# taz.de -- Europakunde in Norwegen: Felle, Open-Air-Museen, Wikingertrash
       
       > Der Bergener Stadtteil Bryggen ist Ausweis einer langen und komplizierten
       > gemeinsamen europäischen Geschichte. Ein Streifzug.
       
 (IMG) Bild: Bryggens Sound ist der von Trommeln: Militärkappell in Bryggen, Bergen, Norwegen
       
       Hätte man mich vorher gebeten, [1][Norwegen zu skizzieren], wäre ziemlich
       genau das Stadtviertel Bryggen herausgekommen. Holzhäuser in Weiß, Rot oder
       Gelb an schmalen Kopfsteinpflastergassen zieren diesen Teil von Bergen.
       
       An die Holzidylle schließt sich das Hafenbecken mit dem Fischmarkt an, und
       in die andere Richtung ist man rasch in einem Naherholungsgebiet mit
       spiegelglatten Seen zwischen urigen Felsformationen und Senken, in denen im
       Mai noch etwas Schnee liegt.
       
       Dabei war Bryggen, heute Unesco-Weltkulturerbe, einst gar nicht norwegisch
       – sondern bewohnt von deutschsprachigen Kaufleuten, die hier eine
       Handelsniederlassung der Hanse gründeten. Es galt als deutsches Viertel.
       Heute erscheint es mir viel norwegischer als die umliegenden Viertel mit
       Betongebäuden.
       
       Bryggen ist Ausweis einer langen und komplizierten gemeinsamen europäischen
       Geschichte. Aber was ist dieses Europa? Der Begriff ist heute von der EU
       gekapert, verknüpft mit Militarisierung, Aufrüstung, Festungsbau gegen
       Migrant:innen. Dabei verbindet uns mehr. Einst waren Deutsch und Norwegisch
       einander so ähnlich, dass sich die Kaufleute mit den Einheimischen
       verständigen konnten.
       
       ## Der Sound von Trommeln
       
       Wenn ich heute durch Bryggen spaziere, denke ich, dass wir weiterhin viel
       teilen. Die historischen Läden sind voller Tassen und T-Shirts,
       mittelmäßiger Bilder, Felle und Wikingertrash. Ehemalige Wohnviertel
       verwandeln sich in touristifizierte Open-Air-Museen, auch das ist wohl eine
       europäische Gemeinsamkeit.
       
       Bryggens Sound ist der von Trommeln. Jeden Tag zieht eine Kapelle vorbei.
       Diese sogenannten Buekorps, erzählt uns ein Anwohner, seien eine stolze
       Tradition der Stadt. Eine Gruppe aus Jungs und jungen Männern marschiert
       dann in Uniformen, ausgestattet mit Armbrüsten und Fahnen.
       
       Heute gebe es auch einige Mädchenkorps. Mich erinnert die patriarchale
       Parade an die [2][Karnevalsumzüge bei mir im Rheinland], an die englischen
       Boyscouts oder an die Paraden zu Ehren von Dorfheiligen in Süditalien.
       Jungs marschieren und trommeln lassen – auch das ist offenbar eine
       europäische Kontinuität.
       
       Und natürlich teilen wir Fantasiewelten. Das Trollmuseum führt in die
       norwegische Märchenwelt ein – und verdächtig oft sind die Protagonisten
       drei Brüder, und der jüngste ist der Bescheidene und Kluge, der ein Monster
       mit einer List bezwingt. Die norwegischen Märchensammler Asbjørnsen und Moe
       sind dabei vergleichbar mit den Brüdern Grimm.
       
       Es sind nicht nur schmeichelhafte Gemeinsamkeiten, die wir haben. Aber wer
       von europäischen Werten spricht, sollte mit solch einer ehrlichen
       Auflistung anfangen.
       
       Transparenzhinweis: In einer früheren Version des Beitrags wurde ein
       falsches Bild verwendet. Das Foto zeigte nicht Bergen, sondern Ålesund. Wir
       haben die Bebilderung korrigiert.
       
       16 May 2026
       
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