# taz.de -- Langjährige Partnerschaft und Polyamorie: Du und ich und das Dazwischen
       
       > Seit 38 Jahren ist unsere Autorin in einer Beziehung, obwohl Monogamie
       > ihr nicht entspricht. Mit 66 stellt sie ihrem Mann ein letztes Mal die
       > eine große Frage.
       
 (IMG) Bild: Ist es Gewohnheit? Angst vor Veränderung? Oder das, was gemeinhin „Liebe“ genannt wird?
       
       Es ist Sommer, A. und ich sind im Urlaub. Drei Wochen zu zweit. Das gönnen
       wir uns jedes Jahr. Wir sind seit 38 Jahren zusammen, in ein paar Tagen ist
       unser 29. Hochzeitstag. Wir machen einen Spaziergang am Strand. Ich finde,
       es ist die Zeit für eine Frage, die mich beschäftigt, also frage ich: „Was
       hältst du davon, wenn wir es mal wieder mit einer offenen Beziehung
       versuchen würden?“ A. schweigt. „Darüber muss ich nachdenken“, sagt er
       dann.
       
       Als unser Sohn vier Jahre alt war, haben wir es schon einmal probiert. Es
       war ein Desaster: schlechte Kommunikation, widerstreitende Gefühle,
       Ratlosigkeit und Verzweiflung. Hätten wir das Experiment nicht abgebrochen,
       wäre unsere Beziehung vermutlich gescheitert. Seither sind 32 Jahre
       vergangen. Ich bin neugierig darauf, wie es heute wäre, mit dem Wissen und
       den Erfahrungen, die wir jetzt haben. Dabei ist es nicht so, dass A. mir
       nicht mehr gefällt, oder ich etwas in unserer Beziehung vermisse.
       
       Wäre er ein Fremder für mich, fühlte ich mich von ihm angezogen. Ich würde
       ihn unbedingt kennenlernen wollen. Doch ich habe mich nie als monogamen Typ
       gesehen und hatte oft Sehnsucht nach einer offenen Beziehung. Trotzdem habe
       ich mit A. fast ausschließlich die Monogamie gelebt. Auch in schwierigen
       Zeiten habe ich nie an Trennung gedacht. Heute, mit 66 Jahren, frage ich
       mich, was uns über die vielen Jahre zusammengehalten hat und noch
       zusammenhält.
       
       Die reine Gewohnheit?
       
       Die Angst vor Veränderung?
       
       Die Zeit?
       
       Oder ist es das, was gemeinhin „Liebe“ genannt wird?
       
       Die Antworten suche ich in A.s und meiner gemeinsamen Geschichte. Um unsere
       Privatsphäre zu schützen, gibt es inhaltliche Grenzen. Dazu gehört, dass
       ich Namen geändert habe und nicht über unsere Sexualität schreibe. So viel
       dazu: Wir sind gerne zusammen. Unsere Körper schenken sich Zärtlichkeit,
       aber es gibt auch Phasen des Rückzugs. Manchmal reicht es, zu kuscheln und
       die Nähe des anderen zu spüren.
       
       Mit Mitte Zwanzig, in den Achtzigerjahren, entdecke ich die Lektüren von
       Doris Lessing, Simone de Beauvoir, Alice Schwarzer und anderen. Die
       [1][zweite Welle der Frauenbewegung] prägt mein Selbstverständnis. In einer
       Frauengruppe diskutieren wir offen über Sexualität. Ich lerne „Nein“ zu
       sagen, wenn mein derzeitiger Freund Lust auf Sex hat, ich aber nicht. Von
       einem Mann erwarte ich Kooperationsfähigkeit und dass er stereotype
       Rollenbilder hinterfragt.
       
       Damals halte ich die Ehe für eine Kapitulation vor dem System. Wieso sollte
       ich jemandem gehören oder jemand mir? Einen Mann „meinen“ Mann nennen? Ihm
       die ewige Treue halten? Das waren Symptome einer kapitalistischen,
       patriarchalen Gesellschaft. Einschränkend und besitzergreifend. Außerdem
       hatte ich keine guten Vorbilder. Meine Eltern trennten sich, als ich sechs
       war. Mein Vater heiratete noch zweimal, meine Mutter ließ sich auch vom
       zweiten Mann scheiden. Glückliche Ehen hielt ich für einen Mythos. Jede:r
       sehnte sich danach, zumindest suggerierten das die Medien. Aber im
       wirklichen Leben erreichte es niemand. Auch wenn viele so taten, als ob.
       
