# taz.de -- Abgesang auf das Internet: Offline ist das neue Online
> Das Internet, das uns verbinden sollte, hat uns erschöpft, vereinzelt,
> überdreht. Vielleicht ist Abschalten kein Verlust, sondern der Anfang.
(IMG) Bild: Einfach mal den Rechner runterfahren und entspannen
Huhu! In drei Minuten werde ich für die gesamte Menschheit [1][das
Internet] abschalten. Wie meine Eltern, die früher immer damit drohten, das
Wasser abzudrehen, wenn ich zu lange unter der Dusche stand. Sie haben es
zwar nie gemacht, ich bin da zum Glück konsequenter.
Weil ich seit dem Fall Ulmen/Fernandes nun endgültig die Nase voll habe von
all den Unsäglichkeiten im Netz, werde ich es jetzt für alle abdrehen:
nicht nur Darkweb und Pornokanäle, auch die Chatbots, Social Media und
sämtliche [2][Verkaufsplattformen], des weiteren Dating- und Liefer-Apps,
Onlinenachrichten, die Spiele, einfach alles. Seid nicht sauer, es ist zu
unserem Besten. Immerhin haben wir so viel Zeit online verdaddelt, dass wir
davon komplett gaga geworden sind.
Wir shoppen online, als wären wir ein Einkaufswagen in XXL. Wir erschaffen
digitale Abbilder von uns, die makellos sein sollen, gleichzeitig setzen
sie uns unter Druck, weil wir ihnen in keiner Weise gerecht werden können.
Wir spekulieren, dass wir mit einem Fußballstadion an Bekanntschaften ein
glücklicheres Leben hätten, und dass ihre kleinen digitalen Herzchen
unseren Selbstwert so groß machen, dass wir uns nie wieder klein fühlen
müssen.
Im nächsten Moment wollen wir frei, wild und wunderbar sein, doch wenn wir
ehrlich sind, sind wir [3][immer angepasster] und schrecklicher geworden.
Der Anfang des Internets war wie die Einladung zu einer riesengroßen Party.
Doch bei jeder Party, die zu lange dauert, kippt irgendwann die Stimmung.
In unserem Fall leiden die Gäste unter Reizüberflutung, dem Wegfall von
Jobs und ihrer zunehmenden sozialen Isolation. Als ob das nicht schon genug
wäre, folgten Cyberangriffe und digitale Gewalt, überproportional oft
maskulin aufgeladen. Das Internet ist längst kein guter Ort mehr.
## Wann ging es euch das letzte Mal gut?
Und wo sind wir? Endstation Geierhals. Wir sind die Verspannung, die
Schlafstörung, die Panikattacke und die Wut im Bauch. Vor uns tun sich
Gräben auf. Tief wie nie. Hier eine Bubble, da die nächste, unendlich viele
Blasen, eine neben der anderen, alle wobbeln sie nebeneinander her, wo sie
sich berühren, platzen sie oder eine verschluckt die andere – wie bei Kirby
aus dem Computerspiel.
Vielleicht war Kirby nie ein niedlicher Problemstaubsauger, sondern der
Prototyp von ChatGPT. Wie Kirby frisst die KI alles, was ihr in die Quere
kommt: Bücher, Biografien und am Ende die Menschen selbst. Einige von uns
werfen sich freiwillig zum Fraß vor und bevorzugen es, mit einem Textfeld
zu sprechen statt mit einem menschlichen Gegenüber. Andere werden ihr zum
Fraß vorgeworfen wie bei Deepfakes. Hier hilft nur noch ein radikaler
Schnitt.
Eine Lebensweise, die sich in Scrollen, Wischen, Liken und auf den
Bildschirm Starren erschöpft, hat ihre Würde verloren. Überlegt mal. Wann
ging es euch das letzte Mal gut, als ihr vor eurem Laptop oder eurem
Smartphone gesessen habt? Wann habt ihr gedacht, hier habe ich eine richtig
gute Zeit?
Als körperliche Wesen sind wir nur eine begrenzte Zeit auf diesem Planeten.
Zwar träumen die Techbros von digitaler Unsterblichkeit, aber ist es
wirklich so erstrebenswert, als Bits und Bytes in einer Clowd
rumzuschwirren? Ich glaube nicht.
Da spürt man dann nämlich nicht mal mehr seinen großen Zeh. Und ich spüre
gerne meine großen Zehen beim durch die Straßen laufen auf dem Weg zu einem
Stück Kuchen. Während du das hier gelesen hast, den letzten Onlinetext in
deinem Leben, wurde im Hintergrund das gesamte Internet gelöscht. Wir sehen
uns draußen in der Bäckerei!
28 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Anna Fastabend
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