# taz.de -- Theatertreffen: Ein letzter Rest Glamour
> Das Theatertreffen der Berliner Festspiele bringt schillernde Figuren und
> wuselnde Theaterfans zusammen. Eine Frau sticht dabei hervor.
(IMG) Bild: Am Ende ist alles nur Theater
Jede Berufsgruppe hat ihr Branchenevent. Für ein Goldfischli ist es die
Snackmesse, für mich das Theatertreffen. Und wie es sich für eine seriöse
Kritikerin mit einer Spur von Fangirl gehört, habe ich schon Fomo, bevor
die Stückauswahl überhaupt bekanntgegeben worden ist. Dabei ist es für mein
nervöses Fischli-Gehirn längst Folter, sich über mehrere Stunden hinweg zu
konzentrieren, ohne dass zwischendurch irgendetwas weggewischt werden kann.
„Du wirst sehen, in ein paar Tagen wird es dich furchtbar nerven“,
prophezeit mir deshalb auch ein Kollege. „Kommst du etwa nicht zur
Eröffnung?“, frage ich. „Nein, da bin ich bei Rosalía“, sagt er. Dieser
Distinktionspunkt geht an ihn.
Drei Tage später sitze ich ultralässig mit dem Roman einer gehypten
japanischen Autorin im Festspiel-Garten und tue so, als ob ich lesen würde.
Das Buch ist mein Zigarettenersatz, aber eigentlich höre ich viel lieber
den beiden Theaterleuten neben mir zu. Der gebräunte Mittfünfziger, dem ich
zwischen Intendanz und Geschäftsführung alles zutraue, trägt eine
geschmackvolle Hornbrille, neben seiner Gesprächspartnerin steht, wenn mich
nicht alles täuscht, eine Hermès-Tasche.
„Willst du nicht zu uns ans Haus kommen?“, flötet er. „Nein danke“, flötet
sie zurück: „Das ist mir zu viel Verantwortung.“ Ich tippe auf
international erfolgreiche Künstlerin und könnte mir so ein Jetset-Leben
auch sehr gut für mich vorstellen, aber mich entdeckt ja keiner.
## Roth im Rock
Dafür entdecke ich mein persönliches Rolemodel in Sachen Outfits: unsere
ehemalige Kulturstaatsministerin Claudia Roth. Sie trägt einen hinreißenden
Rock samt bunter Figürchen. Allerdings nicht auf dem Red Carpet, sondern im
grauen Foyer.
Im Gegensatz zu Herrn Weimer ist sie nämlich anwesend und würdigt damit
eine Veranstaltung, die zwar bisweilen so „bubble„ig-bürgerlich rüberkommt
wie ein güldenes Fischli auf dem vererbten Silbertablett, aber gleichzeitig
einen letzten Rest Glamour in die ansonsten vorherrschende Gewitterstimmung
bringt. Rechte Angriffe auf die Kunstfreiheit, dramatische Kürzungen beim
Theater-Etat, nun ist dieses Jahr auch noch das europäische Festival für
junge Regie „Fast Forward“ abgesagt worden.
Aber ohne dieses Festival wären sie nie auf die britische
Nachwuchs-Regisseurin Jaz Woodcock-Stewart gekommen, erzählt die
Co-Direktorin der Produktionsstätte bei der Würdigung. Und ich nicht zu
meiner Panikattacke, die ausnahmsweise mal nicht vom Anblick eines
verrissenen Theatermachers ausgelöst wurde – ich sag nur:
„Hundekot-Attacke“ –, sondern vom ununterbrochenen Zittern der
Vibrationsplatten in der „Glasmenagerie“.
Doch gerade wegen dieser Intensität liebe ich das Stück über eine
dysfunktionale Familie fast so sehr, wie ich die opulente sizilianische
Snack-Party von Pınar Karabulut blöd finde. Hat Zürich ihr den
feministischen Zahn gezogen?
## Wo bin ich hier?
Neuer Tag, neues Glück. Wobei ich in Sachen „Dresscode“ einen Totalausfall
hatte. Nicht, dass sich hier irgendjemand für mich interessieren würde,
aber trotzdem muss man nicht in einem T-Shirt rumlaufen, auf dem „Bussi
Baba“ steht, finde ich. Auch sonst fühle ich mich irgendwie lost.
Wobei: Die da, die kenne ich doch, also nichts wie hin. „Mensch, du auch
hier?“, frage ich. „Lange nicht gesehen“, gibt sie höflich zurück, während
ihre Augen den Raum nach wichtigen Leuten abscannen. „Wie geht’s?“ Jetzt
bloß nicht rumjammern, schießt es mir durch den Kopf. „Mir geht’s –
fantastisch …“ Und weg ist sie. Auch gut, dann löte ich mir jetzt richtig
einen rein.
8 May 2026
## AUTOREN
(DIR) Anna Fastabend
## TAGS
(DIR) Kolumne Midlife Monologe
(DIR) Theaterstück
(DIR) Claudia Roth
(DIR) Wolfram Weimer
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