# taz.de -- Durchsuchungen in zwölf Bundesländern: Großrazzien gegen Jungnazis
> Sie sollen als „Deutsche Jugend Voran“ und „Jung & Stark“ kriminelle
> Vereinigungen gegründet haben: Razzia bei 36 jungen Rechtsextremen.
(IMG) Bild: Anhänger:innen der „Deutschen Jugend Voran“ demonstrieren am 1. Mai 2026 in Essen
Rund 600 Polizeikräfte ließ die Bundesanwaltschaft am Mittwochmorgen in
zwölf Bundesländern zu einer Großrazzia ausrücken. Das Ziel: die
rechtsextremen Jugendgruppen von [1][„Jung & Stark“ und „Deutsche Jugend
Voran“ (DJV)]. Insgesamt 36 Personen wurden durchsucht und 50 Objekte. Die
Bundesanwaltschaft wirft ihnen vor, mit ihren Gruppen kriminelle
Vereinigungen gegründet zu haben. Festnahmen gab es dabei vorerst keine.
Die beiden Gruppen waren im Sommer 2024 aufgetaucht, zunächst online und
mit diversen Regionalablegern, dann auch auf der Straße – [2][so wie
mehrere weitere neue Jungnazi-Gruppen in der Zeit]. Die Mitglieder der DJV
und „Jung&Stark“ sind zumeist Jugendliche, viele präsentierten sich im
Neonazistyle der Neunziger Jahre mit Bomberjacken und kahlgeschoren. In
Social Media Beiträgen und auf Aufzügen hetzen sie gegen Linke, Migranten
oder queere Menschen.
Sicherheitsbehörden rechnen beiden Gruppen jeweils Mitgliederzahlen im
unteren dreistelligen Bereich zu. Diese sind vor allem online vernetzt,
traten aber auch in realen Treffen oder bei Demonstrationen auf, teils auch
mit Störaktionen gegen CSD-Paraden – und konnten dort zumindest 2024 und
teils 2025 noch größeren Zulauf erzielen. In den vergangenen Monaten aber
waren die Aktivitäten merklich abgeflaut – auch weil da schon
Sicherheitsbehörden in den Bundesländern einschritten.
## Schwerpunkte in NRW und im Osten
Die jetzigen Durchsuchungen wurden maßgeblich vom Bundesamt für
Verfassungsschutz vorbereitet. Die Schwerpunkte lagen in
Nordrhein-Westfalen, Berlin, Brandenburg und Sachsen. Razzien gab es aber
auch in Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz,
Saarland und Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein. Betroffen waren
Personen, welche die Bundesanwaltschaft als Rädelsführer von „Jung & Stark“
und „DJV“ einschätzt. 19 der Durchsuchten rechnet die Bundesanwaltschaft
„Jung & Stark“ zu, 17 der DJV.
[3][Unter den Beschuldigten ist nach taz-Informationen etwa der Berliner
DJV-Anführer Julian M.], ein Mittzwanziger und Polizistensohn, der im
Frühjahr 2025 bereits wegen mehrerer Gewalttaten zu einer gut dreijährigen
Haftstrafe verurteilt wurde und derzeit im Gefängnis sitzt. Durchsucht
wurde nun offenbar seine frühere Wohnadresse.
Auch betroffen war eine „Jung-und-Stark“-Anführerin namens „Lina“ aus dem
Raum Essen-Duisburg. Sie ist [4][Antifa-Rercherche-Kollektiven etwa durch
gemeinsame Angriffe mit anderen Jungnazis auf Antifaschist*innen
bekannt]. Ebenso soll der „Jung&Stark“-Kader Justin Ü. aus Essen unter den
Beschuldigten sein, der wiederholt auf Demonstrationen auftrat.
## Mit Gewalttaten aufgefallen
Insgesamt 8 der 36 Beschuldigten wirft die Bundesanwaltschaft konkrete
gefährliche Körperverletzungen vor: Sie sollen in sogenannten
„Pädo-Huntings“ vermeintlich Pädophile aufgesucht und attackiert haben.
