# taz.de -- Essayfilm „sr“ von Lea Hartlaub: Suche Tier mit langem Hals
> Lea Hartlaubs dokumentarischer Essayfilm „sr“ verwebt die Geschichte der
> Giraffe zu einem Geflecht aus Gedanken und Ideen. Und sagt: Alles ist mit
> allem verbunden.
(IMG) Bild: Achten Sie bitte auf die Giraffe, um die geht es in „sr“
Was hat die Giraffe mit dem Nahostkonflikt zu tun? Und welchen Bezug gibt
es zwischen dem ausschließlich in Afrika beheimateten Tier und einem
chinesischen Kaiser? Oder dem ehemaligen US-Präsidenten [1][Theodore
Roosevelt]? Man erfährt es in Lea Hartlaubs dokumentarischem Essayfilm „sr“
– bewusst kleingeschrieben, auch der Grund dafür wird im Laufe der enorm
dichten 103 Minuten erläutert –, der wie ein filmisches Organigramm wirkt.
Alles ist mit allem verbunden, heißt es angesichts der wachsenden
Verflechtung der Welt oft, auch an den Schmetterlingseffekt mag man denken,
jener Überlegung aus der Chaostheorie, nach der ein weit entferntes
Ereignis, sogar ein scheinbar so nichtiges wie der Schlag eines
Schmetterlingsflügels, eine Kaskade an Ereignissen auslösen kann, die
tausenden Kilometer einen spürbaren Effekt haben können.
Oder man denkt an jenes meist in Krimis beliebte visuelle Motiv einer mit
Fotos, Zeitungsausschnitten und handschriftlichen Notizen gefüllten Wand,
mittels der ein oft manischer Ermittler eine eindeutige Lösung in einem
Wust an Informationen sucht.
Um klare Antworten geht es Lea Hartlaub jedoch nicht, sie nimmt die Giraffe
als Ausgangspunkt einer Spurensuche, die sie durch viele Länder führt –
gedreht wurde unter anderem in Niger, im Sudan, in den USA und Israel – auf
einer assoziativen Spurensuche, die sich mal mehr, mal weniger weit von der
Giraffe entfernt, aber immer wieder zu dem ebenso eleganten wie tapsigen
Tier zurückführt.
## Roosevelt schoss tausende Tiere
Erste Spuren der Giraffe finden sich schon auf tausende Jahre alten
Petroglyphen, Felszeichnungen in Niger, die zwei erstaunlich detailgetreue
Giraffen zeigen. Ein Ort, der Touristen anziehen sollte, doch die volatile
Situation in dem westafrikanischen Staat, einst eine französische Kolonie,
verhindert dies. Unweit des Orts der Felszeichnungen befinden sich eine
Uranmine, mit der auch die Nachfrage in Europa gedeckt wird, wobei
europäischen Abnehmern fraglos zupasskommt, dass man es vor Ort mit den
Sicherheitsstandards nicht allzu genau nimmt.
Eine moderne Form der Ausbeutung des afrikanischen Kontinents, zu deren
harmlosen früheren die Safari zählte. Auf einer solchen tobte sich einst
der amerikanische Präsident und passionierte Jäger Theodore Roosevelt aus,
der tausende Tiere schoss, während der deutsche Zoobesitzer [2][Carl
Hagenbeck] eher an lebenden Exemplaren interessiert war.
Ein solches wurde einst auch über den Indischen Ozean nach Asien gebracht,
um einem chinesischen Kaiser geschenkt zu werden, weswegen sich
Aufzeichnungen zur Giraffe auch in frühen Schriften im Reich der Mitte
finden. Und auch in ägyptischen Hieroglyphen findet die Giraffe Erwähnung,
transkribiert als „sr“, daher der Titel des Films.