       Dem gegenüber stand, dass ich zwar nicht heiraten, aber irgendwann Kinder
       haben und sie nicht allein großziehen wollte. Sie sollten ein stabiles
       familiäres Umfeld haben. So wie ich mir das als Kind für mich gewünscht
       hatte. Doch wie das funktionieren sollte, war mir ein Rätsel. Als A. und
       ich uns kennenlernen, studieren wir in Süddeutschland Kunsttherapie. A. ist
       23 und ich 30, als unsere Affäre beginnt.
       
       „Wenn du dir mit mir keine Kinder vorstellen kannst, beenden wir das hier
       gleich wieder“, sage ich, denn ich spüre, dass für mich langsam die Zeit
       drängt. A. guckt verdattert, zuckt mit den Achseln. Später sagt er, das
       Thema sei für ihn noch zu weit weg gewesen, um es ernst zu nehmen. Wir sind
       seit einem Jahr zusammen, als meine Regel ausbleibt. Der
       Schwangerschaftstest ist positiv. Ich warte auf den richtigen Moment, um es
       A. zu sagen. Wie wird er reagieren? „Ich bin schwanger“, sage ich
       schließlich. Wie immer in kritischen Momenten, sagt A. erst mal nichts.
       Dann streichelt er mein Gesicht. „Oh“, sagt er. Und: „Das kriegen wir hin.“
       
       A. ist wie ich Einzelkind. Als Kind steht sein Wohl immer im Mittelpunkt.
       Seine Eltern leben in einer symbiotisch anmutenden Ehe, die erst mit dem
       Tod von A.s Mutter nach 53 Jahren ihr Ende findet. Nach der Scheidung
       meiner Eltern wachse ich bei meiner Mutter auf. Sie ist unermüdlich auf der
       Suche nach ihrem Märchenprinzen. Frustriert gibt sie es irgendwann auf.
       
       Die große Liebe als Heilsversprechen? Betrug. Ich schwöre mir: Darauf werde
       ich nicht bauen. Gleichzeitig habe ich Sehnsucht nach jemandem, für den ich
       das Wichtigste auf der Welt bin. Der, anders als meine Eltern,
       bedingungslos für mich da ist.
       
       Wir ziehen zusammen, unser Sohn kommt auf die Welt. Wir teilen alle
       anfallenden Aufgaben gleich zwischen uns auf. A. ist mit den Idealen der
       68er Jahre groß geworden. Er kennt es, Verantwortung im Haushalt zu
       übernehmen. Er wechselt den Studiengang. Als Kunsterzieher wird er später
       ein gesichertes Einkommen haben – eine beruhigende Aussicht. Außerdem hofft
       er, in dem neuen Studium mehr Kunst machen zu können.
       
       Doch statt mit seinen Studienkolleg:innen wilde Partys zu feiern und über
       Kunst zu diskutieren, wechselt er zu Hause die Windeln unseres Sohnes. Weil
       er so selten an der Uni ist, wissen manche der Studierenden nicht, dass er
       zu ihrem Semester gehört. Das tut weh. A. bindet das Tragetuch um und malt,
       das Baby vor den Bauch gespannt, im Wohnzimmer an der Staffelei. In
       Erziehungsfragen sind wir uns meistens einig. Es läuft gut zwischen uns.
       
       Aber auf die Dauer kann ich mir nicht vorstellen, immer nur mit einem Mann
       zusammenzusein. Dass es mir schwer fällt, treu zu sein, habe ich bereits in
       früheren Partnerschaften festgestellt. Mich nur auf eine Person zu
       konzentrieren, langweilte mich. Damals dachte ich: Wenn ich meiner großen
       Liebe begegne, lässt die Anziehung zu anderen Männern automatisch nach.
       Obwohl ich mit A. zum ersten Mal eine Übereinstimmung erlebe, die ich aus
       früheren Beziehungen nicht kenne, ziehen mich weiterhin auch andere Männer
       an.
       
