# taz.de -- Modernes Dating: Reka sucht die Liebe
       
       > Singles sind zunehmend genervt von Dating-Apps, sie sehnen sich nach
       > echten Begegnungen. Und probieren neue Formen des Kennenlernens aus.
       
 (IMG) Bild: Reka (Mitte) im „Bazar der Köstlichkeiten“ bei ihrem zweiten Besuch einer Knutsch-Meditation
       
       Reka sitzt auf einer Couch und trägt einen schwarzen Kimono. Neben ihr
       lehnt ein Mann mit geschlossenen Augen. Sie bewegt einen Massageroller über
       seine nackte Haut, obwohl sie sich bis vor zwei Stunden noch nicht kannten.
       Jetzt wirkt es vertraut zwischen den beiden, aber auch zwischen den anderen
       rund 40 Frauen und Männern in dem Berliner Loft nahe dem Treptower Park.
       Vor der Massage haben sie zusammen eine imaginäre Traumreise gemacht und
       sich bei Gruppenübungen besser kennengelernt. Wenn alles nach Plan
       verläuft, wird sie später vielleicht noch knutschen.
       
       Reka ist 35 und eine von vielen Singles in Berlin. Die genaue Zahl ist
       nicht bekannt, einer Online-Befragung von 2024 zufolge ist deutschlandweit
       knapp jede*r Dritte zwischen 18 und 69 alleinstehend. Einige davon
       bezeichnen sich als überzeugte Singles. Oder einfach mal Polyamorie
       ausprobieren? Freundschaft Plus? Einen KI-Chatbot? Eine Zeit lang
       vielleicht, aber dann sehnen sich viele eben doch wieder nach Zweisamkeit.
       Die Dating-Apps versprachen lange ein Ausweg zu sein, doch derzeit ist
       häufig von einer „Datingkrise“ die Rede, die die Apps mitverursacht haben
       könnten. Ein anderer Punkt: Die Manosphere und ihre frauenfeindlichen
       Einstellungen, manche Frauen wollen deshalb auch keinen Mann mehr an ihrer
       Seite.
       
       Wie aber fühlt sich der Datingmarkt für eine Frau an, die keine Lust auf
       veraltete Rollenmodelle hat und trotzdem gerne einen Partner hätte? Und
       welche Möglichkeiten gibt es heute, jemanden kennenzulernen?
       
       Anfang Dezember hängt der Himmel grau und nieselig über Neukölln, ein
       Stadtteil, der als einer der Single-Hotspots in Berlin gilt. Im Café
       Leuchtstoff nahe der S-Bahn-Station Hermannstraße riecht es nach Knoblauch
       und warmer Milch. Reka kommt mit dem Fahrrad. Sie trägt eine Outdoorjacke,
       ein schulterlanger Bob umrahmt ihr Gesicht. Im unteren Teil des Cafés
       arbeiten digitale Nomaden an ihren Laptops. Reka balanciert einen
       Ingwer-Kurkuma-Tee über ihre Köpfe eine wackelige Leiter hinauf. Oben auf
       der nachträglich eingebauten Ebene nimmt sie zwischen Expats und jungen
       Müttern Platz. Seit fünfeinhalb Jahren lebt Reka in Neukölln, seit zehn
       Jahren sucht sie nach einer festen Beziehung.
       
       Aufgewachsen ist Reka in Spandau, am westlichen Stadtrand Berlins. Nach
       einer Ausbildung im Marketing arbeitete sie einige Jahre in
       unterschiedlichen Unternehmen. Aktuell orientiert sie sich beruflich noch
       mal um. „Wenn ich meinem 20-jährigen Ich erzählen würde, wie ich heute
       lebe: Es würde mir vermutlich kein Wort glauben“, sagt Reka und lacht. Denn
       sie hat weder einen Partner noch hat sie eine eigene Familie gegründet.
       Stattdessen lebt sie mit einem verheirateten Pärchen und einer weiteren
       Person in einer Vierer-WG. „Meine fränkische Ersatzfamilie“, sagt sie.
       
