# taz.de -- Männlichkeitsbilder in Schulen: Mein Sohn wird ein Mann – und ich bin besorgt
       
       > Toxische Vorbilder lauern überall, auf dem Schulhof wie im Netz. Als
       > nichtweißer Jugendlicher hat der Sohn unserer Autorin noch ganz andere
       > Probleme.
       
 (IMG) Bild: Viele Schulen haben ein Problem mit Gewalt. Die Täter sind fast ausschließlich: Jungs
       
       Als ich vor gut 15 Jahren schwanger war und erfuhr, dass ich einen Sohn
       bekommen werde, habe ich mich gefreut. Insgeheim hatte ich mir das erhofft.
       Ich war einfach neugierig, ein männliches Aufwachsen von Anfang an
       mitzuerleben. Ich erinnere mich daran, wie süß ihn alle fanden, als er
       klein war. „Ach wie toll, diese schönen Locken!“ – „Guck mal, so große
       dunkle Augen!“
       
       Ich ziehe meinen Sohn weitestgehend allein groß. Als Feministin, die selbst
       von männlicher Gewalt betroffen gewesen ist, habe ich das auch als
       Challenge betrachtet: Mir würde es doch wohl gelingen, einen tollen Mann
       aus meinem Kind zu machen. Einen, der Frauen und Mädchen mit Anstand und
       Respekt behandelt. Einen, der reflektiert ist und als Ally für weibliche
       Belange eintritt. Dachte ich.
       
       Anfang 2023 sitze ich beim Elternabend einer Berliner Grundschule und bin
       irritiert. Eben wurde ein Workshop vorgestellt, der bald starten soll –
       speziell für Jungs. „Und was ist mit den Mädchen?“, ruft eine Mutter
       empört. „Ja, genau. Kriegen die auch einen tollen Workshop?“, fragt eine
       andere. „Für Mädchen gibt es doch schon so viele Angebote. Für Jungs kaum“,
       sage ich. Ich weiß das, weil ich erfolglos danach gesucht habe. Googelt man
       unseren Stadtteil und „Angebote für Mädchen“ erscheinen zahlreiche
       Treffpunkte, Gruppen und Workshops. Von Hausaufgabenhilfe und Yoga bis hin
       zu Empowerment-Training, Medienworkshops und Selbstverteidigung. Stellt man
       dieselbe Suchanfrage für Jungs, erscheinen in erster Linie allgemeine,
       geschlechtsunabhängige Freizeitangebote, allen voran Fußball.
       
       In dem Workshop soll es um den Umgang mit schwierigen Alltagssituationen
       gehen. [1][Situationen, in denen Gewalt schnell eine Rolle spielen kann.]
       Die Schule meines Sohnes hat schon seit Jahren ein Problem mit Gewalt.
       Viele Eltern beschweren sich immer wieder darüber und fordern Lösungen. Ich
       auch. Und ich bin mehr als froh, dass mit diesem neuen Trainingsangebot
       endlich eine angemessene Lösung in Sicht zu sein scheint.
       
       „Von dem Anti-Aggressionsworkshop werden die Mädchen am Ende doch ebenfalls
       profitieren“, sage ich beim Elternabend. Ich bemühe mich um einen
       sachlichen Ton: „Gewalt geht in den allermeisten Fällen von den Jungs aus.
       Und sie sind es auch, die ganz unmittelbar darunter leiden.“ Dem
       körperlichen Aspekt der Gewalt durch männliche Mitschüler sind Mädchen
       meines Wissens nach kaum direkt ausgesetzt – zumindest an dieser Schule.
       Aber natürlich leiden auch sie unter der gewaltvollen Grundatmosphäre und
       der gewaltvollen Sprache, die hier üblich ist. [2][Dass die Jungs für sie
       später mal eine eindeutige Gefahr darstellen werden], wenn sie nicht
       frühzeitig wieder verlernen, dass Gewalt die Lösung ist, zeigt die
       Kriminalstatistik.
       
       Mein Sohn nimmt schließlich an dem Workshop teil. Wie Yasin, Adem, Ibrahim
       und Mamadou erhält er eine Empfehlung der Klassenleitung. Einige von ihnen
       kenne ich, alle haben sie sogenannten Migrationshintergrund. Mein Sohn ist
       Kind von zwei nichtweißen Elternteilen. Von einem der Jungs hätte er
       beinahe mal Prügel kassiert, erzählt er mir. Andere, darunter mein Sohn,
       hatten sich laut Lehrkräften bisher von aktiver körperlicher
       Auseinandersetzung versucht fernzuhalten. Ob Emil auch mit dabei ist, frage
       ich ihn nach dem ersten Treffen. Emil hatte ich schon mehrfach als
       körperlich übergriffig erlebt. Nein, er sei nicht in der Gruppe, sagt mein
       Sohn. Emils Eltern sind beide weiß und deutsch.
       