       In „Female Choice“ schreibt die Biologin [2][Meike Stoverock], dass Frauen
       es bis zur Sesshaftwerdung der Menschen vor etwa 10.000 Jahren gewohnt
       gewesen seien, ihren Sexualpartner zu bestimmen. Um uneingeschränkten
       Zugang zu Sex zu bekommen, sich nicht in der Sexualkonkurrenz zu
       verausgaben und Besitztum und Erbe zu sichern, habe der Mann die
       Institution Ehe erfunden. Studien zu heutigen Langzeitbeziehungen zeigten,
       so Stoverock, dass Männer sich selten an der Vorstellung störten, ein Leben
       lang mit derselben Frau zu schlafen. Viele Frauen würden hingegen nach ein
       paar Jahren das sexuelle Interesse an ihrem Partner verlieren. Dass Frauen
       irgendwann ihren Mann nicht mehr begehrten, sei also ganz natürlich,
       schlussfolgert Stoverock.
       
       Es ist nicht so, dass ich A. nicht mehr begehren würde. Aber ich finde es
       aufregend, dass in intimen Begegnungen Aspekte von mir zum Leben erweckt
       werden, die ich noch nicht kenne. Ich suche nicht aktiv nach neuen
       Erfahrungen mit Männern. Wenn sie sich ergeben, will ich sie mir nicht
       verbieten.
       
       „Lass es uns mit einer offenen Beziehung versuchen“, schlage ich vor. A.
       widerspricht nicht. A. und ich leben in einem urbanen, alternativen Umfeld
       im Süden von Baden-Württemberg. Es sind die frühen Neunzigerjahre, die
       Atmosphäre ist offen und liberal. In unserem Umkreis bekennen sich einige,
       die ihre sexuelle Orientierung bislang versteckt hielten, zu ihrer
       Homosexualität. Doch das Konzept der Zweierbeziehung ist weiterhin die
       Norm. A. und ich kennen keine Menschen, die eine offene Beziehung
       praktizieren. In meinem näheren Umfeld erlebe ich, dass Seitensprünge im
       Geheimen stattfinden.
       
       ## Aus dem Seitensprung wird eine romantische Verbindung
       
       Als unser Sohn vier ist, beginnen W. und ich eine Affäre. W. ist aus
       unserem entfernten Bekanntenkreis. Wir gehen von Anfang an offen mit
       unserer Affäre um. Für meine freizügige Haltung ernte ich nur
       Unverständnis. „Riskiere nicht deine Beziehung. Denk an dein Kind“, rät
       eine Freundin.
       
       Ich habe nicht vor, A. zu verlassen. Mich reizt nur das Neue. A. sehe ich
       nach wie vor als den idealen Partner. Dann gesellt sich in der Affäre mit
       W. die Verliebtheit dazu. Aus dem Seitensprung entsteht eine romantische
       Verbindung. Ohne es so zu benennen, weil ich den Begriff zu der Zeit noch
       gar nicht kenne, schlage ich A. und W. die polyamoröse Beziehungsform vor.
       A. und W. willigen ein.
       
       Der Begriff [3][Polyamorie] („Mehrfachliebe“) wird erst in den
       Neunzigerjahren geprägt. Laut Duden ist hiermit eine „auf einer
       einvernehmlichen dauerhaften Liebesbeziehung von mehr als zwei Personen
       gründende, nicht eheliche Partnerschaft“ gemeint. Die Zustimmung der
       beteiligten Partner:innen ist die Voraussetzung – und eine offene
       Kommunikation.
       
       Wir drei setzen uns nicht zusammen, um Vereinbarungen auszuhandeln. W. und
       ich stürzen uns mit A.s Erlaubnis in unsere Beziehung. „Einfach aushalten“,
       habe er gedacht, sagt A. in der Erinnerung an diese Zeit. Irgendwann würde
       die Affäre schon wieder vorbeigehen. Währenddessen leidet er, ohne viel zu
       sagen. Er will nicht um meine Aufmerksamkeit betteln.
       
       Meine Aufmerksamkeit richtet sich stärker auf W. als auf A. Dass A. für
       mich da ist, sehe ich als Selbstverständlichkeit. A. leidet angesichts
       meiner offensiv gelebten Beziehung mit W. und beginnt auch eine Affäre. Nun
       leide ich ebenfalls.
       
       Im Rückblick frage ich A., was damals das zentrale Problem für ihn war.
       „Nicht die Eifersucht“, sagt A. „Sondern, dass ich von euch beiden
       ausgeschlossen wurde.“ Er war mit seinen Verlustängsten allein. In einer
       bewusst gelebten polyamorösen Situation, in der wir respektvoll und
       wertschätzend miteinander umgegangen wären, hätten sie Platz gehabt.
       
