# taz.de -- Spielfilm „Nürnberg“ im Kino: Im Angesicht des Bösen
> Zwischen Hollywood-Pathos und Erkenntnisinteresse widmet sich James
> Vanderbilt in „Nürnberg“ den Prozessen von 1945/46. Er entwickelt eine
> überraschende Wucht.
(IMG) Bild: Ein charmanter Manipulator: Douglas M. Kelley (Rami Malek) und Herman Göring (Russell Crowe) in „Nürnberg“
Wer hierzulande sozialisiert wurde, zuckt beinahe reflexhaft zusammen, wenn
sich Hollywood der deutschen Historie widmet – insbesondere, wenn es um die
NS-Zeit geht. Zu oft hat sich gezeigt, was der Name schon verrät: dass sich
die Logik der Traumfabrik nur leidlich mit der Gravität verträgt, nach der
die Geschichte eigentlich verlangt.
Unweigerlich drängen sich Filme wie das US-Remake von „Jakob der Lügner“
mit Robin Williams auf, das die Abgründe der Schoah in ein fast
märchenhaftes Hoffnungsnarrativ überführt; oder an [1][„Operation Walküre“,
in dem der militärische Widerstand mit Tom Cruise] zum spannungsgeladenen
Heldenepos verflacht wird.
Auch „Die Bücherdiebin“ übersetzt historische Härte entlang klar geführter
affektiver Leitlinien in wohltemperierte Emotionalität – als ließen sich
die Zumutungen der Geschichte so einhegen und leichter konsumierbar machen.
Als sollte das das Ziel sein! Vielleicht braucht es aber gerade eine solche
filmischen Vorprägung, um nun von „Nürnberg“ positiv überrascht zu werden.
Vorweg sei gesagt: Auch dieser Film, der sich den
Hauptkriegsverbrecherprozessen von 1945 widmet, entspricht nicht den
Idealen einer auf historische Genauigkeit bedachten Erinnerungskultur. Und
auch Regisseur James Vanderbilt („Der Moment der Wahrheit“) kommt nicht
ohne künstlich überhöhte Bilder aus. Das Geschehen überzieht ein
blau-beiger Farbfilter, wodurch vor allem Außenaufnahmen verfremdet wirken
– obwohl teils sogar in der titelgebenden Stadt gedreht wurde.
## Keine Comic-Schurken
Auch kommt eine von Brian Tyler komponierte Musik zum Einsatz, die allzu
oft ins Pathetische kippt und die Emotionen des Publikums zu deutlich
lenken will. Auf erzählerischer Ebene aber schafft James Vanderbilt etwas
Gewichtiges, woran die meisten Mainstream-Produktionen über die Schrecken
des Nationalsozialismus scheitern.
Während dort die NS-Verbrecher oft zu stilisierten, comicartig
überzeichneten Supergegnern werden, die beinahe einem Marvel-Streifen
entsprungen sein könnten, wagt sich „Nürnberg“ tatsächlich näher an einen
Gedanken heran, wie ihn [2][Hannah Arendt im Kontext des Eichmann-Prozesses
formuliert hat: dass das Böse oft erschreckend banal in Erscheinung tritt]
und eben keinen Monstern, sondern gewöhnlichen Menschen entspringt.
Dass dies gelingt, hängt stark mit der Perspektive des Historiendramas
zusammen: Über knapp 150 Minuten folgt „Nürnberg“ vor allem Dr. Douglas
Kelley (Rami Malek), einem Psychiater der US-Armee, der damit beauftragt
wird, den geistigen Zustand von Hermann Göring (Russel Crowe) und 21
weiteren hochrangigen Nazis zu überprüfen.
## Russel Crowe brilliert
Der Film, der lose auf [3][Jack El-Hais Sachbuch „The Nazi and the
Psychiatrist“] basiert, legt seinen Fokus fast ausschließlich auf die
Zwiesprache zwischen Kelley und Göring und zeigt aus erster Hand, wie man
dessen Charme erliegen kann. Zwar plant der junge Psychiater zunächst
nüchtern, Kapital aus den Gesprächen zu schlagen, ein Buch zu
veröffentlichen und sich damit ein Vermächtnis als Experte für die
Nazi-Psychologie zu sichern.
Anfangs durchschaut er die Manipulationsversuche des „Reichsmarschalls“
noch, dem sein Titel so sehr viel bedeutet und dem Kelley schnell
unverbesserlichen Narzissmus attestiert. Allmählich aber lässt er sich von
Görings jovialem Auftreten beeindrucken, seinen entwaffnenden Bonmots und
der scheinbar so unbefangenen Art, mit der er Fakten verzerrt, relativiert
und lügt.
Dass diese Verführung sich in „Nürnberg“ glaubhaft anfühlt, ist nicht
zuletzt Russell Crowes grandioser Schauspielleistung geschuldet. Mit
scheinbar müheloser Leichtigkeit changiert er zwischen kumpelhafter
Vertraulichkeit und beschwörender Autorität, lässt mit subtilen Gesten das
Überlegenheitsgefühl seiner Figur durchschimmern und spricht mit einer
sonoren Stimme, die ihm eine natürliche Präsenz verleiht.
## Streitbar, aber zielführend
Gerade als man sich fragt, wohin das führen soll, wagt „Nürnberg“ seinen
wohl mutigsten, sicherlich auch streitbaren Schritt. Während der Prozesse
wurden bekanntermaßen Originalaufnahmen aus den Konzentrations- und
Vernichtungslagern gezeigt – und James Vanderbilt führt sie auch seinem,
dem Kinopublikum, vor, fast volle fünf Minuten lang, ohne Musik, in beinahe
vollständiger Stille.
Man kann unterschiedlicher Meinung sein, ob ein Spielfilm überhaupt jemals
der angemessene Rahmen für diese Bilder sein kann. Die Sequenz aber
verfehlt ihre Wirkung nicht. Umgehend ist der Film geerdet. Wo man sich
zuvor über Rami Maliks bisweilen überzogenes Spiel oder schräge deutsche
Akzente amüsiert haben mag – alles ist verflogen, die Ernsthaftigkeit ins
Gedächtnis gerufen, ebenso die Geschichte, die keinerlei Distanz zulässt.
Was kann ein Film über Nürnberg Größeres erreichen als genau das?
Wie schade, dass sich ein Film, der eine solche Wirkung zu erzielen vermag,
darauf nicht verlässt und in seinen letzten Wendungen noch einmal zu
pathosgeladenen Höhenflügen ansetzt. Immerhin aber kehrt „Nürnberg“ am
Schluss erneut zu den zeitlosen Erkenntnissen Hannah Arendts zurück: Kelley
schreibt sein Buch und vertritt darin die These, dass Totalitarismus
überall und jederzeit wieder entstehen kann. Das aber will niemand hören,
denn dann wäre man schließlich selbst Teil dieser Gleichung.
6 May 2026
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