       Vieles, was Reka erzählt, klingt typisch für ihre Generation: Es gab große
       Gefühle, aber auch Grenzüberschreitungen. Ein Partner habe mit seiner
       vorigen Beziehung noch nicht abgeschlossen gehabt, einem anderen sei es
       psychisch nicht gut gegangen. Mal war sie verliebt, mal nicht so. In
       mindestens einer Beziehung hätte sie zu wenig Raum gehabt, mal habe es viel
       Eifersucht gegeben, mal wurde aus Liebe eine On-off-Geschichte. Keine ihrer
       drei Beziehungen hielt länger als drei Jahre. Bei allen spielte das
       Internet beim Kennenlernen eine zentrale Rolle.
       
       Mit ihrem ersten Freund schrieb Reka über Facebook, mit dem zweiten kam sie
       sich über StudiVZ näher und den dritten lernte sie über Tinder oder Lavoo
       kennen, so genau weiß sie das heute nicht mehr. Jedenfalls hatte sie sich
       2013 mit ein paar Freundinnen auf dem Weihnachtsmarkt an der
       Gedächtniskirche getroffen und wie jedes Jahr in einem ausgebauten Weinfass
       mit Heizung Glühwein getrunken. Eine von ihnen war vergeben, aber die
       anderen drei installierten an diesem Abend zum ersten Mal in ihrem Leben
       eine Dating-App. „Das war schon witzig, wie wir da in diesem Fass saßen und
       unsere Profile ausgefüllt haben“, erinnert sich Reka. Im April 2016
       beendete sie ihre letzte Beziehung. Zehn Jahre ist das nun her, seither ist
       sie bis auf ein paar kürzere Romanzen Single.
       
       ## Tinder, Bumble, Hinge …
       
       In Sachen Dating-Apps hat sie fast alles ausprobiert: Tinder, Bumble,
       Hinge, OkCupid, Feeld. Und zu Beginn fand sie es auch spannend, durch die
       vielen Profile zu swipen. [1][Doch mit der Zeit hat sich ihr anfängliches
       Interesse in Frust umgewandelt:] „Ich glaube, ein großes Problem auf den
       Apps ist diese Unverbindlichkeit. Man kann immer denken, es kommt noch
       jemand Besseres, und dementsprechend verhalten sich die Leute auch.“
       Dennoch frage sie sich manchmal, warum sie immer noch Single ist – und ob
       es womöglich auch mit ihr zu tun haben könnte.
       
       Immerhin sei sie reflektiert und habe auch schon die ein oder andere Stunde
       Therapie gemacht. Dazu die vielen Gespräche mit ihren Freund*innen, all die
       Podcasts und Insta-Tipps, die Ratgeberliteratur und die Fragen an Google
       oder Chat GPT, bei denen im Zweifelsfall ja sowieso nur wieder herauskomme,
       dass sie ein ängstlicher oder vermeidender Bindungstyp sei. Vielleicht habe
       sie sich auch nie wirklich auf jemanden einlassen können, aus Angst vor
       Verletzungen und Autonomieverlust. Vielleicht habe sie sich unbewusst immer
       den Falschen ausgesucht, weil sie in Wahrheit noch nicht so weit war.
       Vielleicht, vielleicht …
       
       Jedenfalls habe sie sich in den letzten Jahren immer wieder Männer gesucht,
       die mit ihrem Leben nicht klarkamen, erzählt Reka. Männer, die wie Projekte
       waren und denen sie helfen wollte. Aber nach einiger Zeit fragte sie sich:
       „Hä, was mache ich hier eigentlich? Das ist doch gar nicht mein Job.“ Oder
       sie trafen sich eine Weile und alles fühlte sich gut an, aber dann hieß es:
       „Das ist mir jetzt doch alles zu viel. Ich bin noch nicht so weit: Ciao.“
       Ihre Freundinnen und sie fragten sich dann: „Wieso geht der Typ nicht erst
       mal in Therapie, bevor er wild rumdatet und Leute verletzt?“
       
       Für Reka passt dieses Verhalten nicht zusammen. Denn sie hat den Eindruck,
       dass Männer in ihrem Alter genauso oft nach einer festen Beziehung suchen
       wie Frauen. Zumindest stehe der Wunsch nach etwas Verbindlichem in den
       Dating-Profilen potenzieller Matches oft ganz oben. Und dennoch: Männer,
       die sie ghosten, Männer, die das Treffen immer wieder verschieben, die
       sexistische Sprüche oder unwahre Angaben über sich machen – manchmal hätten
       sie und ihre Freundinnen den Verdacht, dass Männer auf Dating-Apps gehen,
       um sich abzulenken oder sich besser zu fühlen.
       
