# taz.de -- Evolutionsbiologie: Warum wir wegen früherer Peinlichkeiten erschaudern
> Peinliche Momente holen uns Jahre später unter der Dusche ein – was Scham
> mit Lebendigkeit zu tun hat.
(IMG) Bild: Oh nein wie peinlich – schäme ich mich?
Manchmal stehe ich unter der Dusche und plötzlich fühle ich mich in
peinliche Momente zurückversetzt, als seien sie gerade erst passiert. Als
ich in der Kantine das gesamte Schälchen Bananenquark über mir entleerte
und alle mich anstarrten. Als ich versäumte, die Fahrkarte zu entwerten und
vor der Kontrolleurin in Tränen ausbrach. Als ich den Namen des Kollegen
zum dritten Mal vergaß. Als ich noch kellnerte und zwei Gläser [1][Aperol
Spritz] über das blütenweiße Gucci-Kleid der Frau goss. Dann fließt das
heiße Wasser an mir runter, aber ich kriege Gänsehaut.
Peinlichkeit und Scham sind evolutionsbedingt, lerne ich im Internet. Im
Gehirn werden ähnliche Areale getriggert, wie wenn wir Schmerzen fühlen.
Das soll uns helfen, gesellschaftliche Regeln einzuhalten, Konflikte zu
entschärfen, es soll unser Zusammenleben in Gruppen sichern.
Es gab sogar mal ein psychologisches Experiment, bei dem den
Teilnehmer:innen zwei Videos gezeigt wurden, in denen ein Mann einen
Stapel Klopapierrollen im Supermarkt umstößt. Dem einen Mann ist es
wahnsinnig unangenehm, der andere Mann zeigt keine Reaktion. Das Ergebnis:
Die Probanden hatten deutlich mehr Mitleid mit dem peinlich berührten Mann.
Sie hätten ihm sogar geholfen, die Rollen wieder zu stapeln. Scham zeigen
hilft dem Gegenüber also auch beim Verzeihen.
In der Steinzeit soll es lebensnotwendig gewesen sein, Scham zu empfinden,
vermuten Wissenschaftler:innen. Wenn man im Alleingang versuchte, ein Tier
zu erlegen, dann aber von der ganzen Gruppe gerettet werden musste, macht
man das aus Scham wahrscheinlich kein zweites Mal. Aber heute unter der
Dusche stehen und beim Gedanken an den Bananenquark schaudern, ist das
nicht übertrieben?
## Kleinkinder popeln ungeniert in der Nase
Kleinkinder können sich noch nicht schämen. Sie popeln sich ungeniert in
der Nase, sie brabbeln im Bus laut rum, sie zeigen auf fremde Menschen.
Erst wenn sie ein Gefühl für sich selbst entwickeln und sich als eigenes
Wesen begreifen, werden ihnen Missgeschicke peinlich. Das passiert mit
eineinhalb bis zwei Jahren.
Ab dann sind wir ziemlich gut darin, Dinge für peinlich zu erklären. Es ist
peinlich, das Preisschild auf einem Geschenk zu vergessen. Laut pupsen ist
peinlich. [2][Menstruieren] ist peinlich, deshalb werden Tampons im Büro
oft von einer geballten Faust in die andere gegeben. Sogar jemanden nett
grüßen und dann merken, dass es die falsche Person ist, ist peinlich.
Noch so eine Situation, die sich in mein Hirn gebrannt hat: Ich bin auf dem
Spielplatz, etwa vier Jahre alt und renne in die Arme meiner Mutter. Dann
stelle ich fest, dass sie das gar nicht ist, sondern eine fremde Frau. So
peinlich!!! Ich renne weg.
[3][Meine Oma], die für mich immer ein guter Kompass ist, hat mir deshalb
etwas geraten, als ich mich zu lange mit einer Peinlichkeit aufgehalten
habe: „Wenn dir etwas peinlich ist, merkst du, dass du lebst.“ Es gibt so
viele Momente im Alltag, in denen ich einfach existiere, meint sie damit.
Ich tippe und scrolle und spüle ab, ich liege rum, räume auf und fühle
dabei meistens ziemlich wenig.
Wenn ich dann aber in der Bahn sitze und denke, oh, da hinten steht Tom,
ich wie wild winke und dann merke, dass das gar nicht Tom ist, ziehe ich
meinen Arm langsam zurück und hoffe, dass es niemand bemerkt hat. Dann wird
mir warm vor lauter Peinlichkeit, mein Körper kribbelt ein bisschen. Aber
ich spüre, dass ich lebendig bin.
21 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Sophie Fichtner
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