habe
       bei Familien in Hütten gepennt. Die haben mir gezeigt, wie man aus dem Wald
       lebt. Das hat was mit mir gemacht.
       
       taz: Du bist im Wald geblieben? 
       
       Pavlik: Ja, ich war dann anderthalb Monate im Urwald.
       
       taz: Was hast du da gemacht? 
       
       Pavlik: So gelebt, wie die Leute dort. Ich habe Larven aus dem Flussbett,
       Fische und Feigen gesammelt. Ich hatte lange Haare und war voll mager.
       Irgendwann habe ich was Falsches gegessen und hatte eine
       Lebensmittelvergiftung. Da lag ich zwei Wochen alleine in einer Hütte, ohne
       andere Menschen und ohne Medizin.
       
       taz: Ehrlich gesagt klingt das ganz schrecklich. 
       
       Pavlik: Aber es hat mich geerdet. Es fühlte sich nah an, so nah am Leben.
       Aber dann war es auch gut. Als es mir wieder besser ging, zog ich weiter.
       Ich wollte nach Japan.
       
       taz: Wieder zum Kochen? 
       
       Pavlik: Genau. Dieses Mal hatte ich das passende Visum sogar schon weit im
       Voraus organisiert. Aber ich wurde in Südafrika ausgeraubt. Dann war das
       halt weg. Ich bin trotzdem hin und habe in Tokio im Restaurant Narisawa
       gearbeitet. Die hatten zwei oder drei Sterne. Da gab es Suppe aus Erde.
       
       taz: Schmeckt das? 
       
       Pavlik: Ja, voll. Da war eh alles super interessant, super minimalistisch
       und wunderschön.
       
       taz: Wenn ich das zusammenfasse, bist du immer irgendwo hin gereist, dort
       gestrandet und am Ende in Sterneküchen gelandet. Kam irgendwann der
       Gedanke: Ich kann jetzt nicht noch mal in ein Land und alles wieder von
       vorne machen? 
       
       Pavlik: Nach ungefähr einem Jahr in Japan war das. Da wusste ich, dass ich
       irgendwie Wurzeln schlagen muss. Also bin ich zurück nach Hamburg und habe
       ganz klassisch Bewerbungen geschrieben. So landete ich im Petit Amour in
       Ottensen, so ein französisches Restaurant. Die hatten gerade erst eröffnet
       und wollten offensichtlich einen Stern kochen.
       
       taz: Woher wusstest du das? 
       
       Pavlik: Das war kein Geheimnis. Der Küchenchef hat sich beim [2][Guide
       Michelin angemeldet] und meinte, dass er getestet werden will. Ab da war
       alle zwei Tage Sterne-Alarm. Es konnte ja immer ein Tester kommen. Und dann
       ging’s los: Bei jedem Gemüsewürfel wurde geguckt, ob er symmetrisch ist –
       mit Zollstock und Wasserwaage.
       
       taz: Nicht wirklich mit einer Wasserwaage, oder? 
       
       Pavlik: Doch, klar! Absolute Endstufe.
       
       taz: Das ist ja der komplette Gegensatz zu dem, was du davor im Urwald
       erlebt hast. Was hat das mit dir gemacht? 
       
       Pavlik: Es hat mich komprimiert. Ich konnte immer noch nicht verarbeiten,
       was die Jahre davor passiert ist. Wenn ich ehrlich bin, habe ich es gar
       nicht erst versucht. Ich habe es aufgeschoben und wollte mich auf die
       französische Küche konzentrieren. Zu der Zeit habe ich mich übelst oft
       verbrannt. Und weil ich ständig Handschuhe getragen habe, hat meine Haut
       plötzlich allergisch reagiert: Meine komplette Hand hat sich gepellt. Die
       Handschuhe kamen mir vor wie eine Zwangsjacke. Und dann meinte ich: „Wenn
       der Stern kommt, gehe ich.“
       
       taz: Und, kam der Stern? 
       
       Pavlik: Jep. Der Stern kam und ich war raus. Da war ich 27. Danach habe ich
       in einem kleinem Bistro gearbeitet und Mittagstisch gemacht. Ich brauchte
       mal eine Pause und habe privat Sound Design studiert. Später habe ich mit
       einem Freund meinen ersten eigenen Laden eröffnet: die Marta. Das war eine
       fantastische Zeit. Wir haben Nice Dining gemacht ohne teures Besteck und
       das ganze Drumherum. Aber die Marta war von Anfang an nur auf vier Jahre
       angesetzt und nach Corona und einem Wasserschaden musste ich mich wieder
       umschauen.
       
       taz: Bist du so in der Mensa gelandet? 
       