## Dorothee Elmiger spricht den Text
In jahrelanger Recherche, bei Dreharbeiten an 30 Orten, hat sich Lea
Hartlaub auf die weitverzweigte, mäandernde Spurensuche begeben und sie zu
einem assoziativen Geflecht aus Gedanken und Ideen verwoben. Betont
zurückhaltend wirkt dabei die Inszenierung, die Kamera verharrt in meist
distanzierter Perspektive, die Einstellungen bleiben statisch, suggerieren
keine Verbindungen, stellen Überlegungen und Anmerkungen in den Raum und
überlassen es den Zuschauenden selbst, die oft unzusammenhängend wirkenden
Motive zu verbinden.
Konsequenterweise bleibt auch die Tonspur betont unemotional, die
[3][Schriftstellerin Dorothee Elmiger, für ihren Roman „Die Holländerinnen“
unlängst mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet], hat die Texte
eingesprochen, mit sonorer Stimme.
In seiner assoziativen Form, in der den meist neutralen Bildern erst durch
einen fast dauerhaften Kommentar ein Zusammenhang gegeben wird, erinnert
Lea Hartlaubs Film an Gerhard Friedls legendären Essayfilm „Hat Wolff von
Amerongen Konkursdelikte begangen?“ In diesem hatte der viel zu jung durch
Suizid verstorbene österreichische Regisseur den Verstrickungen deutscher
Wirtschaftsdynastien in die Verbrechen des Nationalsozialismus nachgespürt.
Ein thematisch also deutlich begrenzterer Ansatz, als ihn nun Lea Hartlaub
verfolgt, was auch erklären mag, warum „sr“ bisweilen auszufransen droht,
sich nicht jede der zahlreichen Geschichten und Abzweigungen in ein
zwingendes Ganzes formen mag.
Dennoch wirkt diese dokumentarische Form ambitionierter und auch
interessanter als ein Großteil dessen, was heutzutage als „Dokumentarfilm“
bezeichnet wird, jedoch durch unterschiedliche Gründe oft kaum mehr als
Variationen von Propaganda bezeichnet werden müsste: entweder in der Form
von Porträts berühmter Menschen, die allzu oft selbst als Co-Produzent
agieren, was Objektivität meist von vornherein ausschließt, oder von einer
politischen Ideologie getrieben, der man zwar zustimmen mag, die aber im
dokumentarischen Kino eher fragwürdig wirkt.
Ein Film wie „sr“ dagegen, wenn auch selbstverständlich nicht frei von
einer deutlich wahrnehmbaren, auch ideologischen Haltung, überzeugt
dadurch, dass er vor allem Fragen in den Raum stellt, Denkansätze anbietet,
aber in keinem Moment vorgibt, alle Antworten zu kennen, und schon gar
nicht behauptet, die Komplexität der Welt in aller Kürze erklären zu
können.
22 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Erinnerungsorte-in-USA-und-Russland/!5693237
(DIR) [2] /Spaziergang-mit-Fotograf-Akinbiyi/!5668418
(DIR) [3] /Deutscher-Buchpreis-fuer-Dorothee-Elmiger/!6120513
## AUTOREN
(DIR) Michael Meyns
## TAGS
(DIR) Giraffe
(DIR) Essay
(DIR) Dokumentarfilm
(DIR) Afrika
(DIR) Schwerpunkt Frankfurter Buchmesse
(DIR) Nachruf
(DIR) Film
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Deutscher Buchpreis für Dorothee Elmiger: Auszeichnung für „Die Holländerinnen“
Mit Dorothee Elmigers „Die Holländerinnen“ geht der Deutsche Buchpreis an
den besten Roman unter den nominierten. Aber auch an den anspruchsvollsten.
(DIR) Nachruf auf Filmemacher Hartmut Bitomsky: Es blieb der scharfe materialistische Blick
Für seine Filme stellte er keine neuen Bilder her, sondern sezierte die
bestehenden: Zum Tod des Essayisten und Dokumentaristen Hartmut Bitomsky.
(DIR) Doku über Fotografen Ernest Cole: Seine Qualen sind nicht heilbar
Raoul Peck zeichnet in „Ernest Cole: Lost and Found“ das Leben des
südafrikanischen Fotografen nach. Der Dokumentarfilm ist so persönlich wie
politisch.