# taz.de -- Merz-Vorstoß für die Ukraine: Überflüssig und gefährlich
> Der Kanzler will einen besonderen Status für die Ukraine in der EU. Der
> Plan würde nichts besser, aber vieles schwieriger machen.
(IMG) Bild: Deutsch-ukrainische Regierungskonsultationen am 14. April in Berlin: der ukrainische Präsident Selenskyj mit Bundeskanzler Merz
Kanzler Friedrich Merz schießt gern aus der Hüfte. In Berlin hat man sich
an seine unüberlegten Alleingänge längst gewöhnt. Aber in Brüssel? Dort
kommen die Vorstöße aus dem Off gar nicht gut an. In der EU muss man sich
mit den Partnern absprechen, sonst fällt man auf die Nase.
Diese Erfahrung musste Merz bereits 2025 machen, als er ohne eingehende
Konsultationen forderte, auf das in Belgien eingefrorene russische Vermögen
zuzugreifen. Belgiens Premier Bart De Wever stellte sich quer; es war Merz’
erste große Niederlage auf EU-Ebene. Nun prescht der Kanzler schon wieder
vor: [1][In einem Brief an die EU-Spitzen schlägt er vor, der Ukraine einen
Sonderstatus zu verleihen] und ihr eine „assoziierte Mitgliedschaft“ in der
EU anzubieten. Auch das ist eine Überraschung – nicht einmal Insider waren
informiert.
Das Letzte, was man in Brüssel von Merz zum Thema Ukraine gehört hatte, war
ein lautes Nein: Einen Blitz-Beitritt, wie ihn sich Präsident Wolodymyr
Selenskyj zum 1. Januar 2027 wünscht, werde es nicht geben. Denn der
EU-Vertrag und die Beitrittsregeln lassen das auch gar nicht zu.
Nun will Merz den Vertrag ignorieren und die Regeln aushebeln. Er gibt sich
kreativ und schlägt vor, dass Selenskyj künftig an allen EU-Gipfeln und
seine MinisterInnen an den Ministerräten teilnehmen sollen. So könne man
die Ukraine besser an die EU heranführen, meint Merz.
## Nichts besser, vieles schwieriger
Dabei ist das nicht neu. Selenskyj ist bei den Gipfeltreffen schon jetzt
meist der erste Redner. Seine MinisterInnen nehmen an allen wichtigen
EU-Treffen teil. Die Ukraine verfügt längst über einen Sonderstatus,
[2][wie auch der 90 Milliarden Euro schwere Hilfskredit zeigt]. Diesen
Sonderstatus mit einem neuen Label zu versehen – „assoziiertes Mitglied“ –,
macht nichts besser, aber vieles noch schwieriger. Zum Beispiel das
Verhältnis zu den anderen EU-Kandidatenländern auf dem Westbalkan. Sie
warten seit 20 Jahren – und fühlen sich durch die privilegierte Behandlung
der Ukraine übergangen.
Problematisch würde auch die militärische Zusammenarbeit mit der Ukraine
werden. Bisher ist die EU nicht zur Hilfe verpflichtet. Merz will Selenskyj
nun aber europäische Sicherheitsgarantien geben und das
Beistandsversprechen aus dem EU-Vertrag aktivieren. Das würde alles ändern.
Die EU-Länder wären plötzlich gehalten, Kyjiw beizustehen, wenn der Krieg
mit Russland eskaliert. Was das konkret bedeutet, weiß niemand – das
Nachdenken darüber hat gerade erst begonnen. Merz hat wieder einmal aus der
Hüfte geschossen – die Folgen sind noch gar nicht abzusehen.
21 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.tagesschau.de/ausland/europa/eu-merz-ukraine-sonderstatus-100.html
(DIR) [2] https://www.handelsblatt.com/politik/international/ukraine-eu-knuepft-teil-des-milliardenkredits-an-unpopulaere-steuerreform/100226107.html
## AUTOREN
(DIR) Eric Bonse
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