# taz.de -- Strategien gegen rechts: Leidenschaft statt Affekt
> Funktioniert ein linker Populismus? Nur, wenn wir positive Gefühle scharf
> von Affekten trennen. Es geht es um Werte, nicht um Ressentiments.
(IMG) Bild: Der Mann links hatte politische Leidenschaft drauf: Obama mit dem neuen New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani
Man ist in diesen Tagen, wenige Wochen nach dem Tod von Jürgen Habermas,
versucht in Euphorie zu verfallen, nur weil die Rechtspopulisten – siehe
Ungarn – mal nicht gewinnen. Zu mächtig scheint der internationale
illiberale Zeitgeist, zu verzagt alle progressiven, im weitesten Sinne
hoffnungsvolleren Angebote im politischen Raum. Zukunftsängste,
ausbleibende Antworten auf sich wechselseitig verstärkende Megakrisen und
nicht zuletzt die sozialen Medien mit ihrer nach immer mehr Erregung
gierenden Eigenlogik lassen den Sog des Populismus scheinbar immer stärker
werden. Abgrenzung, Wut und Ressentiment werden zur Machtressource, die
insbesondere, aber nicht nur von rechter Seite ausgiebig bewirtschaftet
wird. Wenn Veränderung Bedrohung bedeutet und die Zukunft verschlossen
erscheint, verfangen das bessere Argument und die offene Aushandlung im
habermasianischen Sinn immer weniger.
Nun dürfte die reine Vernunft als maßgebliches Gerüst des politischen Raums
immer schon ein wirklichkeitsfernes, arg steriles Wunschbild und die
Politik schon früher Bühne für große Emotionen gewesen sein. Wenn aber der
Raum für die deliberative, also diskursive, vernunftgesteuerte Demokratie
stetig schrumpft, dann braucht es Ideen, was der rechtspopulistischen
Politik der negativen Gefühle entgegengesetzt werden kann. Dann stellt sich
die Frage: Ist eine linke Politik vorstellbar, die ihrerseits auf Affekte,
auf Wut und Empörung setzt?
Es ist interessant, sich in diesem Zusammenhang an die Theorien von
[1][Ernesto Laclau und Chantal Mouffe] zu erinnern. Mouffe brachte noch
2018 ein Büchlein mit dem Titel „Für einen linken Populismus“ heraus.
Damals hatte sich die AfD schon auf den Weg gemacht, der Brexit war
vollzogen und Trump dilettierte sich durch seine erste Amtszeit. Die
Monster von heute waren also bereits auf der Bühne. Mouffe spitzte ihre
gemeinsam mit Ernesto Laclau bereits 1985 formulierte Theorie zu radikaler
Demokratie und linker Hegemonie zu, wollte unter Rückgriff auf Carl
Schmitts Freund-Feind-Unterscheidung eine „Frontlinie konstruieren“, um der
„hegemonialen neoliberalen Formation“ zu begegnen. Ihr linker Populismus
sollte unter einem relativ beliebigen „leeren Signifikanten“
unterschiedliche politische Forderungen affektiv zu sogenannten
„Äquivalenzketten“ verbinden und in scharfer Abgrenzung gegen den
gemeinsamen Gegner richten. Die Aneinanderkettung der Affekte sollte dabei
wie ein Hebel zu jener diskursiven und letztlich politischen Hegemonie
verhelfen, die die Linke seit Antonio Gramsci verzweifelt (wieder) zu
erringen sucht.
Man darf sich das in etwa so vorstellen, dass unter der Formel
beispielsweise der „sozial-ökologischen Transformation“ ganz verschiedene
politische Forderungen zusammenkämen: von bezahlbaren Mieten bis zu
gerechten Löhnen, von wirksamer Klimapolitik bis zu Artenschutz, von
Geschlechtervielfalt bis zu Rechten für Geflüchtete. Die Transformation
wäre als Signifikant die verbindende Hülle, die Forderungen oder vielmehr
ihre Fürsprecher:innen bildeten die „Äquivalenzkette“. Der gemeinsame
Gegner wäre die herrschende Formation des fossilen Kapitalismus – und
schwupps wäre sie da, die große soziale Bewegung für unsere Zeit, die sich
den Rechten entgegenstellt und den Weg weist in eine gelingende Zukunft im
Einklang mit dem Planeten.
## Mehr an Leidenschaften appellieren
Bekanntermaßen ist daraus bis heute nichts geworden, ganz im Gegenteil. Es
sind die Populisten und Rechten, die im Begriff sind, die Hegemonie in den
Debatten und der politischen Arena zu übernehmen, während von der
Klimabewegung oder sozialen Bewegungen nur noch wenig zu hören ist. Daraus
zu folgern, die Sache mit den Äquivalenzketten würde nicht funktionieren,
wäre indes verfrüht. Sie funktioniert, nur anders als zunächst gedacht: Im
Lager der Rassisten, Demokratiegegner, Pandemieleugner, Internet-Hater,
Putin-Versteher und Trump-Anhänger reiht man sich trotz aller Differenzen
gerne unter auffällig hohlen Signifikanten wie „Volk“, „Widerstand“ oder
auch „Frieden“ ein.
Wenn es gegen Geflüchtete, die Wissenschaft, die liberale Demokratie oder
einfach den „woken Mainstream“ geht, verbinden sich Niedergangserzählungen
und affektive Abneigungen zu einer dunklen Revolte, dann wird, mit Adorno
gesprochen, „die rationale Insel überschwemmt“. Hier zeigt sich, was Mouffe
übersehen haben dürfte: dass es große qualitative Unterschiede gibt, wenn
es um Gefühle als politische Ressource geht. Affekte können nicht beliebig
aufgeladen werden, sie sind enge Verwandte von Ressentiments, neigen ihrem
Wesen nach ins Autoritäre und Regressive. Als unmittelbare emotionale
Reaktionen zielen sie auf Abgrenzung, Bedrohung und Feindmarkierung.
Progressive Politik kann mit ihnen nichts anfangen, wenn sie nicht Gefahr
laufen will, selbst ins Autoritäre zu kippen.
Soll der rechten Politik der negativen Gefühle wirksam entgegengetreten
werden, wird populistische, auf Affekte bauende Politik scheitern. Will man
von progressiver Seite Gefühle mobilisieren, sollte vielmehr an
Leidenschaften appelliert werden. Bei Chantal Mouffe tauchen beide, Affekte
und Leidenschaften, gleichberechtigt nebeneinander auf, als gäbe es keinen
nennenswerten Unterschied. Das trifft nicht zu, wie sich am Populismus der
Gegenwart ablesen lässt. [2][Leidenschaften sind reflektierte Bindungen an
Werte und Ideen], sie sind nicht denkbar ohne gesellschaftliches
Bewusstsein und sie stehen nicht in direktem Widerspruch zu Vernunft und
Diskurs.
Gerechtigkeit, Freiheit, Menschenrechte oder der Schutz der natürlichen
Lebensgrundlagen sind als Affekte schwer vorstellbar, als Leidenschaften
hingegen sehr wohl. Damit lässt sich arbeiten, auch wenn das dann
schwerlich Populismus genannt werden dürfte. Mit den Methoden ihrer Gegner
sollten Progressive nicht arbeiten, sie laufen sonst Gefahr, sich diesen
anzuverwandeln. Sie bleiben vielmehr verdammt dazu, die verschlossene
Zukunft wieder zu öffnen, an das Gelingen zu glauben.
27 Apr 2026
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