       Die französisch-israelische Soziologin Eva Illouz schreibt in „Warum Liebe
       weh tut“ über die Frage, wie Sexualität in einen Verhaltensbereich
       verwandelt werden könnte, der sowohl vom Gedanken der Freiheit als auch von
       ethischen Gesichtspunkten bestimmt ist. Sie plädiert dafür, den
       „Selbstausdruck durch Sexualität nicht von der Frage unserer Pflichten
       gegenüber anderen und ihren Gefühlen zu trennen“. Das ist mir damals nicht
       gelungen.
       
       Dass unsere Partnerschaft ins Wanken gerät, beunruhigt A. und mich.
       Schließlich wollen wir unserem Sohn eine stabile Familiensituation bieten.
       Und unsere Beziehung retten. Wir gehen in eine Paarberatung. „Entweder W.
       oder ich“, verlangt A. nach ein paar Sitzungen. Er will unsere monogame
       Beziehung zurück und beendet seine Affäre. Ich weiß, dass ich A. verliere,
       wenn ich mich nicht von W. trenne. Das will ich nicht riskieren.
       
       W. und ich sitzen in unserem Lieblingscafé in der Altstadt, als ich unsere
       Beziehung beende. Ich habe das Gefühl, versagt zu haben. Mein Ideal der
       offenen Beziehung ist gescheitert. Ich bin frustriert und traurig. Kurz
       nach unserer Trennung geht W. wieder eine Partnerschaft ein und kehrt
       ebenfalls zur Monogamie zurück.
       
       Ist es die Vision einer glücklichen Familie, die A. und mich unser
       Experiment beenden lässt? Oder bleiben wir zusammen, weil wir uns lieben?
       Es ist, als befänden wir uns auf einer gemeinsamen Frequenz. Zwischen uns
       gibt es eine Art Grundrauschen, das nur wir beide wahrnehmen können. Aber
       es fällt uns schwer, offen über unsere Gefühle zu reden. Das war in meiner
       Kindheit auch nicht üblich. Der häufigen Aussage meiner Mutter „Hab dich
       lieb“, misstraute ich. Sie stimmte oft nicht mit ihrem Verhalten überein.
       Bis heute kommen mir verbale Liebesbekundungen kitschig vor. Auch in der
       bürgerlich-intellektuellen Umgebung in A.s Kindheit wurden Gefühle nicht
       benannt. Liebe zeigen, das geht – aber aussprechen?
       
       Mit der Rückkehr zur Monogamie stellt sich bei mir ein Unbehagen ein.
       Zwischen A. und mir ist es angespannt: A. wünscht sich mehr Zärtlichkeit
       und Nähe, ich fühle mich bedrängt. Wir stoßen auf ein Buch des deutschen
       Psychotherapeuten Michael L. Moeller und beschließen, an unserer Beziehung
       zu arbeiten. Moeller empfiehlt die Methode des „Zwiegesprächs“. Abwechselnd
       erzählt jede:r fünfzehn Minuten von sich, ohne unterbrochen oder
       kommentiert zu werden. Wir verabreden uns regelmäßig und üben, über unsere
       Gefühle und Bedürfnisse zu reden. Die Wirkung ist beachtlich: Indem wir
       lernen, dem anderen vorurteilsfrei zuzuhören, kehrt allmählich Friede
       zwischen uns ein.
       
       Als unser Sohn sieben ist, werde ich, dieses Mal geplant, wieder schwanger.
       Wir heiraten. Das kommt mir wie ein Verrat an meinen Überzeugungen vor,
       schließlich war ich immer gegen die Ehe gewesen. Aber jetzt ist es
       wichtiger, dass wir uns finanziell besserstellen. Außerdem hat A. durch die
       Heirat mehr Rechte für die Kinder. Wir sind uns einig: Mit einem zweiten
       Kind bekennen wir uns stärker zu unserer Beziehung als durch die Heirat.
       Ein Trauschein lässt sich auflösen, aber die Kinder werden uns ein Leben
       lang verbinden. Die Ehe verändert die Qualität unserer Beziehung, auch im
       Rückblick gesehen, nicht.
       