       Männerbashing wolle sie allerdings auch nicht betreiben, Männer hätten es
       auch nicht leicht: Die vielen weiblichen Bots, die ihnen schrieben und sich
       im Verlauf der Unterhaltung als Fake-Profile herausstellen. Und außerdem
       beträfen sie Verhaltensweisen wie Ghosting ja genauso.
       
       Vielleicht liegt es auch gar nicht so sehr am Einzelnen, sondern viel eher
       an der Kommerzialisierung der romantischen Liebe, dass die Suche nach etwas
       Verbindlichem so furchtbar schwer geworden ist. Die Soziologin Eva Illouz
       etwa, die sich viel mit der Liebe beschäftigt hat, bezeichnet Dating-Apps
       als „ökonomische Hoffnungsmaschinen“, die sexuelle Begegnungen zur Ware
       verformt haben, welche man erwerben und wieder loswerden könne. Auch Reka
       ist von der schieren Menge an möglichen Kandidaten mittlerweile genervt:
       „Auf einer Dating-App unterwegs zu sein, ist wie im Supermarkt. Du kannst
       alles Mögliche auswählen. Bei dem gefallen mir diese fünf Sachen, bei
       diesem hier zwei …“
       
       Zu viel Auswahl sei zu viel Information, sagt Eva Illouz. Und dann wisse
       man gar nicht mehr weiter. Im Gegensatz dazu führt sie die Begegnung von
       Angesicht zu Angesicht an, bei der es vor allem um Intuition gehe. Wenn man
       sich direkt begegne, wisse man oft nach wenigen Minuten, ob man das
       Gegenüber mag oder nicht, so die Soziologin. Also doch wieder im echten
       Leben auf die Suche gehen?
       
       ## Mindful-Dating oder „Candlelight Döner“
       
       Seit einiger Zeit besucht Reka auch sogenannte Dating-Events. Damit ist sie
       nicht allein – nach Jahren, in denen solche Abende eher als Zufluchtsstätte
       für hoffnungslose Fälle angesehen wurden, erfreut sich die
       Offline-Partnersuche einer neuen Popularität: Mindful-Dating, „Candlelight
       Döner“, Deep-Dating, Comedy-Dating, Human-Design-Matching, [2][Dating
       anhand von PowerPoint-Präsentationen,] in denen Freund*innen ihren
       Single-Freund vorstellen, Datingabende, bei denen getöpfert, gezeichnet
       oder gekocht wird, Yoga-Dating, Barhopping oder mit anderen Singles
       zusammen ins Theater gehen. Kommerzielle Veranstalter bieten ihre Formate
       teilweise in verschiedenen Städten an. Oft kosten die Veranstaltungen mehr
       als 50 Euro pro Person. Längst ist die Suche nach der Liebe auch außerhalb
       von Apps ein lukratives Geschäftsmodell.
       
       Anfang Februar trifft Reka sich mit drei Bekannten zu einer „Game Night“.
       Gegen halb sieben versammeln sich die vier mit etwa 36 anderen Frauen und
       Männern in einem Coworking-Space in Neukölln in der Nähe des
       Landwehrkanals. Es gibt Tannenzäpfle und Fritz-Limo von der Bar, inmitten
       von Zimmerpflanzen und Büroequipment sind verschiedene Partyspiele auf
       Tischen aufgebaut. Die Teilnehmenden sind zwischen 25 und 42 Jahre alt. Die
       Spannbreite der anwesenden Männer reicht vom BWLer in Hemd und Pullover bis
       zum Gen-Z-Typ mit blau lackierten Fingernägeln.
       