       Pavlik: Nicht ganz. Als die Marta geschlossen war, habe ich einen Sommer in
       Kopenhagen gearbeitet. Da habe ich Leute kennengelernt, die Cider, also
       Apfelwein, machen. Der wird ja durch Gärung hergestellt und so bin ich auf
       den Trichter mit dem Fermentieren gekommen. Wieder zurück habe ich
       angefangen, Essig aus Hamburger Früchten herzustellen. Das Jahr danach habe
       ich mich mit Caterings über Wasser gehalten und mich weiter in das
       Essigmachen eingearbeitet. Bis ich letzten Dezember eine Krise hatte. Ich
       lag nachts wach und dachte mir: Fuck, irgendwas muss passieren. Ich habe
       dann Instagram aufgemacht und den Post der Hochschule für Bildende Künste
       gesehen. Das war ein Foto der Mensa und dazu die Frage: „Hast du Lust,
       unsere Kantine zu übernehmen?“
       
       taz: Deine Mensa ist dir quasi in die Arme gelaufen. 
       
       Pavlik: Ich habe noch in der gleichen Nacht eine E-Mail hingeschrieben. Die
       Antwort kam fix und dann war ich von jetzt auf gleich in der
       Gemeinschaftsverpflegung.
       
       taz: Das sind doch zwei komplett verschiedene Welten. Wie hat das
       funktioniert? 
       
       Pavlik: In der Zeit von der Marta habe ich gemastert, wie man gut kocht,
       ohne den Kostenrahmen zu sprengen. In unserer Mensa versuchen wir mit
       Kreativität alles rauszuholen und nichts zu verschwenden. Wir kochen jeden
       Tag ein neues Gericht, immer mit einer unerwarteten Komponente, wie einem
       fermentierten Chutney oder crunchy Pfannkuchen. Meine Ansprüche sind
       ziemlich hoch. Manchmal denke ich auch: Oh, da schaue ich jetzt gerade
       lieber weg. Aber am Ende geht es nicht um Perfektion. Die Balance muss
       einfach stimmen.
       
       taz: Vermisst du manchmal das Fine Dining? 
       
       Pavlik: Total.
       
       taz: Was vermisst du daran genau? 
       
       Pavlik: Den Moment, wenn die Menübons reinflattern und der Rhythmus
       beginnt: Jeder hat seine Abläufe, alles ist getimt und greift wie ein
       Uhrwerk ineinander. Es ist einfach krass, wie sich so viele Leute zusammen
       um die Präzision auf einem einzigen Teller bemühen. Sie machen jeden Tag
       das Gleiche, manchmal monatelang.
       
       taz: Trotzdem machst du es in der Mensa genau andersrum. Hier gibt’s jeden
       Tag ein neues Gericht. 
       
       Pavlik: Das mache ich extra so. Für mich ist es die totale Freiheit. Oft
       frage ich meinen Auszubildenden, worauf er Bock hat. Ob er die Zwiebeln
       süß-sauer oder geröstet machen möchte. Schließlich geht es nicht um meine
       Selbstverwirklichung.
       
       taz: Warst du eigentlich mal in einer Kantine, bevor du deine eigene
       eröffnet hast? 
       
       Pavlik: Meine Oma Marta hatte eine Schulkantine. Nach ihr habe ich damals
       auch mein Restaurant benannt.
       
       taz: Welche Erinnerungen hast du an Oma Martas Kantine? 
       
       Pavlik: Frieden. Da war einfach nur Frieden. Wenn ich darüber nachdenke,
       hat sie mich bestimmt geprägt, Koch zu werden. Sie verkörperte so eine
       Leichtigkeit. Bei ihr wirkte das Leben nicht so kompliziert. Und ohne, dass
       ich es jemals geahnt habe, bin ich jetzt hier und betreibe auch eine
       Kantine. Als ich die Mensa übernommen habe, hatte ich richtig Gänsehaut.
       
       taz: Nach allem, was du erzählt hast, wirkst du nicht wie jemand, der lange
       in einer Küche verweilt. Zieht es dich schon wieder weiter? 
       
       Pavlik: Tatsächlich denke ich zum ersten Mal, dass ich das vielleicht zehn
       Jahre mache. Früher wollte ich viele Erfahrungen sammeln, Menschen und Orte
       und auch mich selbst kennenlernen. Jetzt bringt die Mensa Ruhe in mein
       Leben. Und wenn das meine Möglichkeit ist, ein bisschen Glück zu verteilen,
       ohne dabei zu zerbrechen, dann mache ich das gerne. Zu uns kommen Leute,
       die hier in der Ecke wohnen, die Profs und Studis der Hochschule und die
       Bauarbeiter von nebenan. Sie alle essen hier zusammen Mittag. Das ist doch
       ziemlich süß, oder?
       
       24 May 2026
       
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