# taz.de -- Europa und Armenien: Großer Bahnhof in Jerewan
> Armenien richtet ab Montag mehrere Gipfel europäischer Staaten aus. Das
> Datum ist bewusst gesetzt. Am 7. Juni finden Parlamentswahlen statt.
(IMG) Bild: Außenpolitischer Kurswechsel des armenischen Premiers Nikol Paschinjan: Ab Montag beginnen in Armenien EU-Gipfel
Viele Blicke werden ab diesem Montag auf die armenische Hauptstadt Jerewan
gerichtet sein. Die mit knapp drei Millionen Einwohner*innen kleinste
Republik im Südkaukasus ist Gastgeberin des achten Gipfeltreffens der
European Political Community (EPC).
Das Format war 2022 vor allem auf Betreiben von Frankreichs Präsidenten
Emmanuel Macron als Reaktion auf Russlands vollumfängliche Invasion in die
Ukraine gegründet worden. Die Plattform bringt nicht nur alle EU-Mitglieder
und Beitrittskandidaten zusammen, sondern sämtliche Staaten des Kontinents
inklusive der Türkei. Sie soll einen Austausch über Fragen, wie Sicherheit,
Energie und Infrastruktur ermöglichen und die Zusammenarbeit in diesen
strategischen Bereichen verstärken.
Bundeskanzler Friedrich Merz hat angekündigt, nicht anzureisen. Er könne
die Reise wegen „anderer Verpflichtungen“ nicht antreten. Damit findet der
EPC-Gipfel erstmals ohne einen deutschen Regierungschef statt. Der
ukrainische Regierungschef Wolodymyr Selenskyj ist bereits am Sonntag
angereist.
Am Dienstag tagt dann erstmals ein EU-Armenien-Gipfel. In einer Erklärung
des armenischen Außenministeriums heißt es, der Gipfel spiegele eine in den
vergangenen Jahren beispiellose Dynamik in den Beziehungen wider. Die EU
sei ein Schlüsselpartner Armeniens bei der Durchführung von Reformen sowie
im Handel und bei Investitionen.
## Moskaus komplettes Versagen
In der Tat: Die Regierung unter Nikol Paschinjan, der im Zuge der Samtenen
Revolution 2018 an die Macht gekommen war, hat vor allem außenpolitisch
einen Kurswechsel eingeleitet. [1][Ein entscheidender Faktor dafür war die
vollständige Niederlage Jerewans im Krieg gegen Aserbaidschan um die bis
2020 von Armenier*innen bewohnte Region Bergkarabach].
Nicht zuletzt Moskaus komplettes Versagen in diesem Kontext, das seiner
Rolle als Schutzmacht Armeniens in keinster Weise gerecht geworden war,
führte in der Regierung sowie in der Bevölkerung zu einem Umdenken. Jerewan
hat seine Mitgliedschaft in dem von Russland dominierten Militärbündnis
OVKS ausgesetzt. Jedoch gehört Armenien der Eurasischen Wirtschaftsunion
an. Zudem unterhält Moskau in der zweitgrößten armenischen Stadt Gjumri
immer noch eine Militärbasis.
Bereits seit 2023 ist mit EUMA eine EU-Mission in Armenien aktiv, deren
Mitglieder die Sicherheitslage beobachten sowie zur Stabilisierung der
Grenzregionen und Unterstützung von Friedensbemühungen beitragen sollen. Im
Februar 2027 läuft das Mandat aus.
Im August 2025 unterzeichneten Armenien und Aserbaidschan unter Vermittlung
der USA das Washingtoner Abkommen, das eine Beendigung des
Bergkarabachkonfliktes sowie des armenisch-aserbaidschanischen
Grenzkonfliktes vorsieht. [2][Das Abkommen sowie eine geplante „Trump Route
for International Peace and Prosperity (TRIPP)“ eröffneten den Weg zu einer
diplomatischen Lösung].