       Die Gruppe ist international, es wird vorwiegend Englisch gesprochen. Auch
       hier berichten die meisten davon, wie wenig Lust sie noch auf Online-Dating
       haben. Der Algorithmus, die langatmige Anbahnung und die unzähligen Dates,
       aus denen meistens nichts entsteht: „Du schreibst mit einer und plötzlich
       ghostet sie dich. Oder du triffst dich mit ihr und es ist ganz anders, als
       du es dir vorgestellt hast“, erzählt einer. „Dating-Apps sind einfach
       Zeitverschwendung“, sagt ein anderer.
       
       ## Das Phänomen Dating-Burnout
       
       Auch der Berliner Autor Michael Nast berichtet in seinem kürzlich
       erschienenen Buch „Generation Dating Burnout“ davon, wie die Onlinesuche
       nach der Liebe oftmals in Überforderung, emotionaler Leere und Erschöpfung
       endet.
       
       Laut der Sozialwissenschaftlerin Johanna Degen, die in den Medien gerne als
       „Dr. Tinder“ bezeichnet wird, sind 14 Prozent der App-Nutzer*innen von
       „Dating-Burnout“ betroffen, darüber hinaus leide die Mehrheit an
       „Dating-Fatigue“. Kein Wunder, dass es bei Dating-Apps wie Bumble derzeit
       kriselt und Rettungsversuche wie die Einführung eines KI-Assistenten namens
       „Bee“ eher zu nur noch mehr Kritik führen. Nichtsdestotrotz werden die Apps
       weiterhin von vielen verwendet.
       
       Denn die Gelegenheit für ein Kennenlernen im echten Leben nimmt bei vielen
       Menschen ab Ende 20/ Anfang 30 ab. Man geht seltener feiern, Freundeskreise
       verfestigen sich, potenzielle Partner*innen sind oft schon vergeben.
       Jemanden einfach so auf der Straße anzusprechen, das fänden viele zu
       riskant, erklärt Sebastian, der zusammen mit seiner Partnerin Taylor seit
       einiger Zeit Dating-Events wie die „Game Night“ ausrichtet: „Man weiß ja
       nicht, ob die Person Single ist und überhaupt Interesse hat.“ Taylor und
       Sebastian sind beide Ende 30 und haben sich beim Speed-Dating
       kennengelernt. Das hätte ihnen gut gefallen, aber ihr eigenes Format
       wollten sie spielerischer gestalten.
       
       Die Teilnehmer*innen in Neukölln wirken aufgeschlossen, aber etwas
       nervös. Taylor und Sebastian mimen die Showmaster und versuchen mit kleinen
       Witzen die Stimmung aufzulockern. Bei einem Aufwärmspiel treten zwei Teams
       gegeneinander an, im Anschluss teilen sich die Frauen und Männer nach einem
       speziellen Zahlensystem immer wieder neu auf die Tische auf. Sie spielen
       „Tabu“, Eisstockschießen auf Tischgröße und tragen im Wettlauf winzige
       Möbel von A nach B. Tatsächlich entsteht dabei schnell so etwas wie eine
       familiäre Atmosphäre. Es gibt die, die die Spielanleitung erklären, die,
       die ehrgeizig sind, und die, denen alles ein bisschen egal ist.
       
       Reka hat das Puzzlen besonders viel Spaß gemacht, erzählt sie im
       Nachhinein, aber nicht, weil es dort einen netten Mann gegeben hätte,
       sondern weil sie eben gerne puzzelt: „Das ging der anderen Frau in meiner
       Gruppe genauso, also haben wir wie wild drauflos gepuzzelt und die armen
       Typen nicht mehr wirklich beachtet.“ Und hat es an einer anderen Station
       geknistert? Reka schüttelt den Kopf. „Bei mir nicht. Dafür habe ich eine
       Frau gefunden, die perfekt zu meinem Mitbewohner passen würde.“ Sie will
       die beiden jetzt miteinander bekannt machen.
       
