# taz.de -- Angst, Isolation, beobachtet werden: Wie der Iran Exiljournalist*innen angreift
> Weltweit übt das iranische Regime Gewalt gegen Aktivist*innen und
> Journalist*innen aus. Unsere Autorin erlebt es selbst.
(IMG) Bild: Hat jetzt also ihren eigenen Ansprechpartner beim Verfassungsschutz: Mina Khani
Im März 2023 klingelte es an meiner Tür in Berlin. Das hat man mir später
am Telefon erzählt. Ich war gerade in München und berichtete in einem
Theatersaal darüber, wie junge Menschen, Frauen und Minderheiten die
[1][Frau-Leben-Freiheit-Bewegung] tragen. Währenddessen versuchte in Berlin
der Verfassungsschutz mich zu erreichen. Sie wollten mir mitteilen, dass
ich im Visier des Regimes stehe. Auch in Deutschland.
Eigentlich wusste ich das bereits. Ich war schon lange Ziel organisierter
Angriffe des Regimes gewesen, sowohl in staatlichen Medien als auch in
sozialen Netzwerken. Sexualisierte Beschimpfungen, Morddrohungen und die
üblichen Verschwörungserzählungen über Israel oder westliche Geheimdienste.
Mal war ich „Separatistin“, mal „Agentin“, mal „Hure“, mal „Terroristin“.
Ich bin: iranische Autorin.
Seit 2009 schreibe ich über soziale Bewegungen in Iran, auf Farsi und
Deutsch. Ich berichtete während der Frau-Leben-Freiheit-Bewegung über die
Lage in Iran, unter anderem [2][auch für die taz]. Gleichzeitig erschienen
Interviews und Porträts über meine Arbeit in deutschen Medien. Diese
Sichtbarkeit war wichtig. Sie bedeutete gleichzeitig aber auch, dass ich
stärker ins Visier der Islamischen Republik geriet.
## Next Level
Dass jedoch deutsche Sicherheitsbehörden beobachten konnten, wie das Regime
mich überwacht und sogar versucht, Informationen über mich in Deutschland
zu sammeln, war wie die junge Generation sagen würde: Next Level.
Zurück in Berlin musste ich mich beim LKA melden. Dort bekam ich einen
direkten Kontakt zum Verfassungsschutz. Ein Mitarbeiter, nennen wir ihn
Herr Falk, kontaktierte mich und sagte, es handle sich um eine ernstere
Angelegenheit. Wir vereinbarten ein Treffen. Herr Falk musste dafür extra
nach Berlin fahren: Ach so, dachte ich, jetzt habe ich also schon meinen
eigenen Ansprechpartner beim Verfassungsschutz.
An einem kalten Donnerstagmorgen stand ich an unserem vereinbarten
Treffpunkt. Eine völlig unauffällige Frau in einem Hoodie holte mich dort
ab und begleitete mich zu einer Polizeistation. Dort wurde ich von ihr und
Herrn Falk befragt.
„Was machen Sie genau? Warum interessiert sich das Regime für Sie?“
Natürlich wussten sie längst, wer ich war, wo ich lebte und worüber ich
schrieb. Sie erklärten mir, dass aktuell zwar kein konkreter Anschlagsplan
bekannt sei, die Gefahr aber ernst genommen werde. Vor allem Reisen in die
Region seien problematisch. Die Möglichkeit einer Entführung könne nicht
ausgeschlossen werden.
Noch am selben Tag wurde ich in einem Fahrzeug zu einer weiteren Einheit
des LKA gebracht, zur Abteilung für islamistischen Extremismus. Dort
verstand ich zum ersten Mal, dass diese Geschichte nicht mit einem einzigen
Gespräch enden würde.
Ab diesem Zeitpunkt begann für mich eine Art Sicherheitsbürokratie. Über
Monate hinweg musste ich regelmäßig Kontakt mit Sicherheitsbehörden halten,
Gespräche führen und Situationen melden. Man sagte mir, die Lage sei noch
nicht so akut, dass ich Personenschutz bräuchte. Gleichzeitig solle ich
vorsichtiger werden, mein Umfeld beobachten, Kontakte reduzieren und
größere Reisen oder öffentliche Veranstaltungen vorher ankündigen.
Plötzlich bestand mein Alltag aus Sicherheitsgesprächen,
Risikoeinschätzungen und der ständigen Erinnerung daran, beobachtet zu
werden. Ich hatte weniger Zeit zu schreiben, weniger Kraft für Mobilität –
Dinge, aus denen meine Arbeit bestand. Genau darin liegt ein Teil der
Gewalt solcher Systeme.
Transnationale Repression
Denn transnationale Repression funktioniert nicht nur durch direkte
Angriffe. Sie funktioniert auch dadurch, dass sie dein Leben langsam
komplizierter macht. Dass sie dich erschöpft. Dass sie dich zwingt, ständig
aufmerksam zu sein. Dass du irgendwann selbst alltägliche Situationen
anders wahrnimmst. Ein unbekannter Anruf. Eine Nachricht. Jemand, der
plötzlich zu viele Fragen stellt.
Menschen, bei denen du dich fragst, ob sie zufällig in dein Leben gekommen
sind. Irgendwann entsteht dieses Gefühl, dass das Regime sogar versuchen
könnte, sich über emotionale Nähe Zugang zu verschaffen.
