# taz.de -- Forscherin über Politik und Emotionen: „Jede politische Debatte ist emotional“
> Die Neurowissenschaftlerin Maren Urner findet, dass die Politik Gefühle
> stärker berücksichtigen sollte, sonst fühlten sich viele nicht gehört.
(IMG) Bild: Schön menschlich: Marcon und Merkel lachen sich 'nen Ast
taz: Frau Urner, Sie fordern in Ihrem Buch „Radikal Emotional“, dass in der
Politik die Gefühle der Menschen mehr berücksichtigt werden. Aber sind
heutzutage nicht so gut wie alle politische Debatten durch eine hohe
Emotionalität geprägt?
Maren Urner: Nach meiner Meinung ist jede politische Debatte emotional. Sie
muss aber nicht emotionalisierend sein. In der Politik geht es ja darum,
dass wir versuchen auszuhandeln, wie wir zusammenleben wollen. Und das ist
natürlich immer eine emotionale Frage, weil es ja im Kern darum geht,
welche Werte, Vorstellungen und Wünsche wir haben. Es ist also wichtig,
zwischen emotional und emotional aufgeladen zu unterscheiden.
taz: Und warum glauben Sie als Neurowissenschaftlerin, dass es in ihrem
Fachgebiet Lösungen dabei geben kann?
Urner: Aus den Neurowissenschaften wissen wir schon lange, dass Emotionen
immer eine Rolle spielen, weil wir ja nur durch sie überhaupt
Einscheidungen treffen können. Aber das wurde in den gesellschaftlichen
Debatten lange Zeit ignoriert. Spätestens seit der Aufklärung wird ja
gefordert, dass rational und möglichst objektiv geurteilt werden soll. Aber
das können wir gar nicht.
taz: Ist es nicht so, dass Emotionen die unterdrückt werden, irgendwann
unkontrolliert ausbrechen?
Urner: Das ist ein ganz wichtiger Punkt. In der Emotionsforschung benutzen
wir dafür das Bild von einem Ball, den man versucht unter die
Wasseroberfläche zu drücken. Das kann man vielleicht sogar eine Zeitlang
schaffen, aber spätestens wenn noch mehr Bälle dazukommen, ploppen die
plötzlich hoch.
taz: In dem Zusammenhang wird ja auch von einer „emotionalen Intelligenz“
gesprochen.
Urner: In den USA gab es eine Umfrage, in der viele tausend Menschen die
Emotionen benennen sollten, die ihnen spontan gerade einfielen. Und im
Durchschnitt waren das nur drei: „happy, sad and pissed off“. In der
Emotionsforschung sprechen wir davon, dass da eine emotionale Granularität,
also eine feinere Abstufung der Gefühle, fehlt.
taz: Nun scheinen ja zurzeit negative Gefühle wie die Angst nicht nur in
der Politik dominant zu sein.
Urner: Und das ist ein riesiges Problem, denn die Angst versetzt uns in
eine Unsicherheit, durch die wir schlecht langfristige Entscheidungen
treffen können. Wenn in unserem Körper der Alarmmodus zum Dauermodus wird,
handeln wir nach den Grundprinzipien „kämpfen, flüchten, erstarren“. Das in
einer akuten Bedrohungssituation ja auch ein gutes Überlebensprogramm. Aber
wenn die Angst zum Dauerzustand wird, hält der Körper das irgendwann nicht
mehr aus, und dann kippt das System. So sinkt etwa unser IQ signifikant,
wenn wir in Angstzuständen sind.
taz: Kann man Menschen, die Angst haben, besser manipulieren?
Urner: Genau! Auf der politischen Ebene sehen wir, dass Populisten und
Populistinnen, inklusive Diktatoren und Autokraten, dies ausnutzen, weil
sie wissen, dass Menschen, die in Angst und Unsicherheit leben, nach
vermeintlich einfachen Antworten suchen.
taz: Geraten politische Bewegungen und Parteien, die nicht so mit den
Gefühlen der Menschen arbeiten können oder wollen, ins Hintertreffen?
Urner: Je lauter die Forderungen nach [1][rationalen Diskursen], desto
überforderter sind viele Menschen. Und sie haben dann zum Teil ja auch
berechtigt das Gefühl, von denen nicht verstanden zu werden, [2][wodurch
ein Vertrauensverlust stattfindet].
taz: Wenn ich zu den Menschen sage, sie sollen doch mal vernünftig sein,
unterstelle ich ja, dass sie irrational denken. Und so kann man niemanden
überzeugen.
Urner: Richtig – weil sie das Gefühl haben, gar nicht gesehen zu werden.
Ein wichtiges Mittel bei der politischen Arbeit sollte das Zuhören sein. In
der [3][Psychologie] sprechen wir von [4][„active listening“], bei dem man
versucht, den anderen zu verstehen und herauszufinden, wo er steht, welche
Wünsche und Hoffnungen, aber eben auch welche Ängste er hat.
11 May 2026
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(DIR) [4] https://news.stanford.edu/stories/2025/05/steps-active-listening-how-to-communicate-divisive-topics
## AUTOREN
(DIR) Wilfried Hippen
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