Auch als Linke angenommene Personen sollen angegriffen worden sein. Einige
erlitten laut Bundesanwaltschaft „nicht unerhebliche Verletzungen“. So
attackierten DJV-Mitglieder etwa [5][im August 2025 am Berliner Ostkreuz
zwei junge Journalisten mit Schlägen und Tritten]. Zuvor waren die Neonazis
von einer Störaktion gegen den CSD in Bautzen zurückgekehrt.
Gegen eine weitere Jungnazi-Gruppe war die Bundesanwaltschaft bereits im
Mai 2025 mit Festnahmen vorgegangen: [6][die „Letzte Verteidigungswelle“],
deren Anführer teils erst 15 Jahre alt waren. Diese Gruppe stufte die
Behörde sogar als terroristische Vereinigung ein, da sie etwa ein
Kulturhaus im Brandenburger Altdöbern niederbrannte und die im gleichen
Gebäudekomplex schlafende Betreiberfamilie in Lebensgefahr brachte. Auch
hatten die Mitglieder eine Geflüchtetenunterkunft im thüringischen Schmölln
angegriffen und ebenso mehrere Personen, die sie für „Pädophile“ hielten.
Die acht Hauptmitglieder stehen derzeit vor dem Oberlandesgericht Hamburg
vor Gericht, auch mit dem Vorwurf des versuchten Mordes – [7][wegen ihres
geringen Alters wird hinter verschlossenen Türen verhandelt]. An ihren
Fällen zeigte sich, wie die Radikalisierung verlief: Fast alle Angeklagten
kommen aus zerrütteten Elternhäusern, weisen gescheiterte Schul- und
Ausbildungskarrieren auf. Der Vater eines Beschuldigten ist selbst
Rechtsextremist, ein anderer Angeklagter soll aus der Haft einem Bekannten
geschrieben haben, er habe es genossen, bei der „Verteidigungswelle“ zu
einer Gruppe dazuzugehören, wo er jemand sei.
Ein weiterer Schwerpunkt der Razzien am Mittwoch lag in NRW: Hier wurden
neun Objekte von neun Personen durchsucht: In Bochum, Duisburg, Essen,
Mülheim an der Ruhr, Oberhausen, Hochsauerlandkreis und in den Kreisen
Mettmann und Minden-Lübbecke. Auch in NRW sind Gruppen aus dem Spektrum vor
allem durch Provokationen und Proteste gegen CSDs in verschiedenen Städten
aufgefallen.
## Martialisches Auftreten
Das Auftreten dieser Gruppen ist häufig martialisch: Im März 2025 liefen
Neonazis von „Jung und Stark“ etwa mit Reichsflaggen durch Essen und riefen
unter großen Gegenprotesten „Deutschland den Deutschen – Ausländer raus“,
und „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen“. Gekleidet
waren viele Teilnehmer dabei wie Neonazi-Skinheads aus den Neunzigern oder
„Autonome Nationalisten“ aus den 2000er Jahren – andere aus dem Spektrum
verkleiden sich gleich als Hitlerjugend.
Neben „Jung und Stark“ war in NRW zuletzt vor allem der „Störtrupp“ (DST)
aktiv, gegen den es nun allerdings keine Durchsuchungen gab. In den
Jungnazi-Strukturen sind die Grenzen fließend, ebenso gibt es Fluktuationen
in verschiedenen Gruppen und Neugründungen – einige Neonazis gehen auch zur
NPD-Jugendorganisation JN (Junge Nationalisten). Gemeinsam haben viele
Jungnazis aus diesem Spektrum, dass sie gerne mit Hieb- und Stichwaffen
posieren – oder vor AfD-Wahlkampfständen wie etwa bei der AfD Düren.
