# taz.de -- Jugendbildungsprojekt in Weimar: Hier läuft nichts nach Lehrplan
       
       > Die „Schulbrücke“ bietet Demokratiebildung jenseits vom Klassenzimmer.
       > Ein Angebot, das Schule machen sollte, besonders für junge Menschen.
       
 (IMG) Bild: Eine Woche lang leben und arbeiten die 34 teilnehmenden Jugendlichen in Weimar
       
       Im historischen Zentrum von Weimar, nicht weit von dem Gartenhaus, in dem
       Goethe den „Erlkönig“ schrieb, befinden sich die Räumlichkeiten der
       Europäischen Jugendbildungsstätte. Dort sind acht Tische aufgebaut: Ganz
       vorne diskutieren Schüler:innen, ob es möglich wäre, ganz Europa nur mit
       erneuerbaren Energien zu versorgen. Am Tisch rechts daneben geht es um
       Geschlechterklischees im Zeitverlauf, noch eins weiter um die Gefahr, die
       Extremismus im Internet birgt. Alle 15 Minuten wird der Tisch gewechselt
       und die Gruppen mischen sich neu.
       
       Die Debatte ist Teil des Programms der „Schulbrücke“. Eine Woche lang leben
       und arbeiten die 34 teilnehmenden Jugendlichen in Weimar. Es ist eine
       internationale Gruppe: Sie kommen aus Garbsen in Niedersachsen, aus Posen
       im Westen Polens sowie aus Brixen und Meran in Südtirol. Sie alle
       diskutieren auf Deutsch – manche mit Akzent, manche ohne. Lehrkräfte sind
       mitgereist, aber nicht beim Unterricht dabei. Denn die Schüler:innen
       sollen nicht von Noten oder starren Lehrplänen abgelenkt werden, sondern
       sich voll und ganz auf ihre Ideen für die Zukunft Europas konzentrieren.
       
       Dabei handelt es sich um Projekte, die die Jugendlichen selbst entwickelt
       haben und im Laufe der Woche gemeinsam diskutieren und bewerten. Darunter
       zum Beispiel ein Maßnahmenpaket gegen Extremismus in Netz inklusive
       Digitalunterricht an Schulen und verbesserten Filtern gegen Fake News auf
       Social Media. Oder auch eine reisende Informations- und Aufklärungskampagne
       zu Geschlechterklischees, die sich ausgehend von Weimar über Ungarn und auf
       den Weg nach Polen macht. „Grenzenlos“ wollen die Schüler:innen ihre
       Kampagne taufen.
       
       Die Möglichkeit, sich frei mit großen politischen Fragen
       auseinanderzusetzen, kommt bei vielen von ihnen gut an. „Ich glaube, man
       braucht so etwas viel mehr an Schulen“, sagt Maja aus Posen, die mit ihrem
       Team zu Geschlechterklischees gearbeitet hat. Ohne Leistungsdruck lasse es
       sich offener und entspannter diskutieren – in Polen komme das im Unterricht
       jedoch kaum vor. Ihre Teamkolleg:innen aus Deutschland und Italien
       nicken zustimmend: Eigenständiges Lernen und Bildungsangebote außerhalb des
       staatlichen Schulsystems kommen wohl vielerorts zu kurz.
       
       „Dabei kann es davon gar nicht genug geben“, unterstreicht Julian
       Kamphausen, Projektleiter der Schulbrücke. Bei dem Projekt stehe die
       Demokratiebildung im Fokus: Schüler:innen lernen Selbstwirksamkeit,
       Meinungsbildung und Debattenkultur. Konventioneller Politikunterricht an
       Schulen alleine könne so etwas nicht leisten, so Kamphausen. Das
       Geschwister-Scholl-Gymnasium – die Schule aus Garbsen – macht jedes Jahr
       aufs Neue wieder mit. Schulleiter Volker Herholt ist begeistert von der
       Offenheit, mit der die Jugendlichen sich begegnen. „Die Schüler halten auch
       lange nach Ende des Projekts miteinander Kontakt, besuchen sich in ihren
       jeweiligen Heimatländern und sagen oft, dass dieses Projekt sie verändert
       habe“, sagt er der taz.
       
       ## Demokratiebildung ist ungleich verteilt
       
       „Jeder Jugendliche sollte mindestens einmal die Gelegenheit bekommen, sich
       außerschulisch mit der Demokratie zu beschäftigen“, wünscht sich der
       Projektleiter. Ein Wunsch, der momentan jedoch noch weit von der Realität
       entfernt ist. Denn Zugang zu Demokratiebildung hängt stark von staatlicher
       Förderung ab – und davon, welche Schule ein Kind besucht.
       
       Sabine Achour, Professorin für politische Bildung an der FU Berlin, spricht
       von einem „wahnsinnigen Gap“ zwischen Gymnasien und nicht-gymnasialen
       Schulformen. Nicht nur könnten Gymnasialschüler:innen auf ein viel
       breiteres Angebot zurückgreifen als etwa Haupt- und Berufsschüler:innen.
       Auch bei der Themensetzung zeigten sich klare Unterschiede: An
       nicht-gymnasialen Schulen konzentriere man sich eher auf soziale Themen wie
       Mobbing als auf Politik. „Das ist zwar wichtig, aber keine politische
       Teilhabe“, so Achour.
       
       Trotz allem betrachtet die Politikwissenschaftlerin die Entwicklung
       politischer Jugendbildung grundsätzlich als positiv. Verschiedenste Träger
       würden sich von trockenen Vorträgen abwenden und neue kreative und
       interaktive Formate entwickeln, die für junge Menschen eine spannende
       Ergänzung zum Politikunterricht seien. So zum Beispiel auch der
       „Klassenfahrtcharakter“ der Schulbrücke. Diese ist grundsätzlich für alle
       Schulformen offen – das einzige Kriterium ist, dass die Teilnehmenden
       zwischen 16 und 19 Jahre alt sind. Dennoch erreichen das Projekt fast
       ausschließlich Bewerbungen von Gymnasialklassen, erzählt Kamphausen.
       
