# taz.de -- Terrorakt gegen Juden: Antisemitische Messerattacke in London
> Die Opfer überleben einen Angriff, der die Debatte über Antisemitismus
> verstärkt. Die proiranische Gruppe Hayi reklamiert die Tat für sich.
(IMG) Bild: Die Messerattacken auf zwei Juden fanden im Stadtteil Golders Green im Norden Londons statt
In Londons am stärksten jüdisch geprägten Stadtteil Golders Green sind am
Mittwochvormittag zwei jüdische Passanten von einem Mann mit einem Messer
angegriffen worden. Auf den in sozialen Medien geteilten Aufnahmen von
Überwachungskameras ist zu sehen, wie der Täter am helllichten Tag einen
ultraorthodoxen 36-jährigen Mann, der gerade eine Synagoge verlassen hatte,
angreift und zu verfolgen versucht. Zehn Minuten später greift der gleiche
Täter einen 76-jährigen Mann mit Kippa an, der an einer Bushaltestelle
wartet. Beide Opfer überlebten Dank schneller medizinsicher Hilfe.
Die Angriffe geschahen nahe dem Ort, wo am 23. März ein [1][Brandanschlag
auf vier Krankenwagen des jüdischen Rettungsdienstes Hatzola] verübt wurde.
Obwohl Londons Polizei die Sicherheitsmaßnahmen in Gegenden mit starken
jüdischen Bevölkerungsanteilen sowie vor jüdischen Einrichtungen verstärkt
hat, konnte der Angriff am Mittwoch nicht verhindert werden.
Mitglieder des freiwilligen orthodox-jüdischen Schutzdienstes Shomrim
konnten gemeinsam mit Polizeibeamten und einer herbeigeeilten Zivilperson
den Täter schnell fassen. Dabei wurde auch ein Taser benutzt. Der Rucksack
des Täters ließ anfangs Bedenken aufkommen, dass der Mann vielleicht auch
Sprengstoff mit sich führte. Die Opfer erhielten ihren lebensrettenden
Noteinsatz ausgerechnet vom Hatzola Rettungsdienst. Bereits am Nachmittag
hieß es, dass keine Lebensgefahr mehr für sie bestehe. Die Behörden stuften
die Tat als mutmaßlichen Terrorakt ein.
## Mutmaßlicher Täter als gewalttätig bekannt
Nach Polizeiangaben war der Tatverdächtige, ein in Somalia geborener
45-jähriger Brite, bereits als gewalttätig bekannt und auch dass er unter
psychischen Problemen leide. Derweil hat die mit Iran in Verbindung
stehende und bis März unbekannte islamistische Gruppe [2][Harakat Ashab
al-Yamin al-Islamiyya (Hayi)] auf Telegram den Angriff für sich reklamiert.
Die Gruppe hatte sich in den letzten Wochen schon zu anderen Anschlägen in
Großbritannien und Europa bekannt. Ihre Selbstbezichtigung wird jetzt von
den Behörden überprüft.
Erst am Vortag hatte die Regierung den iranischen Botschafter wegen
„inakzeptabler“ Äußerungen einbestellt. Im vergangenen Monat nahm die
Polizei 24 Personen im Zusammenhang mit Angriffen auf jüdische Ziele fest,
darunter auch wegen des Brandanschlags auf die Hatzola-Krankenwagen.
Premierminister Keir Starmer sprach den Vorfall noch im Unterhaus an und
bezeichnete ihn als vollkommen entsetzlich: „Angriffe auf unsere jüdische
Community sind Angriffe gegen Großbritannien.“ Am Nachmittag leitete er
eine deshalb einberufene Sondersitzung des Krisenstabes. Am Donnerstag
kündigte die Regierung Investitionen von weiteren 25 Millionen Pfund (rund
29 Millionen Euro) für weitere Maßnahmen an, wie die Nachrichtenagentur PA
berichtete. Verstärkt werden soll unter anderem der Schutz rund um
Synagogen, Schulen und Gemeindezentren.
Als Londons Polizeichef Mark Rowley und Justizminister Sarah Sackman, die
Abgeordnete für Finchley und Golders Green und selbst Jüdin ist, sich nahe
des Tatortes der Presse stellten, gab es Zwischenrufe wie „Schande euch“
und „Wir haben das schon vorher gehört“. Manche machten Starmer für die
Angriffe verantwortlich.
Laut Rowley würden ausländische Organisationen und feindliche Staaten
versuchen, Personen in Großbritannien zu Terrorangriffen anzustacheln und
dafür bezahlen. Auch käme der Antisemitismus aus links- und rechtsextremen
Milieus. Während die Polizei alles tue, was sie könne, um Menschen zu
schützen, müsste sich die Allgemeinheit der Ermächtigung des Antisemitismus
in den Weg stellen.
