# taz.de -- Mit dem Rauchen aufhören: Diese Lust daran, mich schleichend zu vergiften
> Als Kind hat unsere Autorin Zigaretten zerbrochen, mit 15 angefangen, sie
> zu lieben. Und jetzt? Macht sie per Brief Schluss.
(IMG) Bild: „It's just a cigarette, it′ll soon be only ten“: Warum bin ich schon wieder bei dir gelandet, obwohl du so toxisch bist?
[1][Meine geliebte Zigarette, jetzt stehe ich hier mit dir und frage mich:
Warum?!] Warum bin ich schon wieder bei dir gelandet, obwohl du so toxisch
bist? Ich inhaliere deinen Qualm, er brennt im Mund. Ja, du schmeckst nicht
mal gut, aber machst mich glücklich. Du bist meine Zuflucht in schwierigen
Zeiten und meine Belohnung nach einem stressigen Tag. Ich habe dich gerne
dabei, wenn ich Kaffee trinke oder ausgehe. Du bringst mich nach oben, wenn
ich down bin, und runter, wenn meine Emotionen hochkochen. Ich kenne dich,
seit ich 15 bin. Es war Sommer, wir saßen am See, jemand bot mir einen Zug
an, ich probierte: Igitt! Der süße A. war stinksauer, ich war sauer, dass
er sauer war, und zog deshalb gleich noch mal und noch mal und noch mal.
Was haben wir nicht schon alles miteinander erlebt: Umzüge, Trennungen,
durchzechte Nächte am WG-Küchentisch. Eigentlich kenne ich dich sogar noch
länger. Mein Vater war dein größter Fan, er rauchte zeitweise drei
Schachteln von dir, im Arbeitszimmer, das wir Kommandozentrale nannten,
oder im Auto auf dem Weg zum Eishockey mit heruntergelassenen Scheiben,
damit wir Kinder nicht so viel davon abkriegten. Als Kind wollte ich dich
zerstören, habe dich auch mal entzweigebrochen, aber irgendwann hast du
dich auch in mein Leben geschlichen und ich habe dich bereitwillig
hereingelassen. Denn ich wollte draufgängerisch sein, dazu gehören. Mehr
Skatergirl als Pferdemädchen, mehr französischer Filmstar als
[2][Marienhof].
Irgendwer sagte mal: Wir Millennials seien ein wissenschaftliches
Experiment. Im Teenageralter begonnen, haben viele von uns bis mindestens
Ende 20, Anfang 30 durchgetrunken und -geraucht. Im Großen und Ganzen haben
danach die meisten von uns die Kurve gekriegt, nur manche Sucht, die
bleibt. Ich war wegen dir schon beim Lungenarzt. Der hat mir gesagt, wenn
ich weiter mit dir abhänge, lebe ich zehn Jahre kürzer.
Ach ne! Auf jeder Zigarettenschachtel sieht man, was du mit unseren Organen
anstellst. Und ja, es macht mir Angst. Ist da etwa ein Knubbel? Scheiße, da
spüre ich doch was. Wenn dieser Rauchfrei-Bestseller nicht so verdammt
schlecht geschrieben wäre, ich hätte dich schon längst aus meinem Leben
geworfen. Und drei, vier, fünf, ja vielleicht sogar zehnmal habe ich es ja
auch schon geschafft. Nur dann kommt wieder der Moment, in dem ich schwach
werde. Ach, heute mache ich mal 'ne Ausnahme, denke ich dann. Oder bei
jeder nächsten Katastrophe: Jetzt ist es auch schon egal.
Immerhin rauche ich mittlerweile nur noch sehr wenig. Aber dennoch: Woher
kommt diese Lust daran, mich schleichend zu vergiften? Ist es eine
Aggression gegen mich selbst? Oder die Realisation, dass irgendetwas mich
irgendwann sowieso umbringen wird, und ich in der Zwischenzeit ja auch ein
bisschen auf die Kacke hauen kann? Denn als Raucherin macht mir Rauchen
Spaß.
Ein Kollege sagte mal, dass man ja auch eine Mischkalkulation anstellen
könne. Ein bisschen zu rauchen, ist auf lange Sicht vielleicht tatsächlich
besser, als es sich ganz zu verbieten und deshalb ständig gestresst und
schlecht gelaunt zu sein, sagt die Sucht in mir – oder bin ich es?
Andererseits ist es schon irgendwie bitter, ausgerechnet den bösen
Tabakkonzernen auf den Leim gegangen zu sein. Da wäre ein niedliches
Weingut in romantischer Hanglage stilvoller. So, ich mache Schluss. Dieses
Mal wirklich. Meld dich ja nie wieder bei mir! Wenn es noch etwas zu klären
gibt, weiß ich ja, wo ich dich finde.
9 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Anna Fastabend
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