# taz.de -- Unklares Ende der Rettungsaktion: Wo ist der Wal?
       
       > Die privat finanzierte Rettungsaktion von „Timmy“ endet im Eklat: Es ist
       > unklar, ob das Tier in Freiheit schwimmt – oder schlicht verklappt wurde.
       
 (IMG) Bild: Der Wal wurde zum Opfer bester Absichten. Ein Lastschiff als Transportmittel in die Freiheit oder den Tod
       
       Nun ist er also weg. Exakt zwei Monate lang hat der gestrandete Buckelwal,
       der von den Boulevardmedien „Timmy“, von Tierschutzaktivisten „Hope“ und
       von den meisten schlicht „der Wal“ genannt wurde, das Land in einem Ausmaß
       in Atem gehalten, das viel über die aktuelle Verfassung seiner Bewohnenden
       sagt – und leider viel zu wenig über Wale.
       
       Seit seinem ersten wortwörtlichen Auftauchen vor exakt zwei Monaten im
       Hafen von Wismar ist der mehrfach gestrandete Wal im Laufe diverser
       Befreiungsaktionen, Influencer-Auftritte, weinender Landespolitiker und
       Internet-Shitstorms von der Randnotiz zum popkulturellen Phänomen geworden.
       Entgegen den Stellungnahmen der zuständigen staatlichen Institutionen und
       etablierten Tier-, Arten- und Meeresschutzorganisationen schleppte ihn
       schließlich ein schillerndes privates Konsortium aus Multimillionären und
       vermeintlichen oder tatsächlichen Experten, die extra aus Hawaii und
       Südamerika eingeflogen wurden, in einer spektakulären Aktion in Richtung
       Nordsee.
       
       Dort ist er am Samstag schließlich unter noch ungeklärten Umständen
       entweder freigekommen oder schlicht verklappt worden – was zu erheblichem
       Zwist unter den Beteiligten geführt hat, aber auch zu scharfer Kritik von
       unter anderem Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD)
       und Greenpeace, weil offenbar Absprachen zur Überwachung und Dokumentation
       des Vorgehens nicht eingehalten wurden und der Ort der Freisetzung im
       Skagerrak, einer der meistbefahrenen Schifffahrtsrouten Europas, wenig
       walgerecht erscheint.
       
       ## Timmy ist frei – oder tot
       
       Schon der Transport in schwerer See, bis zur Nordspitze Dänemarks, dürfte
       das Leiden des moribunden Meeressäugers vermutlich eher noch einmal
       gesteigert haben. Nachdem er schon die Tage zuvor dem Dauergedröhne von
       Motoren und permanentem Menschenkontakt ausgesetzt war, wurde er nun auch
       noch gegen die Wände der Barge geschleudert und offenbar in Seilen
       verstrickt, bis die Bildübertragung womöglich aus guten Gründen aussetzte
       und sich die Besatzung der Schiffe der lästigen Fracht offenbar einfach
       entledigte. [1][„Timmy ist frei!“] – so kann man es natürlich auch nennen,
       zumindest wenn man die Bild-Zeitung ist. Zwar stirbt die Hoffnung
       bekanntlich zuletzt, aber am Ende eben doch, und im Fall von „Hope“ steht
       zu befürchten, dass dieser Zeitpunkt nah ist oder womöglich auch schon
       vorbei. Ob wir je davon erfahren, ist allerdings unklar, denn ob der am Wal
       installierte Sender sendet und unter welchen Umständen, ist ebenfalls
       ungewiss.
       
       Die zahlreichen Facetten des ganzen Falls ziehen mindestens ebenso viele
       Fragen nach sich. Dass die vermeintliche Rettungsaktion [2][eher eine
       walgroß angelegte Tierquälerei war], ist das eine. Dass dafür absurd viele
       Ressourcen verbraucht wurden, mit denen man, richtig eingesetzt, eine ganze
       Menge für Wale, Delfine oder andere Tierarten hätte bewegen können, das
       andere.
       
       Bedenklicher ist aber vielleicht noch, wie sehr der gesellschaftliche
       Diskurs sich von jeder Rationalität verabschiedet hat. Symbolisch dafür
       steht, dass Minister Backhaus irgendwann auf die Gutachten seiner
       landeseigenen Fachleute pfiff und statt zu einem anberaumten
       Expertentreffen zum Schutz von Meeressäugern in der Ostsee lieber selbst in
       die Ostsee zum Wal ging, um dem wehrlosen Tier in die Augen zu schauen.
       
       ## Wenn Fakten zu Meinungen werden
       
       Deutlicher kann man kaum zeigen, was man von Wissenschaft hält. Wenn aber
       begründete Fakten am Ende nur noch Meinungen sind, die gleichberechtigt
       neben den Äußerungen von „Free Willy“-Aktivisten und
       Selfie-Stick-Tierfilmern stehen, darf man sich vielleicht auch nicht
       wundern, wenn Maßnahmen zur Eingrenzung einer Pandemie ganze
       Bevölkerungsteile in die Staatsfeindlichkeit treiben oder der
       menschgemachte Klimawandel nur noch als Gruselgeschichte wahrgenommen wird,
       mit der man jetzt aber bitte auch mal wieder Schluss machen kann, weil wir
       weiter Verbrennermotoren verkaufen wollen.
       
       Der Walfall zeigt, dass wir offenbar bereit sind, sobald der mediale Lärm
       nur groß genug ist, fachfremde Vermögende entscheiden zu lassen, wie mit
       einem gestrandeten Wal zu verfahren ist. Um gleichzeitig zu betonen, die
       Verantwortung dafür liege ganz allein bei ihnen und nicht etwa bei der
       Regierung und ihren staatlichen Einrichtungen. Und um hinterher zu
       beklagen, man sei hinters Licht geführt worden, wenn diese unkontrollierten
       Akteure unkontrolliert agieren. So wurde wahrscheinlich auch noch die
       Chance vertan, wissenschaftliche Daten zu sammeln, damit das Schicksal des
       Wals wenigstens für irgendetwas zunutze gewesen wäre.
       
       ## Die Anteilnahme war nicht rational
       
       Zu Recht wurde vielfach darauf hingewiesen, dass die große Anteilnahme am
       Schicksal des Wals ebenfalls nicht rational sei. So viele Tiere leiden in
       Schlachthöfen und Fangnetzen, und manch Wismarer Walfreund dürfte sich
       dennoch nach einem Blick auf den gestrandeten Meeressäuger zur Stärkung
       eine Bratwurst oder ein Fischbrötchen gegönnt haben.
       
       Aber Rationalität ist nicht alles. Überschaubare Einzelschicksale erlauben
       uns, Anteil zu nehmen und Mitgefühl zu entwickeln, letztlich also:
       Menschlichkeit zu zeigen. Sie könnten uns helfen, vom individuellen
       Schicksal den Blick zu weiten auf größere Zusammenhänge. Wale sind uns
       erkennbar nicht egal. Wenn die Empathie für Timmy/Hope/den Wal dazu führte,
       dass wir uns stärker bemühen, die eigentlichen Gefährdungsfaktoren für Wale
       und Delfine zu reduzieren, statt einen einzelnen, todkranken Wal zurück ins
       Meer zu schubsen, hätte das ganze Spektakel auch etwas Gutes gehabt. Der
       Punkt dafür ist im populistischen Getümmel aber am Ende wohl so sang- und
       klanglos untergegangen wie womöglich der Wal.
       
       3 May 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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