       Wenn man Reka fragt, wonach sie sucht, sagt sie: „Jedenfalls keinen
       Schönling mit aufgepumpten Muskeln, der irgendeiner Karriere nachjagt.“
       Klar, er solle schon auch gut aussehen, aber wichtiger sei, dass man sich
       gut versteht und auch mal Quatsch machen kann. Sie wünscht sich einen
       Partner, der politisch ist und selbstkritisch denkt. Und ihr ist wichtig,
       was für ein Frauenbild er hat. „Wenn jemand sagt: Was soll ich mit
       Feminismus, ihr seid doch schon alle gleichberechtigt“ – dann wäre das eine
       Red Flag für sie. Neulich hätte sie zum Beispiel einen Typen getroffen, der
       ihr erzählte, dass er bei Dates früher immer zu viel geredet hätte. Und
       dann habe er ihr einen 15-minütigen Monolog darüber gehalten, dass er das
       jetzt nicht mehr mache.
       
       ## Speed-Dating ist zurück
       
       Anfang März. Vor einem Kulturzentrum in Neukölln hat sich eine Schlange
       gebildet wie bei einer Wohnungsbesichtigung. Reka kommt in einer rostroten
       Jacke über die Straße gelaufen. Sie sieht erholt aus: „Ich war gerade für
       ein paar Tage in der Sächsischen Schweiz alleine wandern.“
       
       Die heutige Date-Night im Fincan ist ein klassisches Speed-Dating. Das
       Format gibt es seit 1998. Zum ersten Mal ausgerichtet wurde es in Los
       Angeles. Der Erfinder ist der kalifornische Rabbiner Yaacov Deyo, der nach
       einem Weg suchte, möglichst viele Singles seiner Gemeinde zusammenzuführen.
       Beim gemeinsamen Nachdenken mit Leuten aus der Unterhaltungsbranche
       entstand die Idee, aus dem oft steifen Kennenlernen etwas mit Nervenkitzel
       und Tempo zu machen. Heute sind Speed-Dating-Formate weltweit verbreitet
       und werden überdies von Unternehmen bei der Akquise von potenziellen neuen
       Mitarbeitenden genutzt.
       
       Das Berliner Format, für das sich Reka entschieden hat, nennt sich „Sore
       Thumbs“, was man als „Wunde Daumen“ übersetzen kann. Eine spöttische
       Referenz an die monotonen Wischbewegungen in den Dating-Apps. Der Raum ist
       in schummriges Kerzenlicht getaucht, die Tische sind nummeriert und mit
       Schnittblumen und Snacks bestückt. Hier werden sich später für jeweils vier
       Minuten zwei Personen miteinander bekannt machen.
       
       Gleich an der Tür haken die beiden Organisatorinnen Elizabeth und Lilly die
       Liste mit den Anmeldungen ab und drücken ihren Gästen jeweils einen großen
       Briefumschlag mit 16 Namenszettelchen und zwei kleinen Kuverts in die Hand.
       Nach jedem Gespräch werden Zettel getauscht und verdeckt vom großen
       Umschlag in das Kuvert mit „I feel sparks!“, also „Ich fühle ein
       Kribbeln!“, oder in das Kuvert für die Neins gesteckt. Am Ende des Abends
       gehen die Umschläge zurück ans Organisationsteam. Bei Übereinstimmungen
       werden später die E-Mail-Adressen ausgetauscht.
       
       Elizabeth, die ursprünglich aus England kommt, sagt mit britischem Witz die
       Tischwechsel an, während ihre Mitstreiterin Lilly die Zeit und die Playlist
       im Blick hat. Single-Events in Berlin seien im Gegensatz zu London bis vor
       wenigen Jahren ziemlich verstaubt und altbacken gewesen, sagt Elizabeth.
       Nach eigenen frustrierenden Erfahrungen beim Dating taten sie sich
       ursprünglich zu fünft zusammen und richteten 2022 ihr erstes Speed-Dating
       aus – mit einem zeitgemäßen Anstrich, inklusive Events für verschiedene
       sexuelle Identitäten. Geld kostet die Teilnahme nicht, aber Lilly geht im
       Verlauf des Abends mit einem Spendenkorb herum.
       