       Unsere Tochter kommt auf die Welt. Inzwischen währt unsere Beziehung neun
       Jahre. Berufliche Orientierung, zwei Kinder – die Herausforderungen
       wachsen. Aber manchmal träume ich von einem Leben, in dem ich Single bin,
       und nicht Mutter und Partnerin. Wenn ich könnte, würde ich zwei parallele
       Leben führen.
       
       A. hat Aussicht auf eine Stelle in T., 150 km entfernt von der Stadt, in
       der wir leben. Beim Vorstellungsgespräch sind ihm Schule und Team
       sympathisch. „Ohne mich“, sage ich und bin sauer, dass er umziehen will.
       Was habe ich davon, meine berufliche Perspektive in der Stadt aufzugeben
       und aufs Land zu ziehen? Dann gebe ich nach. Mit dem größeren Einkommen ist
       er der Hauptversorger. An seiner neuen Arbeitsstelle sollte er sich
       wohlfühlen. Außerdem habe ich ihm mit der polyamourösen Affäre ganz schön
       viel zugemutet. Er hat noch etwas gut bei mir.
       
       Damit folge ich der [4][„sozialen Austauschtheorie“], die besagt, dass
       Beziehungen auf einem Austausch von Ressourcen beruhen, bei dem Kosten und
       Belohnungen abgewogen werden. Solange die Belohnung größer ist als die
       Kosten, wird die Beziehung weitergeführt. Fehlt die Ausgewogenheit, droht
       die Beziehung zu scheitern. Mit dem Umzug investiere ich in die Beziehung.
       Aber richtig glücklich bin ich damit nicht.
       
       Mit der finanziellen Hilfe von A.s Eltern kaufen wir ein Haus, in dem ich
       mich als Kunsttherapeutin selbständig machen kann. Aber wenn ich in mich
       hineinfühle, spüre ich den Stachel, gegen meinen Willen umgezogen zu sein.
       Im Dorf als „Frau Oberlehrerin“ angesprochen zu werden, weckt meinen
       Widerstand. Es ist, als müsse ich eine Rolle spielen, die nicht zu mir
       passt: die Ehefrau, die Kinder und Mann versorgt und aus Spaß nebenher
       Kunstkurse gibt. In mir rebelliert es. Ich bändele mit einem alten Freund
       an. Und frage mich, ob ich mich auf eine neue Affäre einlassen soll.
       
       ## Wenn es mir zu eng wird, entwickele ich Fluchttendenzen
       
       A. findet es heraus und konfrontiert mich mit unserer Abmachung: Nach der
       Affäre mit W. haben wir uns bewusst gegen die offene Beziehungsform
       entschieden. Zu anstrengend und zu bedrohlich für unsere Partnerschaft. Ich
       lenke ein und beende den Flirt. Und fühle mich A. gegenüber mies, der für
       unsere Familie sorgt, während ich darüber nachdenke, ihn zu betrügen. A.
       sieht, dass ich nicht glücklich bin, weiß aber nicht, wie er es ändern
       kann. Das macht ihn hilflos. Manchmal ärgert er sich auch. „Wir könnten es
       doch so schön zusammen haben“, sagt er einmal. „Warum bist du nicht einfach
       mal zufrieden?“ Die Antwort darauf weiß ich selbst nicht. Ich merke: Wenn
       es mir zu eng wird, entwickele ich Fluchttendenzen.
       
       Unsere früheren Beziehungen, insbesondere die zu unseren Eltern oder zu
       anderen Hauptbetreuer:innen, beeinflusst unsere späteren Bindungsmuster.
       [5][Laut „Bindungstheorie“ nach John Bowlby] gehört A. zum „sicheren“
       Bindungstyp. Das warme Familiennest, aus dem er stammt, richtet er auch mit
       den Kindern und mir ein. Ich hingegen erkenne mich im Typ
       „unsicher-vermeidend“ wieder. Wer darunter fällt, hat Angst davor, sich
       emotional abhängig zu machen und tut sich schwer, sich allzu tief auf eine
       enge Beziehung einzulassen.
       
       Mein Vater, an dem ich sehr hing, kam und ging, wie es ihm passte. Meine
       Mutter schien manchmal zu vergessen, dass es mich gibt. Meine Erfahrung
       war: Enge Beziehungen tun weh. Besser ist es, sie zu meiden. A.s
       Beständigkeit hat auf meine Fluchttendenz eine günstige Wirkung. Auch wenn
       er meine Unzufriedenheit nicht versteht, steht er zu mir. So bekomme ich
       die Zeit, die ich brauche, um innerlich zurückzukehren. Und die Flucht zu
       beenden.
       
