# taz.de -- Trauma Dumping: Kostenlose Therapie ist over
       
       > Viele Männer laden ihre Sorgen bei der ersten Frau ab, die empathisch
       > nickt. Schon mal über echte Hilfe oder ein Gespräch unter Freunden
       > nachgedacht?
       
 (IMG) Bild: Das wars mit kostenloser Therapie für Männer. Hottip: sprecht mit euren Männerfreunden, untereinander
       
       Meine Freundinnen und ich sitzen in einer Kneipe und verbringen die erste
       Stunde des Abends damit, die Psyche eines Typen zu sezieren, den keine von
       uns wirklich kennt. Wir überlegen, wie A. mit dem umgehen soll, was er ihr
       beim ersten Date serviert hat: die Trennung seiner Eltern, Bindungsängste,
       eine Ex-Freundin mit „Knacks“ und einen Monat Microdosing, der ihm
       angeblich „die Augen geöffnet“ habe.
       
       Anderes Setting, ähnliche Situation: Ich will bei einer WG-Party nur kurz
       eine rauchen, schon steht ein Typ neben mir und breitet sein gesamtes
       Innenleben vor mir aus, obwohl ich seinen Namen erst seit fünf Minuten
       kenne. Trotzdem bin ich von jetzt auf gleich zur Chefanalytikerin seines
       Kindheitstraumas geworden, ohne dass er eine einzige Rückfrage gestellt
       hätte.
       
       Während wir Frauen emotionale Lasten eher mit Freund*innen und Familie
       teilen, [1][fahren viele Männer eine andere Strategie]: Sie behalten sie
       entweder für sich oder laden sie bei der erstbesten Frau ab, die lange
       genug empathisch nickt. Dabei haben sie doch selber Freunde – mit denen
       wird nur lieber gesoffen oder über Fußball und die richtige Bouldertechnik
       diskutiert. Aber wenn es um Sorgen und Nöte geht, kommen sie gern zu uns.
       
       Ja, ich weiß: Wir befinden uns in einer Zeit, in der Männer endlich lernen,
       sich zu öffnen und über ihre Gefühle zu sprechen. Das ist auch wichtig und
       richtig so. Das Problem ist auch nicht die Verletzlichkeit, sondern der
       Rahmen. Denn wer ungefiltert seinen Ballast abwirft und damit
       Trauma-Dumping betreibt, ist nicht an wirklicher Nähe und dem Aufbau einer
       tragfähigen Beziehung interessiert, sondern an einer unbezahlten
       Gesundheitsleistung.
       
       Manchmal wirkt die Offenlegung auch wie eine präventive Entschuldigung für
       späteres Fehlverhalten. Damit meine Freundinnen und ich schon mal
       Verständnis für Dinge entwickeln, die sich die jeweiligen Männer erst noch
       erlauben werden. Sie servieren uns ihre Traumata vorab, damit wir später
       nicht mehr sauer sein dürfen, wenn sie sich wie Arschlöcher verhalten. Nach
       dem Motto: „Ich hab dich ja gewarnt, ich bin halt kaputt.“
       
       ## Und zack in der Carerolle
       
       Aber mit dem Wissen kommt Verantwortung. Denn sobald meine Freund*innen und
       ich die psychische Verfassung der Männer kennen, fällt es uns schwer, nicht
       darauf einzugehen. Und so rutschen wir immer weiter rein in die Carerolle,
       in die Therapeutinnenrolle, [2][in die „Frau, die das schon
       aushält“-Rolle]. Es ist die Fortführung einer langen Liste von unbezahlter
       Arbeit: Beziehungs-, Aufklärungs-, Haus- und Erziehungsarbeit – zu der nun
       auch noch der Kummerkasten hinzukommt.
       
       Vielleicht sollten wir Frauen öfter hinterfragen, warum wir das mitmachen,
       warum es sich im ersten Moment vielleicht sogar ganz gut anfühlt, gebraucht
       zu werden. Aber ehrlich gesagt, habe ich keine Lust, die Verantwortung
       schon wieder nur bei uns zu suchen. Wie wäre es stattdessen damit, wenn ihr
       Männer einfach mal damit aufhört, den Kram ungefragt bei uns zu deponieren?
       
       Und mal ehrlich: Würdet ihr das alles auch einem anderen Typen erzählen,
       den ihr gerade erst kennengelernt habt? Wohl kaum. Doch wir haben keine
       Lust mehr, die psychologische Müllabfuhr für Männer zu sein, die sich nicht
       trauen, unter ihresgleichen verletzlich zu sein. Also hört auf, euren
       emotionalen Ballast nur an uns Frauen auszulagern – vor allem nicht, wenn
       ihr uns eigentlich gar nicht kennt.
       
       [3][Fangt lieber an, einander bessere Freunde zu sein.] Traut euch, diese
       emotionale Tiefe auch in eure Männerfreundschaften zu bringen. Davon hätten
       am Ende alle mehr.
       
       16 May 2026
       
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