## Zuletzt weniger sichtbar
Nach den Razzien gegen die „Letzte Verteidigungswelle“ und Festnahmen von
DJV-Anführern wie Julian M. in Berlin waren die Aktivitäten der
Jungnazi-Gruppen zuletzt zurückgegangen. Eine Demonstration der DJV [8][im
März in Berlin für „politische Gefangene“ fand kaum noch Zulauf]. Die
Bundesanwaltschaft wirft DJV und „Jung & Stark“ aber vor, weiter mit
Gewaltaufrufen und Straftaten aktiv gewesen zu sein.
Der Rechtsextremismus-Experte André Aden von Recherche Nord sieht ebenfalls
einige Dynamik in der Szene: Die Strukturen befänden sich in ihrer
organisatorischen Bedeutung seit Monaten im „freien Fall“. Eine Ausnahme
sei Berlin, wo die „Deutsche Jugend Voran“ stark ist, und Regionen in NRW,
wo „Jung und Stark“ unterwegs ist. Ansonsten seien die Mitglieder in den
letzten Monaten zur Kleinstpartei III. Weg oder zur neonazistischen
„Heimat“-Partei abgewandert oder zu deren jeweiligen Jugendorganisationen.
Da sich die Razzien nun gegen die Reste der bundesweiten Strukturen
richtet, scheint es eher so, dass Sicherheitsbehörden entweder jetzt
nochmal schnell „reinschauen“ wollen – oder aber, dass sie die Entwicklung
verschlafen haben, sagt Aden. Beides würde nicht überraschen.
## PR für das Innenministerium?
Es sei natürlich nicht auszuschließen, dass innerhalb der
Führungsstrukturen an einer Reorganisation gearbeitet werde, sagt Aden, und
die Behörden also meinen, „wachsam“ sein zu müssen. Aber er habe eher den
Eindruck, dass das Bundesinnenministerium im Bereich „Rechte Jugend“
Öffentlichkeitsarbeit leisten wolle.
Das ist natürlich ein zugespitzer Verdacht. Klar ist, dass es sich bei den
Netzwerken um gewaltbereite Neonazis handelt, die von ihrem
Organisationsgrad natürlich immer noch handlungs- und mobilisierungsfähig
waren. Bezüge zu Gewalt, die Versuche legale aber auch illegale Waffen zu
organisieren, ist ein Dauerthema in diesen Gruppen – wie in der gesamten
militanten Neonaziszene.
Dass die Behörden nun erst Monate nach Bekanntwergen gegen die Strukturen
vorgehen, zeige aber auch, dass die Behörden im Bereich Rechtsextremismus
immer noch ein Problem haben, das da lautet: „Vor die Lage zu kommen“,
analysiert Aden.
Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) sagte am Mittwoch, die
durchsuchten Gruppen in den zwölf Bundesländern zeigten einmal mehr, dass
man von einer „gesamtdeutschen Bedrohung durch gewaltorientierten
Rechtsextremismus“ sprechen müsse. Diese Gefahr müsse man „sehr ernst
nehmen“. Es sei erschütternd, dass militante rechtsextreme Gruppe unter
jungen Menschen Zulauf hätten, so Hubig. „Rechtsextremismus ist die größte
Gefahr, die Deutschland von innen droht.“
Die grüne Innenpolitikerin Marlene Schönberger mahnte die Bedeutung von
Demokratieförderung an: „Wer, wie die Bundesregierung, bei Projekten gegen
Rechtsextremismus sparen will, schwächt die demokratische Resilienz junger
Menschen gegen Hass und Menschenfeindlichkeit.“
Am Nachmittag äußerte sich schließlich auch Bundesinnenminister Alexander
Dobrindt (CSU): „Wir akzeptieren keine Gewaltaufrufe und gewalttätige
Angriffe, sondern gehen entschieden dagegen vor“, sagte er und dankte
Polizei, Verfassungsschutz und Generalbundesanwalt.
6 May 2026
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