       Ein Mann habe kurzfristig abgesagt, verkündet Elizabeth jetzt. Das bedeute,
       dass die Anzahl an möglichen Paarungen am heutigen Abend nicht ganz
       aufgeht. Eine Helferin bringt einen zusätzlichen Stuhl herein: „Die Nummer
       17.“ Wer als Frau bei der 17 angelangt ist, muss eine Runde aussetzen.
       Heterosexuelle Männer würden sich zu ihren Events grundsätzlich etwas
       seltener anmelden, sagt Elizabeth: „Vielleicht, weil sie schüchterner sind.
       Außerdem denken sie oft, sie seien in der Überzahl, und haben auch mehr
       Angst vor Ablehnung“, so ihre Erfahrung.
       
       Die meisten Frauen wirken bei einem kurzen Zwischenfazit auf Platz 17 ganz
       angetan. „Es macht Spaß“, sagt eine. „Es ist schon ziemlich stressig, aber
       effizient“, findet eine andere und fügt an: „Wann datet man schon mal auf
       einen Schlag 16 Männer? Und das jeweils nur vier Minuten lang?“ Auch Reka
       hat eine gute Zeit – und auch schon einen Favoriten. Leider hätte er ihr
       erzählt, dass er Berlin spätestens in drei Jahren wieder verlassen wolle.
       „Das war schon ein ziemlicher Dämpfer.“
       
       In der Pause raucht eine Gruppe Frauen vor der Tür. Sie verbringen hier
       heute ihren „Mädelsabend“ und wundern sich darüber, dass immer nur die
       Frauen den Platz wechseln müssen, während die Männer auf ihrem Stuhl sitzen
       bleiben dürfen. „Das hat alleine den Grund, dass Frauen sich die
       Tischnummern besser merken“, erklärt Lilly. Sie hätten es auch schon einmal
       andersherum ausprobiert, aber dann sei Chaos ausgebrochen.
       
       Wie viele Pärchen sind aus ihrem Speed-Dating denn schon hervorgegangen?
       Elizabeth beugt sich vor, damit man sie bei der großen Lautstärke im Raum
       auch versteht: „Dazu bekommen wir leider kaum eine Rückmeldung“, sagt sie.
       Aber einen offiziellen Erfolg gibt es doch: Lilly hat bei einem ihrer
       Events ihren Freund kennengelernt. Und wie war das nochmal beim „Game
       Night“-Duo Taylor und Sebastian? Auch sie hat das Speed-Dating
       zusammengebracht.
       
       Kann man gerade womöglich von einer kleinen Revolution des Datings
       sprechen, bei der sich hippe Großstädter*innen zusammentun und auf
       alte, bewährte Rezepte besinnen? Mag sein. Denn tatsächlich ist die
       persönliche Begegnung ohne nerviges Vorgeplänkel im virtuellen Raum ja um
       einiges menschlicher. Gleichzeitig bleibt der Konkurrenzdruck auch bei
       deutlich geringerer Auswahl bestehen. Bei manchen Gästen wirkt es so, als
       ob aus Hoffnung längst Routine mit einer Spur Galgenhumor geworden ist. Als
       ob die Dating-Events für sie nur ein zusätzlicher Termin sind, den sie
       zwischen Pilates und Galeriebesuch halt so einschieben. Wer sagt also, dass
       sie hier mehr Glück haben werden als auf einer App?
       
       ## Gemeinsam Knutschen
       
       Als Ende März die Tür des Studioloft UHU aufgeht, steht dort ein Mann in
       nichts als einer Unterhose und stopft seine Straßenklamotten in einen
       kleinen Spind. Die „Urban Healing Unit“ liegt etwas versteckt in einem
       ehemaligen Fabrikgebäude am Rande des Treptower Parks. Alte Dielenböden,
       eine Bücherwand, Matratzen, die zu Sitzgelegenheiten umfunktioniert worden
       sind, ein Klavier. Zwischen Zimmerpflanzen funkeln kleine, indirekte
       Lichtquellen, hinten gibt es einen Spa-Bereich.
       