       Ich beginne mein Hobby, das Schreiben, zu professionalisieren.
       Veröffentliche Artikel über kulturelle Veranstaltungen und übe mich in
       literarischen Texten. Was für A. die Bildende Kunst ist, wird für mich das
       Schreiben. Der Alltag stresst. A. und ich nehmen uns vor, mehr Zeit zu
       zweit zu verbringen. Wir machen einen Tanzkurs, verfassen zusammen ein Buch
       über Kunstpädagogik. Tauschen uns über unsere Projekte aus, geben uns
       gegenseitig Tipps. Wir wissen, dass wir uns aufeinander verlassen können.
       Und dass uns irgendetwas zusammenhält, das über die Jahre gewachsen ist.
       
       A. legt ein Sabbatjahr ein. Ein Jahr lang vergräbt er sich in seinem
       Atelier und betreut die Kinder, wenn ich arbeite. Eine gute Gelegenheit für
       mich, mich beruflich weiterzuentwickeln und das Schreiben voranzubringen.
       
       Mit unserer fünfjährigen Tochter gehe ich für zwei Monate nach Australien.
       Ich bin in Melbourne geboren, mein Vater und andere Verwandte leben dort.
       A. kümmert sich so lange um unseren jugendlichen Sohn. Das Konstrukt
       funktioniert gut. A. und ich nehmen in Kauf, dass sich unser individuelles
       Wachsen in eine Richtung ausdehnen könnte, in der das Gegenüber nicht mehr
       vorkommt. Auch nach seinem Sabbatjahr handeln A. und ich immer wieder neu
       die Zeit aus, die jeder von uns braucht, um sich zu entfalten. Manchmal
       streiten wir uns auch darum. Wir ermutigen uns gegenseitig, in dem, was wir
       gern tun, besser zu werden, und Neues auszuprobieren. A. geht regelmäßig
       auf lange Meditationsseminare, ich auf Schreibworkshops.
       
       In einem Interview in der [6][Süddeutschen Zeitung] sinniert die
       US-amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt, deren Mann Paul Auster vor
       zwei Jahren gestorben ist, über das „und“ zwischen ihr und Paul: „Paul und
       Siri, Siri und Paul. Und das „und (…)“ Zwischen ihnen habe sich über 43
       Jahre etwas gebildet, das nicht identisch geblieben sei. Denn das „und“ sei
       ein Prozess, der sich ständig verändere und wandele, so wie auch die
       Menschen sich veränderten und wandelten.
       
       Dieses Eigenleben des „Zwischen“ kennt auch meine Freundin P. Sie nennt ihn
       den „Beziehungsraum“, den sie zu ihrem Freund L. spürt. Zu L. hat sie eine
       liebevolle Verbindung, ohne dass diese erotischer Natur ist. „Ich sehe
       zwischen uns ein waberndes, sich veränderndes Objekt. Es schillert in den
       verschiedensten Farben, und auch die Textur sieht nie gleich aus. Die Form
       ist fast greifbar und sehr real“, sagt sie.
       
       Das „und“ zwischen A. und mir wächst kontinuierlich. Im „und“ steckt die
       Essenz unserer gemeinsamen Erfahrungen – die auch dann spürbar ist, wenn
       wir uns nicht sehen. A. kennt mich von allen Menschen am besten. In dieser
       unberechenbaren Welt ist er mein Anker. Ist das meine Definition von Liebe:
       sich bei jemandem geborgen und sicher zu fühlen? Umsorgt und verstanden?
       Oder gehört noch mehr dazu?
       
       Wir verwechselten oft Fürsorge und Zuneigung mit Liebe, schreibt bell
       hooks. Liebe aber beinhalte viel mehr. Sie bestehe zudem aus Anerkennung,
       Respekt, Verantwortung, Hingabe und ehrlicher Kommunikation. Wenn wir
       lieben, ermutigen wir unser Gegenüber darin, emotional, intellektuell und
       spirituell zu wachsen.
       