       ## Er soll Fehler machen dürfen, wie weiße Jugendliche auch
       
       In dem Umfeld, in dem mein Sohn groß wird, setzen viele Jungen auf
       Einschüchterung und körperliche Dominanz, um sich Respekt zu verschaffen.
       Mein Sohn muss sich behaupten, wird dabei jedoch schneller als aggressiv
       bewertet als weiße Kinder. Nachdem ihn der andere Junge bedroht hatte,
       versuchte ich ihm Tipps zu geben: „Sprich mit einer Lehrkraft darüber“,
       schlug ich vor. Mein Sohn war genervt. „Du denkst auch, dass die was machen
       können, oder?“ Selbstverständlich, dachte ich. Doch er erklärte mir, dass
       kaum Zeit sei, auf einzelne Kinder und deren Konflikte näher einzugehen.
       Meist würden nur die Eltern informiert, was für den Jungen mutmaßlich
       Stress zu Hause bedeuten würde. Stress, den er dann wieder mit in die
       Schule brächte und an ihm auslassen würde. „Dann sag ihm deutlich, dass er
       dich in Ruhe lassen soll“, versuchte ich es weiter. Mein Sohn winkte nur
       müde ab. „Oder lauf' weg, wenn er versucht dich anzugreifen?“ Mir gingen
       die Ideen aus. Ich war überfordert mit der Situation.
       
       Sein Vater hatte da ganz andere Tipps. „Du musst ihm einmal richtig eine
       verpassen, dann weiß er, dass du kein Opfer bist und dir nichts gefallen
       lässt.“ Als ich davon erfuhr, war ich desillusioniert. Weil ich verstand,
       dass mir im Gegensatz zum Vater die praktische Erfahrung mit solchen
       Situationen komplett fehlte. Und Auswege aus der Gewaltspirale nicht so
       einfach zu sein schienen.
       
       „Es ist nicht so deep, Mama“, sagt mein Kind mit seiner tiefen Stimme.
       Inzwischen ist er ein Teenie und wird nicht mehr als süß wahrgenommen.
       Doch, es ist sehr wohl so deep, finde ich. Ich denke an Mouhamed Dramé,
       Lorenz A. oder auch William Tonou-Mbobda. [3][Alles junge schwarze Männer,
       manche noch fast Kinder, die in Kontakt mit deutschen Institutionen ihr
       Leben verloren haben.] „Ja, hätten sie besser reagiert, dann wäre das
       vielleicht nicht passiert“, sagen einige. Vielleicht. Aber Wut, psychische
       Ausnahmesituationen oder das Mitführen von Abwehrmitteln sollten kein
       Todesurteil darstellen. Mein Sohn soll Fehler machen dürfen – ohne dass
       sein Leben dadurch in Gefahr gerät. So wie weiße Jugendliche auch.
       
       Natürlich habe ich oft mit ihm darüber gesprochen, wie er sich im Kontakt
       mit der Polizei verhalten muss, um sicher zu sein. Dass er ruhig bleiben
       soll. Die Nerven behalten. Selbst dann, wenn er respektlos behandelt wird.
       Viel zu früh hat er gelernt, sich in der Öffentlichkeit zu kontrollieren.
       Er hat lautstarke Auseinandersetzungen seiner Eltern miterlebt – und
       versucht, sie durch eigenes angepasstes Verhalten auszugleichen. Gut getan
       hat ihm all das nicht.
       
       Eine Zeit lang äußerte sich das in heftigen Wutausbrüchen. Zu Hause, hinter
       verschlossenen Türen. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich einordnen
       konnte, dass hinter dem tosenden Zorn eine tiefe Traurigkeit steckte. Auch
       da spürte ich wieder eine Hilflosigkeit. Wie würde ich ihm beibringen
       können, dass es in Ordnung ist traurig zu sein und zu weinen – auch als
       Junge?
       
       Das Internet und die Algorithmen, in die mein Sohn schneller reingeraten
       war, als ich eingreifen konnte, sagen da etwas anderes. [4][Die sogenannte
       Manosphere vermittelt penetrant fragwürdige Männlichkeitsbilder.] Außerdem
       werden den Jugendlichen permanent riskante Trendswie Rooftopping oder
       ICE-Surfen in die Feeds gespült. Vor allem Jungen probieren sich da gern
       aus – mit entsprechend hohem Verletzungsrisiko.
       
       Wie sehr sich durch die Erfahrungen mit meinem Kind mein Blick auf Jungs
       und Männer verändert hat, überrascht mich selbst. Ich habe lernen müssen,
       dass beste Absichten allein nichts ausrichten können. Lebensumstände,
       Umfeld, Einflüsse aus Gesellschaft und Medien – all das hat einen starken
       Einfluss auf die gesamte Entwicklung.
       
       Trotz all der Gefahren und Herausforderungen, die sein Aufwachsen mit sich
       bringt, trotz meiner Ängste und Unsicherheiten in Erziehungsfragen: Ich bin
       froh, meinen Sohn zu haben. Mein wichtigstes Ziel – neben seiner Sicherheit
       und Unversehrtheit – ist, dass er niemals eine Gefahr für Frauen wird.
       Manchmal stelle ich das infrage. Dann ist er ernsthaft verletzt und kann
       kaum glauben, dass ich so etwas denke. Und wenn er mir dann nachdrücklich
       versichert, dass er Frauen schützen und gut behandeln wird, habe ich die
       leise Hoffnung, dass mein Sohn einmal ein guter Mann sein wird.
       
       Möglicherweise ist das naiv. Aber ich glaube an ihn. Und daran, dass mein
       Anteil nicht darin liegt, alles richtig zu machen, sondern ihn ernst zu
       nehmen und zu versuchen, ihn wirklich zu verstehen. Auch dort, wo er für
       sich erst herausfinden muss, was für ein Mann er sein will.
       
       Anm. der Redaktion: der Text wurde unter Pseudonym verfasst.
       
       10 May 2026
       
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