## Oberrabbiner fordert Aktionen statt Worte
Der britische Oberrabbiner Ephraim Mirvis sagte, Worte würden nicht mehr
ausreichen und verlangte entschlossenes Handeln. Verbaler Hass, wie er an
Universitäten und bei Demonstrationen geäußert werde, sei nur einen Schritt
vom Hassverbrechen wie am Mittwoch entfernt. Man müsse das Problem an den
Wurzeln anpacken und nicht nur die Symptome bekämpfen.
Innenministerin Shabana Mahmood versicherte, dass die Regierung nicht nur
die Sicherheitsmaßnahmen stark ausgeweitet habe, sondern sich auch den
gesellschaftlichen Entwicklungen etwa mit Bildungsprogrammen stelle.
Am Nachmittag eilte auch die konservative Parteichefin Kemi Badenoch zum
Tatort und verlangte starke rechtliche Schritte gegen die Verantwortlichen
dieser Taten. Die Bedrohung der jüdischen Community sei eine nationale
Notlage. Bereits vor einer Woche sagte sie in einem Interview, dass sie
noch nie so ein Niveau der Gewalt auf die jüdische Gemeinde beobachtet
habe: „Wären Kirchen von Gemeinden Schwarzer Gläubiger in Brand gesteckt
worden, hätte es längst einen nationalen Notstand gegeben.“
## Kritik am Schweigen der antirassistischen Linken
Der Guardian-Journalist Jonathan Freedland wunderte sich in einem
BBC-Interview, dass es seltsam sei, dass die britische antirassistische
Linke bis heute keinen großen Aufmarsch gegen den Antisemitismus
organisiert hätte. Auch der unabhängige britische Terrorismusberater
Jonathan Hall – er hat die staatlich legitimierte Aufgabe die britischen
Antiterrorgesetze zu prüfen – bezeichnete die Bedrohung als Notstand. Es
sei die größte Sicherheitsbedrohung der britischen Gesellschaft seit den
Angriffen auf die Manchester Arena und in London Westminster im Jahr 2017.
Maßnahmen wie jene Tony Blairs nach den Londoner Terrorangriffen des 7.
Julis 2005 seien nun notwendig.
Laut Hall sei der Ursprung ein weitverbreiteter öffentlich ausgetragener
Antisemitismus, der Juden und Israelis als teuflisch und als Quelle der
Weltprobleme bezeichnet. Er kritisierte Polizeichef Rowley, dass er nicht
den Hass in muslimischen Kreisen angesprochen habe. Im Hinblick auf
propalästinensische Proteste in London, bei denen oft antisemitische
Botschaften verbreitet wurden, sagte er, dass bei einem Notstand zwischen
dem Recht auf Meinungsfreiheit und auf ein unversehrtes Leben die Priorität
klar sei.
Der Angriff am Mittwoch folgte auf zahlreiche andere, zum Teil auch
tödliche Angriffe. So wurden an Jom Kippur 2025, dem 2. Oktober, zwei
jüdische Synagogenbesucher bei einem Angriff vor der Heaton Synagoge in
Manchester getötet.
Der in Golders Green lebende jüdisch orthodoxe Religionslehrer Yehuda
Wagner fragt sich, wo man heute als Jude noch sicher sein könne. Andere
Befragte sagten, Regierung und Polizei hätten zu lange bei Judenhass und
Sprüchen wie „Globalise the Intifada“ zugesehen. Man müsse Judenhass unter
Muslimen angehen. „Israel ist nur ein Vorwand, hinter dem sich
Antisemitismus versteckt“, sagte ein Mann.
Der aus Kuwait stammende Muslim Ali Elfadhly, der in Golders Green unter
jüdischen Nachbarn lebt, bezeichnet Judenhass als eine „Ideologie für
Dumme“. Er persönlich sei von Jüdinnen und Juden immer gut und ehrlich
behandelt worden: „Wir glauben alle an den gleichen Gott, auch wenn wir ihn
anders nennen, wir sind alle Menschen und Brüder.“
Der ultraorthodoxe Lehrer und Mittvierziger Eli Gold, der gerade mit seinen
beiden Töchtern von der Schule kommt, schickt die Mädchen erst mal weg,
bevor er mit der taz spricht. „Ich will nicht, dass sie sich Sorgen
machen.“ Seiner Ansicht nach kämen diese Angriffe aus einem politischen und
gesellschaftlichen Klima „Der Premierminister muss viel eindeutiger sein,
dass es keinen Platz für Gewalt gibt, und insbesondere gegen Jüdinnen und
Juden, nach all dem, was wir bereits in unserer Geschichte erfahren
mussten.“
30 Apr 2026
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