       Ein paar Jahre später zieht unser Sohn von zu Hause aus und beginnt ein
       Studium. A. will sich wieder intensiver dem Kunstschaffen widmen, als
       Lehrer hat er zu wenig Zeit dafür. Er bekommt die Zusage für einen Platz in
       einer Künstlergemeinschaft in Neuseeland. Ich bin auf die fremde Kultur
       neugierig. Und freue mich auf weitere Besuche bei meiner australischen
       Familie. In Neuseeland macht A. Kunst, ich schreibe. Unserer Tochter
       gefällt vor allem der Outdoorunterricht. Besonders fasziniert bin ich von
       den Lebensweisen meiner neuen Freundinnen: Eine lebt in einem Tinyhaus mit
       Blick aufs Meer, eine andere auf einem selbst gerodeten Stück Regenwald,
       die dritte hat ein Faible dafür, Durchreisende zu beherbergen. Bei ihr ist
       immer etwas los. Es sind autarke, kreative Frauen, die ein zufriedenes
       Leben ohne Partner führen. Zurück in Deutschland eröffne ich A., dass ich
       nach Neuseeland zurückkehren möchte.
       
       Vier Monate lang will ich an der Gemeinschaft meiner neuen Freundinnen
       teilhaben. Aber dieses Mal allein, da A. wieder arbeiten muss. „Ich halte
       dich nicht zurück“, sagt er. A. ist es gewohnt, dass ich ab und zu für ein
       paar Wochen zu meiner Familie nach Australien fliege. Aber nie für so
       lange. Er hat Vertrauen darin, dass ich zurückkommen werde.
       
       Unsere Tochter ist wütend, sie beschwert sich: „Und uns lässt du hier
       einfach allein zurück!“ Ich gehe trotzdem. Die Verbindung zwischen A. und
       mir ist wie ein Gummiband, das sich im Laufe der Zeit gebildet hat. Immer
       wieder zieht uns das Band, kurz bevor es zerreißt, wieder zusammen.
       Vielleicht, weil jeder etwas nachgibt.
       
       Mit meinen neuseeländischen Freund:innen besuche ich Kreativworkshops, wir
       campen draußen, reden viel. Ich sehe, dass ich das Leben auch ohne A.
       managen und genießen kann. Das ist beruhigend zu wissen. Schließlich könnte
       es sein, dass ich eines Tages ohne ihn leben muss; er könnte sich von mir
       trennen oder vor mir sterben. Aber mit ihm zusammen ist es schöner. Unsere
       Vertrautheit und unseren Austausch kann niemand ersetzen. Ich kehre
       erfüllt, aber mit Vorfreude auf meine Familie, nach Deutschland zurück.
       
       „Wie habt ihr es geschafft, euch nicht zu entfremden“, fragt meine Freundin
       T. Sie kann sich nicht vorstellen, länger als eine Woche von ihrem Partner
       getrennt zu sein. Sie glaubt daran, dass es eine Art Körpergedächtnis gibt,
       das sich bei einer Trennung regt. Ihrer sende Signale des Unbehagens aus,
       wenn er sich nach seinem Pendant, dem anderen Körper, sehne. „Fast wie ein
       physischer Entzug“, sagt sie.
       
       Für T.s Erfahrung gibt es eine wissenschaftliche Erklärung. Durch
       zärtlichen Körperkontakt wird in unserer Hirnanhangsdrüse das Hormon
       Oxytocin gebildet, auch Bindungshormon genannt. Oxytocin aktiviert das
       Belohnungssystem und stärkt so die Bindung zwischen den Liebespartner:innen
       – [7][und damit die Monogamie]. Das Belohnungssystem ist bei fehlender
       Oxytocin-Ausschüttung unterstimuliert und damit quasi auf Entzug. „Wie
       haltet ihr es aus, dauernd so eng zusammen zu sein“, frage ich T. Für meine
       Oxytocin-Produktion ist ab und zu Abstand zu A. notwendig. Es macht mir
       Spaß, Sachen zu unternehmen, bei denen A. nicht dabei ist. Wenn wir uns
       dann wiedersehen, nehme ich seine Attraktivität bewusster wahr. Wir
       schlafen unter der Woche getrennt. Eine gute Lösung, da wir
       unterschiedliche Biorhythmen haben. An den Wochenenden genießen wir es
       dann, das Bett zu teilen. Wir stellen fest: Im Laufe der Zeit rücke ich A.
       näher, während er gelernt hat, mir mehr Abstand zu lassen. Das Gelingen
       unserer Beziehung hat viel mit dem richtigen Verhältnis von Nähe und
       Distanz zu tun.
       
