# taz.de -- Tiktok-Kids kapern ehemaligen Kampftag: Lauwarmes Bier mit Panoramablick auf die Apokalypse
> Wer nach Neukölln am 1. Mai über Kreuzberg per Fahrrad fahren möchte, für
> den gibt es kein Entkommen. Eindrücke aus einer urbanen
> Wohlandsmüllhalde.
(IMG) Bild: Die Ohlauer Brücke ist fast am schlimmsten zugemüllt
Als wollten sie mir zeigen, wie unplattbar sie sind, testen sich meine
Räder in einem Meer aus Scherben. „Scheiße!“, ruft ein Typ mit Lederjacke
und Irokesen, der vor mir fährt, und steigt sofort ab. Er hat Pech – und
keine unplattbaren Reifen.
Ich biete ihm meine Hilfe an, aber er winkt bloß ab. „Feierabend“, sagt er.
„Feierabend vom 1. Mai?“, denke ich. Aber tatsächlich haben wir seit mehr
als einer Stunde schon den 2. Mai.
Warum er den Lausitzer Platz überqueren wollte, frag mich nicht. Bei mir
war es der Versuch, schneller nach Hause, Richtung Neukölln, zu kommen.
Aber in meinem Kopf sagt eine Stimme immer wieder: Es gibt keine
Abkürzungen aus Kreuzberg.
Die Ohlauer Brücke ist fast am schlimmsten zugemüllt, doch der
Rio-Reiser-Platz gewann bereits zuvor den ersten Preis: Überall zerdepperte
und leere Flaschen, Essensreste, Plastikbeutel – jeder Zentimeter ist
bedeckt. Dazu ein Heer von betrunkenen und/oder zugedröhnten Jugendlichen,
sie nehmen die Straßen ein, während die Polizei versucht, sie
zurückzudrängen.
Ich sage meiner Freundin, dass ich so etwas noch nie gesehen habe, nicht
einmal, als der 1. Mai noch ein Kampftag war und nicht so sehr eine große
Party. Dabei war ich es gewesen, die den Abend hier beenden wollte, nachdem
wir einen wunderbar ruhigen Sonnenuntergang und Mondaufgang in einer
versteckten Ecke am Holzmarkt erlebt hatten. Wir waren zu zweit, saßen am
Wasser und unterhielten uns über alles Mögliche.
Als es kälter wurde, hatte ich die Idee, noch ein letztes Bier und eine
Packung Chips am Mariannenplatz zu genießen. „Es ist bestimmt nix mehr
los“, meinte ich. Dort angekommen, bemerken wir sofort die Fehleinschätzung
und kaufen dennoch ein lauwarmes Warsteiner im Späti. Wir setzen uns an
einen leeren Tisch eines geschlossenen Restaurants und stoßen an, als wären
wir zwei Damen mit Sektflöten auf einem Balkon mit Blick auf die
Apokalypse.
7 May 2026
## AUTOREN
(DIR) Luciana Ferrando
## TAGS
(DIR) Kolumne Szene
(DIR) Kreuzberg
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