# taz.de -- Messenger-Chef über Pishingangriffe: „Die Attacken werden immer ausgefeilter“
> Der Messengerdienst Wire gilt als besonders sicher. Sein Chef erklärt,
> was wir aus dem jüngsten Phishingangriff auf Politiker:innen lernen
> können.
(IMG) Bild: Die Angreifer nutzten den Schwachpunkt Mensch: Bundestagspräsidentin Julia Klöckner war auch unter den Pishing-Opfern
taz: Herr Schilz, mit [1][einer Phishingattacke] über den Messenger Signal
haben Angreifer versucht, sich Zugriff auf einzelne Nutzer:innenkonten
zu verschaffen, unter anderem von prominenten Politiker:innen. Gute PR
für Sie?
Benjamin Schilz: Ich würde nicht unbedingt sagen, dass es gut für uns ist,
aber es ist gut für das gesellschaftliche und politische Bewusstsein. Die
Menschen werden sich durch solche Geschehnisse und die Berichterstattung
darüber bewusst, dass sie in der digitalen Welt einer ganzen Reihe von
Risiken ausgesetzt sind.
taz: Sie merken keinen Effekt, etwa an den Downloadzahlen oder dass mehr
Unternehmen auf Sie zukommen und Wire einsetzen wollen?
Schilz: Wir merken tatsächlich, dass im Zuge der Berichterstattung [2][über
den Phishingvorfall] das Interesse an uns als alternativem und sicherem
Messenger steigt. Das betrifft vor allem Unternehmen, denn für die
öffentliche Hand – etwa Behörden und den Bundestag – gibt es ja schon eine
eigene Wire-Version, die dort eingesetzt wird.
taz: In dem Phishingfall gab es bei Signal keine Sicherheitslücke, die
ausgenutzt wurde. Die Angreifer nutzten den Schwachpunkt Mensch. Es [3][gab
nun einzelne Stimmen aus der Politik], die Nutzung von Signal für die
parlamentarische Arbeit zu verbieten.
Schilz: Um es klar zu sagen: Signal ist ein großartiges Produkt mit einer
exzellenten Verschlüsselung. Aber Signal ist ein Messengerdienst für
private Anwender:innen. Er ist dafür gemacht, dass Freund:innen und
Familie auf sichere und einfache Art und Weise in Kontakt treten können. Er
ist nicht dafür gemacht, die Kommunikation in Unternehmen oder im
parlamentarischen Raum zu schützen. Und wir müssen uns bewusst sein, dass
die Attacken der Angreifer, was Phishing und andere Maschen angeht, immer
ausgefeilter werden. Und unterschiedliche Nutzergruppen sind hier natürlich
unterschiedlich stark gefährdet.
taz: Die Phishingattacke beruhte darauf, dass die Angreifer die
Telefonnummer kannten oder errieten, die bei Signal mit dem Konto verknüpft
ist. Wire verzichtet auf die Telefonnummer. Macht das Phishing unmöglich?
Schilz: In Sachen IT-Sicherheit ist nichts unmöglich. Aber wir bieten
weitere Maßnahmen, die das Schutzniveau erhöhen, zum Beispiel eine
Security-Policy. Erinnern Sie sich an den [4][Atlantic-Fall] im vergangenen
Jahr?
taz: Der Nationale Sicherheitsberater der USA, Mike Waltz, hatte damals den
Chefredakteur des Magazins The Atlantic versehentlich in einem hoch
geheimen Chat als Teilnehmer hinzugefügt. Dieser konnte daraufhin die
Planung einer Militäroperation mitlesen, und das Magazin veröffentlichte
daraufhin die Details der Operation.
Schilz: Mit einer Security-Policy kann man solche Fälle verhindern. Die
regelt zum Beispiel, welche Kontakte überhaupt zu Gruppen hinzugefügt
werden dürfen. Auch Phishing würde das mindestens deutlich erschweren. Für
die private Nutzung wäre so etwas natürlich nicht praktikabel, aber für
Unternehmen und öffentliche Stellen ist es essenziell.
taz: Die Diskussion über die Sicherheit von Kommunikation ist eng verknüpft
mit der über digitale Souveränität. Wie unabhängig ist Wire von
US-amerikanischen Diensten?
Schilz: Wir sind ein europäisches Unternehmen. Wire wird in Europa
entwickelt. Der Großteil unseres Personals sitzt in Deutschland, aber wir
haben auch Teams in Frankreich, in Großbritannien und in der Schweiz. Dort
und in Frankreich haben wir auch Gesellschaften, die Töchter der deutschen
Holding sind.
taz: Wer sind die Investoren von Wire?
Schilz: Unsere Hauptinvestoren sind Janus Friis, Däne und Mitgründer von
Skype, die Schwarz-Gruppe und zwei deutsche Fonds. Mehr als 90 Prozent
unserer Anteilseigner sind aus Europa – die wenigen von außerhalb haben
keinen Einfluss auf unsere Entscheidungen.
taz: Ist das Unternehmen profitabel?
Schilz: Noch nicht. Aber wir rechnen damit, dass sich das noch dieses Jahr
ändern wird.
taz: Die Gretchenfrage bei Messengerdiensten ist auch, ob sie Server von
US-amerikanischen Konzernen nutzen. Wie sieht es da aus?
Schilz: Unsere Kunden aus Unternehmen und der öffentlichen Hand nutzen in
der Regel ohnehin eigene Server. Aber bei unserer App für
Privatanwender:innen setzen wir neben europäischen Anbietern auch auf
Server von Amazon.
taz: Das ist in Sachen digitale Souveränität ein Risiko.
Schilz: Wir sind daher dabei, von Amazon zu einem europäischen Anbieter zu
wechseln. Das lässt sich nicht über Nacht machen, weil wir Ausfallzeiten
vermeiden wollen. Aber wir arbeiten seit dem vergangenen Jahr daran, und
der Umzug sollte in den kommenden Monaten abgeschlossen ein.
taz: Wenn Unternehmen in Deutschland auf Amazon und andere große
US-amerikanische Anbieter für ihre Clouds setzen, argumentieren sie oft
damit, dass diese einfach mehr Leistung und Funktionen böten als
europäische Anbieter.
Schilz: Ja, in der Regel bieten die Cloudprovider hier ein bisschen weniger
Funktionen als ihre US-Pendants. Aber das Problem ist ein anderes: Die
US-Konzerne sind sehr gut darin Lock-in-Effekte zu generieren. Sie bauen
ihre Produkte so, dass sie es den Nutzenden, egal ob privat oder
Unternehmen, schwer machen zu wechseln. Aber davon abhalten lassen darf man
sich trotzdem nicht.
17 May 2026
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