       ## Demokratiebildung ist nicht mit gängigen Einheiten messbar
       
       Mit Sorge beobachtet Achour wiederum die Umgestaltung des [1][Programms
       „Demokratie Leben“], das auch Projekte in der Demokratiebildung fördert.
       Etwa 200 Träger sollen von Einsparungen betroffen sein – darunter sicher
       auch einige, die sich im Jugendbildungsbereich engagieren. Manch Projekt
       würde „nicht die gewünschten Wirkungen entfalten“, hatte Bildungsministerin
       Karin Prien (CDU) die anstehenden Kürzungen erklärt.
       
       Ein solches Effektivitätskriterium, wie Prien es ausdrückt, ist laut Achour
       bei Demokratiebildung meist fehl am Platz. Denn ihr Beitrag sei nicht mit
       gängigen Einheiten messbar. Dass 34 Schüler:innen eine Woche lang über
       Europapolitik geredet haben, das lässt sich später weder in Euros im
       Bruttoinlandsprodukt noch in steigende oder fallende Prozentpunkte bei
       Wahlen übersetzen. Trotzdem seien solche Bildungsangebote unumgänglich, um
       jeder neuen Generation demokratische Werte näherzubringen.
       
       Von den Kürzungen ist die Schulbrücke nicht betroffen: Sie finanziert sich
       aus privaten Geldern der Deutschen Nationalstiftung sowie aus
       Erasmus-Plus-Fördermitteln. Konkret ist das Projekt bei „Erasmus Plus
       Jugend“ angesiedelt, einem eigenständigen Kapitel des EU-Programms, in
       welches verbindlich mindestens 10,3 Prozent des etwa 26 Milliarden schweren
       Erasmusvermögens fließen.
       
       Erasmus Plus Jugend widmet sich gezielt Projekten, die außerschulische
       Bildungsangebote und die demokratische Beteiligung junger Menschen fördern.
       Bei der Bewerbung der Schulbrücke hieß es, „das passt ja wie die Faust aufs
       Auge“, lacht Kamphausen. Die EU-Gelder bezieht das Projekt seit 2023 und
       erlangte damit die finanziellen Kapazitäten, das Angebot auf sieben
       einwöchige Seminare in diesem Jahr auszubauen.
       
       Doch obwohl im Rahmen von [2][Erasmus Plus Jugend] momentan noch Demokratie
       gelebt wird, könnte sich das ab 2028 ändern. Grund ist der Auslauf des
       aktuellen Erasmus-Plus-Haushalts, der jeweils für einen Zeitraum von sechs
       Jahren beschlossen wird. Einen ersten Vorschlag für den neuen Haushalt
       2028-2034 hat die EU-Kommission im vergangenen Juli veröffentlicht. Erasmus
       Plus Jugend ist darin nicht mehr zu finden. Und auch nach der
       verpflichtenden Mittelbindung für den Jugendbereich sucht man vergeblich.
       
       ## Von der Demokratie repräsentiert?
       
       Den [3][Schüler:innen der Schulbrücke] hat die Erasmus Plus
       Jugendförderung – und das Engagement des Projektteams – eine wertvolle
       Erfahrung ermöglicht. Florians Highlight war das internationale Buffet am
       ersten Abend. „Anhand von Essen kann man ja auch viel über ein Land
       erfahren“, sagt der Schüler aus Südtirol. „Es haben sich viele
       Freundschaften über Ländergrenzen hinweg geknüpft“, fügt Klassenkamerad
       Jonas hinzu. Ihre Schule hat prompt eine Partnerschaft mit der
       niedersächsischen Schule gegründet.
       
       Generell herrscht bei der Schulbrücke eine „super entspannte Atmosphäre“
       ohne Notendruck, die auch zum Lernen beiträgt, findet Felix aus Garbsen.
       Ruben aus Südtirol stimmt ihm zu: Er ist schon zum zweiten Mal dabei und
       hat mit seiner Gruppe viel über das Thema Ökonomie recherchiert, ganz ohne
       die Hilfe einer Lehrkraft. In Südtirol gibt es solche Unterrichtsformen
       selten: Als Folge von Lehrer:innenprotesten in einem Tarifstreit mit
       dem Land werden dort viele Ausflüge und außerschulischen Projekte
       gestrichen. „Das muss unbedingt in die Zeitung“, finden die anwesenden
       Jugendlichen.
       
       „Fühlt ihr euch denn von der Demokratie repräsentiert?“, fragt eine
       Betreuerin in die Runde. Die etwas zögerliche Antwort: Na ja, nicht
       unbedingt. Die meisten Teilnehmenden sind zwar alt genug, um wählen zu
       gehen. Aber so richtig beachtet von ihrer Regierung fühlen sie sich
       trotzdem nicht – oder nur dann, wenn es um den Wehrdienst geht. Sie würden
       sich wünschen, dass sich mal jemand das veraltete Schulsystem vornimmt.
       Oder wenigstens, dass sie mehr Möglichkeiten zur Mitbestimmung bekommen,
       damit man sich selbst für die eigene Generation einsetzen kann.
       
       27 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.demokratie-leben.de/
 (DIR) [2] https://www.erasmusplus.de/erasmus/jugend
 (DIR) [3] https://www.nationalstiftung.de/projekte/schulbruecken/
       
       ## AUTOREN
       
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