       Unsere Tochter ist mittlerweile 28. Am Telefon frage ich sie, wie sie uns,
       ihre Eltern, als Paar wahrnimmt. „Ich finde es gut, wie ihr euer Leben
       organisiert“, sagt sie. Es gefalle ihr, dass wir einerseits gern Zeit
       zusammen verbrächten, andererseits jeder eigene Freund:innen und Interessen
       habe. An ihre Wut auf mich, als ich allein nach Neuseeland zurückging,
       erinnert sie sich nicht mehr.
       
       Viele Paare nutzen nur einen Bruchteil ihres Liebespotenzials, schreibt der
       Psychologe Jörg Berger. Wenn das Verliebtheitshoch vorbei ist und die
       erotische Anziehungskraft nachlässt, sollte Aufbauarbeit betrieben und das
       Gegenüber mit Geduld und Neugierde kennengelernt werden. Nur so könne die
       Beziehung auf lange Dauer Beständigkeit und Tiefe erfahren. Das klingt
       einfacher, als es ist. A. und ich hatten Zeiten, in denen es mit der
       Neugier aufeinander nicht weit her war. Und mit der Geduld erst recht
       nicht. Aber die Phasen gingen vorbei.
       
       „Was führt uns eigentlich immer wieder zusammen“, frage ich A.. Wir zählen
       auf: Das Zusammensein als Familie. Gemeinsame Interessen wie Kunst und
       Reisen. Unser soziokulturelles Engagement. Unser Weltbild, die politische
       Haltung. Und dass wir immer im Gespräch bleiben.
       
       A. hat eine Verbindung zu Teilen meiner Selbst, die durch das Zusammensein
       mit ihm gereift sind. Ohne unsere Beziehung wäre ich heute vermutlich eine
       andere Person.
       
       ## „Was magst du an mir am meisten?“
       
       A. und ich liegen faul am Strand. Es ist sogar zu heiß, um ein Buch zu
       lesen. „Was magst du an mir am meisten?“, frage ich. A. überlegt nicht
       lange: „Deine Offenheit“, sagt er. Durch sie erfahre er mehr über sich und
       die Welt, als es vermutlich ohne mich der Fall wäre. Und er möge meinen
       Humor. Mir falle immer ein, wie ich ihn aufmuntern könne, wenn er schlecht
       drauf sei. Was mir zu ihm einfällt? „Dass du meine Ambivalenzen aushältst“,
       sage ich. Und, um mit Nietzsche zu sprechen: Mir gefällt, dass A.
       kontinuierlich damit beschäftigt ist, der zu werden, der er ist. Er fordert
       viel von sich. Es wird mir mit ihm nie langweilig.
       
       Seit meiner Allein-Tour nach Neuseeland sind 12 Jahre vergangen. A. und ich
       haben keine größere Krise mehr in unserer Beziehung erlebt. Ich bin gesund
       und aktiv. Aber wie lange noch? Ich weiß, dass sich das schnell ändern
       kann. Manchmal stelle ich mir die Frage, was ich noch erleben möchte, bevor
       es zu spät ist.
       
       Der Urlaub geht dem Ende zu. A. und ich machen eine Flusswanderung.
       Zwischendrin springen wir ins kalte Wasser. Danach ruhen wir uns auf den
       warmen Steinen aus. „Ich habe über deine Frage nachgedacht“, sagt A. Ich
       sage nichts, warte gespannt. Ob er bereit ist, unsere Beziehung zu öffnen?
       „Wenn du dich auf jemanden einlässt, sollte ich es auch tun. Damit es nicht
       zu einer Schieflage kommt“, sagt er. Er ist noch nicht fertig: „Aber mir
       ist nicht danach. Du genügst mir.“
       
       Die Antwort ist also nein. Leichtes Bedauern steigt in mir auf. „Schlimm“,
       fragt er. Ja und nein. Es ist schlimm und erleichternd zugleich. Keine
       Aussicht auf neue Erfahrungen. Aber auch keine schwierigen
       Herausforderungen. Die Unruhe, die mich umtreibt, wird vorbeigehen. Und
       wiederkommen. Aber sie auszuhalten ist mir lieber, als ohne A. zu sein. Wir
       bleiben in unserer Komfortzone. Und das ist vielleicht auch ganz gut so.
       
       23 May 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) Christine Leutkart
       
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