       Während sich einige Leute im engen Flur umziehen, baut Reka im Hauptraum
       mit ein paar anderen ein Gemeinschaftsbuffet auf. Als Helferin war das
       Ticket billiger. Normalerweise kostet es 55 Euro. Ist sie aufgeregt?
       „Sehr.“ Denn an diesem Abend macht Reka bei „Sweat & Smooch“ mit, was
       übersetzt so viel wie „Schwitzen und Knutschen“ heißt. Die Veranstaltung
       ist eine Vorstufe zu den sogenannten „Tempelnächten“, bei denen bis hin zu
       konsensualem Sex fast alles möglich ist. Doch an diesem Freitag geht es
       „bloß“ ums Knutschen.
       
       Der Einfall mit der „Knutsch-Meditation“ sei ihnen gekommen, als sie mal
       keine Lust auf eine normale Meditation gehabt hätten, erzählen Jarla, 36,
       und Max, 37, die beide als Paar- und Sexualtherapeut*innen arbeiten
       und miteinander verheiratet sind. Zunächst boten sie das „bewusste
       Knutschen“ auf verschiedenen Elektro-Festivals als Workshop an und im
       November 2025 zum ersten Mal als abendfüllende Veranstaltung. „Unser Ziel
       ist es, kleine Momente zu kreieren, in denen es zwischen zwei Menschen für
       einen kurzen Moment eine tiefere Verbindung gibt“, erklärt Jarla.
       
       Und das kommt an: Alle Knutsch-Abende seien bisher ausverkauft gewesen,
       mehr als 250 Menschen hätten schon mitgemacht. Max und Jarla glauben, den
       Leute gefalle, dass es bei ihnen nur ums Küssen geht und um nicht mehr. Das
       gäbe vielen Sicherheit, die den sexpositiven Bereich erst einmal antesten
       wollten. Hinzu komme, dass sie den Leuten vieles abnehmen würden: „Indem
       wir sie anleiten, muss sich keine Person fragen, wann sie den ersten Move
       macht und wie.“ Allerdings sei ihnen sehr wichtig zu betonen, dass die
       eigenen Grenzen immer an erster Stelle stünden und erst an zweiter Stelle
       die Erfahrung.
       
       „Wir lassen den Alltag jetzt hinter uns und starten in eine Traumreise“,
       sagt Max, der eine angenehme Erzählstimme hat und einen kleinen
       Tukan-Ohrring trägt. Ein Korb mit Augenbinden wird herumgereicht, die
       anwesenden Frauen und Männer binden sich selbst die Augen zu. Anschließend
       sollen sie sich vorstellen, dass sie sich in einem Wald befinden. Um ihre
       Fantasie anzuregen, werden im Hintergrund Naturgeräusche vom Band
       abgespielt: das Knistern eines Lagerfeuers, später Möwen, die über ein
       kleines Fischerdorf kreisen.
       
       Für die nächste Übung sollen sich die Teilnehmenden zu Paaren
       zusammenfinden und sich gegenseitig einen Wunsch erfüllen. „Das kann eine
       kleine Massage sein oder auch nur ein Gespräch“, sagt Max. Falls sich eine
       Person unwohl oder abgelehnt fühlt, kann sie jederzeit einen sogenannten
       „Empathy Angel“ ansprechen, der auch mit im Raum ist.
       
       An diesem Abend sind die allermeisten alleine gekommen, aber es nehmen auch
       Paare teil. Die Veranstaltung steht jede*m offen, nicht nur
       Heterosexuellen. Während viele noch damit beschäftigt sind, sich auf die
       Situation einzulassen, knutscht jetzt schon eine Dreiergruppe mitten im
       Raum. Und Reka? Die sitzt mit einer anderen Frau und zwei Männern bei einer
       Station zur Erforschung des Tastsinns, im „Garten der Berührung“, und sucht
       sich zwischen Bällen, Zackenrad und Straußenfeder eine Massagerolle heraus.
       