## Zeitpunkt für Gipfel kein Zufall
Zwar gibt es bis dato noch kein Friedensabkommen – dafür fordert Baku von
Armenien die Verabschiedung einer neuen Verfassung, da die alte
Gebietsansprüche gegenüber Aserbaidschan enthalte. Dennoch stehen
Aussöhnung, Frieden und eine Grenzöffnung mit den ehemaligen Gegnern
Aserbaidschan und der Türkei bei der Regierung Paschinjan nach wie vor ganz
oben auf der Agenda.
Dass der Gipfelreigen ausgerechnet jetzt in Jerewan stattfindet, ist kein
Zufall. Am 7. Juni finden Parlamentswahlen statt. Jüngsten Umfragen zufolge
könnte es für einen Sieg der Regierungspartei Zivilvertrag (ZV) und eine
dritte Amtszeit Paschinjans reichen. Das hat weniger mit dem Enthusiasmus
der Wähler*innen, als vielmehr einer fehlenden überzeugenden politischen
Alternative zu tun.
Zudem mangelt es nicht an harscher Kritik. Viele Armenier*innen
empfinden den Annäherungskurs mit Aserbaidschan als Verrat. Ende März
lösten Äußerungen von Paschinjan Empörung aus, als dieser drei
Oppositionsparteien zynischer Lügen bezichtigte und vor dem Ausbruch eines
neuen Kriegs warnte, sollte die ZV nicht eine verfassungsändernde Mehrheit
erhalten.
Auch der britische Journalist Thomas de Waal, der zu Russland und der
Kaukasusregion arbeitet, stellt Paschinjan ein wenig schmeichelhaftes
Zeugnis aus. Paschinjan zeige ein besorgniserregendes Desinteresse am
Aufbau von Institutionen, die die Demokratie festigten und der Regierung
konstruktives Feedback geben würden, schreibt er in einem Papier der
US-amerikanischen Denkfabrik Carnegie Stiftung für Internationalen Frieden.
„Wie in anderen postsowjetischen Demokratien ist die Justiz der schwächste
Punkt; sie ist nach wie vor reformunfähig und wird von den Machthabern als
politisches Instrument missbraucht.“
## Auch Russland hat Finger im Spiel
Wie bereits bei den Wahlen in Moldova oder Georgien hat auch Russland in
Armenien wieder seine Finger im Spiel. Geschickt nutzt Moskau armenische
soziale Medien, um Desinformationen und hetzerische Botschaften an die
Wähler*innen zu verbreiten.
Nicht zuletzt Moskaus Einmischung war ein Grund für die Entscheidung der
EU-Außenminister vom 21. April 2026, eine weitere Mission nach Armenien zu
entsenden. Die Partnerschaftsmission der Europäischen Union in der Republik
Armenien (EUPM Armenien) soll Jerewan über einen Zeitraum von zwei Jahren
bei der Bekämpfung hybrider Bedrohungen wie ausländischer Wahlmanipulation,
Cyberangriffen und illegaler politischer Finanzierung unterstützen.
Doch trotz aller Annäherung an Europa – auch ein Prozess für eine lang
erwartete Liberalisierung der Visa-Politik für Armenien läuft bereits –
muss Paschinjian im Umgang mit Russland mit Bedacht vorgehen. Das sieht
auch eine Mehrheit der Bevölkerung so. Laut einer Umfrage vom Februar 2026
sprachen sich 56 Prozent der Armenier*innen für gute Beziehungen sowohl
zum Westen, als auch zu Russland aus.
„Die Regierung Paschinjan lockert den wirtschaftlichen und
sicherheitspolitischen Einfluss Russlands auf Armenien langsam und
schrittweise. Die Europäer sollten dies zur Kenntnis nehmen und Geduld
haben“, schreibt Thomas de Waal. „Sowohl in der Innen- als auch in der
Außenpolitik benötigt Armenien eine behutsame und kontinuierliche
Unterstützung, nicht nur eine kurzfristige und effektvolle Demonstration
der Solidarität vor den Wahlen.“
3 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Barbara Oertel
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