Diese Form von Gewalt haben viele iranische Aktivist*innen,
Reporter*innen und Medienmenschen im Exil erfahren. [3][Die in den USA
lebender Journalistin Masih Alinejad] etwa. Die Islamische Republik
versuchte mehrfach, sie entführen oder töten zu lassen. Über Jahre hinweg
musste sie unter massivem Polizeischutz leben, ihre Aufenthaltsorte und
Safe-Häuser wechseln und ihre Arbeit immer wieder unterbrechen.
## Angst, Isolation und das Wissen, beobachtet zu werden
Öffentlich sichtbar blieb oft nur ihre mediale Präsenz. Unsichtbar blieb
dagegen der Alltag: Sicherheitsprotokolle, Angst, Isolation und das Wissen,
beobachtet zu werden.
Auch Sima Sabet aus London berichtete öffentlich über massive Bedrohungen
durch das Regime. Früher war sie Moderatorin beim [4][Exilsender Iran
International], den Millionen Menschen in Iran ansehen. Heute betreibt sie
einen eigenen Youtube-Kanal und ist Gästin in Nachrichtensendungen.
Mehrmals musste sie sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen – manchmal
über Wochen.
2019 wurde der [5][Journalist Ruhollah Zam], der damals in Frankreich lebte
und bis kurz vorher mit seinem Medium „Amad News“ auf Telegram über 1
Millionen Reichweite verfügt hatte, aus Paris in den Irak gelockt. Dort
wurde er entführt, in den Iran verschleppt und später hingerichtet. Seine
Ermordung veränderte die Wahrnehmung vieler iranischer Journalisten im Exil
nachhaltig.
Ab da nahm auch die Bedrohungslage für einen guten Freund von ihm zu: den
Journalisten Ali Javanmardi. Doch auch wenn er zeitweise deutlich
vorsichtiger auftrat, kehrte er später laut in die Öffentlichkeit zurück
und arbeitet heute als Berater beim [6][US-Auslandssender Voice of
America]. Diese Gleichzeitigkeit gehört zur Realität iranischer
Exiljournalist*innen: Manche überleben knapp, manche ziehen sich zurück,
manche machen weiter, manche werden getötet.
Und daneben existieren Hunderte Geschichten, die nie öffentlich erzählt
werden.
## Unsichtbare Frauen und Journalistinnen
Frauen, die früher sichtbar geschrieben oder moderiert haben und heute nur
noch hinter den Kulissen arbeiten. Journalistinnen, die unter Pseudonym
veröffentlichen. Feministinnen, die ihre Bilder aus dem Internet gelöscht
haben. Menschen, die jahrelang öffentlich gearbeitet hatten und irgendwann
beschlossen, nicht mehr mit ihrem echten Namen aufzutreten.
Ich kenne sie persönlich. Sie sind teilweise enge Freundinnen von mir. Oft
teilen wir in vertrauten Kreisen das Unsagbare, das wir erfahren und
erfuhren. Manche haben den Journalismus ganz verlassen.
Die Islamische Republik behandelt Oppositionelle, Andersdenkende und
diejenigen, die über ihre Gewalt berichten, oft wie ein gewalttätiger Mann
eine Frau behandelt, die er kontrollieren will. Nicht nur durch direkte
Gewalt, sondern auch durch Einschüchterung, durch permanentes Beobachten,
durch psychologischen Druck.
Die Islamische Republik versucht dir das Gefühl zu geben, dass sie überall
ist. Dass sie selbst aus dem Schatten heraus noch dein Leben beeinflussen
kann. Dass sie jederzeit neue Probleme schaffen kann. So will sie dir deine
Bewegungsfreiheit nehmen, deine Öffentlichkeit, deine Stimme. Sie formt
dein Leben langsam um.
Und trotzdem versuchen viele weiterzuschreiben.
Nicht immer laut. Nicht immer sichtbar. Aber weiter.
## Die Kunst, in einem Schlachthaus des Todes zu leben
Ich berichtete schließlich verstärkt innerhalb der
Menschenrechtsorganisationen wie Hawar.help und Hengaw weiter über
systematische Menschenrechtsverletzungen gegen Frauen, politische
Gefangene, Kurd*innen und andere marginalisierte Gruppen in Iran. Die
Drohungen der Islamischen Republik hielten mich also nicht vom Schreiben
ab. Aber sie veränderten die Bedingungen des Schreibens. Ich habe
angefangen, weniger als Mina und mehr als Teil einer Organisation zu
schreiben, das Persönliche wurde immer unsichtbarer.
Ich berichte noch immer über die Kunst, in einem Schlachthaus des Todes zu
leben, das die Islamische Republik Tag für Tag weiter ausbreitet. Über die
Proteste im Januar 2026 und das Blutbad, das das Regime im Schutz eines
vollständigen Internet-Blackouts angerichtet hat. Ein Blackout, der Wochen
dauerte und durch den die Bilder uns erst viel später erreichten. Bilder
von Müttern, die auf den Gräbern ihrer ermordeten Kinder tanzten.
Und jetzt: wieder Krieg, wieder abgeschaltetes Internet, wieder
abgeschnittene Stimmen. Es ist eine der weltweit längsten und massivsten
Phasen von Internetzensur. Und trotzdem leben die Menschen dort weiter,
lieben weiter, kämpfen weiter. Mit all ihren politischen Widersprüchen,
ihren Streitigkeiten, ihren Hoffnungen, ihrer Müdigkeit, ihrer Wut und
ihrer Liebe. Sie leben all diese Gewalt auf eine fast unfassbar kreative,
widerständige und manchmal erschütternd magische Weise.
Wie könnte man ihre Geschichte also nicht weitererzählen?
22 May 2026
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