       Ein paar Wochen später in einem Gastgarten in Berlin-Mitte. Die Bäume haben
       mittlerweile Blätter bekommen. Über Reka kreisen Nebelkrähen, hinter ihr
       krakeelt ein Kind. Wie ist das Knutsch-Event jetzt eigentlich ausgegangen?
       Und was war mit dem Typen, den sie beim Speed-Dating zwischenzeitlich ganz
       gut fand? „Mit dem hatte ich zwar ein Match, aber wir haben uns nie
       geschrieben“, sagt Reka. Auch mit dem zweiten Match wurde es nichts: „Der
       Typ hat mir nie geantwortet, was ich krass finde. Denn eigentlich geht man
       ja zu so einer Veranstaltung, weil man vom Ghosting auf den Dating-Apps
       genug hat.“
       
       Zum Glück gab es aber noch ein drittes Match. Sie schrieb ihm eine Mail, er
       schrieb sofort zurück und fragte, wann sie Zeit hätte. Beim Treffen in
       einer Bar seien sie relativ schnell auf das Thema Beziehung zu sprechen
       gekommen und da habe sie ihn gefragt, was er eigentlich sucht. Und dann
       habe er gesagt: eine monogame Beziehung. „Und ich so: Krass!“, erzählt
       Reka. Sie weiß nicht, wann sie das zum letzten Mal gehört hat. „Und dann
       war ich schon ein bisschen überfordert, obwohl das ja eigentlich auch mein
       Wunsch ist.“
       
       Bei ihrem zweiten Date seien sie erst gemeinsam beim Yoga gewesen und
       hätten sich dann geküsst. Ein paar Tage später kam er zu ihr nach Hause.
       Sie kochten zusammen Curry und guckten „Baby Driver“, obwohl sie
       Actionfilme eigentlich nicht mag. „Der Film war ganz lustig – und dann
       haben wir uns eh auf etwas anderes konzentriert …“ Trotzdem stimmte
       irgendwas nicht: „Erst dachte ich, es läge vielleicht daran, dass ich mich
       selber sabotiere, aber dann habe ich gemerkt: Ich fühle einfach nicht
       genug.“
       
       Dafür habe sie beim Knutsch-Event umso mehr gespürt: „Ich wusste ja nicht,
       ob ich jemanden finde, den ich küssen möchte“, sagt Reka. Plötzlich sei
       jemand auf sie zugekommen und habe gefragt: „Bock, zu knutschen?“ Und sie
       hätte „Nein“ gesagt. Aber dann war da auf einmal dieser große
       Dunkelhaarige.
       
       Erst saßen sie Rücken an Rücken, wieder mit verbundenen Augen, und sollten
       sich zunächst nur spüren. Dann hätte Max gesagt, dass sie sich umdrehen und
       den anderen erst mal nur atmen hören sollten. Sie rochen aneinander, was
       irgendwie seltsam, aber auch schön gewesen sei. Als sie die Augenbinde
       abnehmen durften, sei die Atmosphäre schon sehr aufgeladen gewesen, sie
       berührte mit ihren Lippen seinen Hals, er ihre Wange, und dann hätten sie
       bestimmt 20 Minuten lang geknutscht. Und alle anderen um sie herum auch.
       Hinterher hätten sie sich beide wie verliebt gefühlt, das sei schon ein
       bisschen wie verhext gewesen, sagt Reka. Sie hätten auch Nummern
       ausgetauscht, aber bis auf eine kurze Unterhaltung bei Whatsapp habe sich
       nichts daraus ergeben.
       
       Die Nebelkrähen kreisen immer noch, die Familie mit dem Kind hat den
       Gastgarten längst verlassen. „Ich wünsche mir immer noch eine feste
       Beziehung“, sagt Reka, „aber solange niemand Passendes auftaucht, probiere
       ich mich noch ein bisschen aus.“ Vielleicht macht sie noch einmal beim
       Speed-Dating mit, ein zweiter „Knutsch-Abend“ sei definitiv geplant, auch
       wenn sie nicht glaubt, dass sie dort ihre große Liebe finden wird – „aber
       wer weiß?“, sagt Reka und grinst. Und vielleicht wäre es ja auch mal ganz
       gut, wenn das Thema Partnerschaft weder bei ihr noch gesamtgesellschaftlich
       so im Mittelpunkt stünde. Das Leben sei nämlich auch so sehr schön.
       
       13 Jun 2026
       
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