# taz.de -- Wissenschaftlerin über KI-Propaganda: „Abschiebungen, aber im lieblichen Stil von Studio Ghibli“
       
       > Die US-Regierung postet KI-generierte Gewaltvideos und richtet sich damit
       > an junge Männer, sagt Katharina Nocun. Doch auch Linke setzen vermehrt
       > auf KI.
       
 (IMG) Bild: Die Publizistin und Autorin Katharina Nocun
       
       taz: Frau Nocun, das Weiße Haus veranstaltet seit dem Krieg gegen Iran in
       sozialen Medien eine digitale Militärparade. Ein Video zeigt einen
       Bombenangriff auf ein Gebäude. Dazwischen taucht Sponge Bob auf und ruft:
       „Mach noch mal!“ Wen soll das ansprechen? 
       
       Katharina Nocun: Diese Maschinenshow richtet sich in der Ästhetisierung von
       Krieg besonders an junge Männer. Manche Posts nutzen auch die
       Computerspiel-Ästhetik von Ballerspielen. Hier sind Leute um die 40 die
       Zielgruppe, die mit solchen Spielen aufgewachsen sind. Komplexe Fragen über
       den Krieg, etwa wie sich die Bomben auf die Zivilbevölkerung auswirken,
       werden dabei komplett ausgeblendet.
       
       taz: Das Weiße Haus hat auch schon davor mit Elementen der Popkultur auf
       Social Media gearbeitet. Was erreichen sie damit? 
       
       Nocun: Verniedlichung und Comic-Elemente sind – neben rechten Memes – immer
       wieder bei unterschiedlichen rassistischen, autoritären Akteuren zu sehen.
       Im Dezember habe ich beim Chaos Communication Congress einen Vortrag
       gehalten, in dem es auch um einen Post vom Weißen Haus ging. Der Beitrag
       war ein Bild, das eine Abschiebung zeigt, aber es war im lieblichen Stil
       von Studio Ghibli gehalten.
       
       taz: Ein Anime-Studio, das mit seinen Filmen an feministische,
       gemeinschaftliche, demokratische Werte appelliert. 
       
       Nocun: Abschiebungen in diesem Stil darzustellen, bricht mit der
       Erwartungshaltung des Publikums, das eigentlich gelernt hat, dass
       rechtsextreme Inhalte in einer ganz anderen, brutalen Bildsprache
       daherkommen.
       
       taz: Viele von uns User*innen haben inzwischen Probleme, Fakten und
       KI-Fake zu unterscheiden. Ab August müssen KI-Inhalte in der EU
       gekennzeichnet werden. Wird uns das helfen? 
       
       Nocun: Das grundlegende Basic, Wasserzeichen zu erkennen, ist bei vielen
       Menschen nicht angekommen. Außerdem lässt es sich leicht entfernen. Im
       politischen Vorfeld der extremen Rechten in Deutschland sehen wir außerdem,
       dass teilweise Fake-Straßenumfragen geteilt werden. Gerade vor den Wahlen
       in Baden-Württemberg und in Rheinland-Pfalz kursierte so etwas wieder. Die
       Forderung, Menschen aus Deutschland zu vertreiben, kann viel harmloser
       verpackt werden, wenn man sie eine 18-jährige, blonde Frau in einfacher
       Sprache vortragen lässt. Wenn aber dieses Gespräch einfach nicht
       stattgefunden hat, wenn diese Frau nicht einmal existiert, dann ist das
       schon sehr problematisch. Vor allem, weil der vermeintliche Schutz von
       Frauen ein gängiges Argumentationsnarrativ der extremen Rechten ist, um
       Abschiebungen zu pushen.
       
       taz: Gleichzeitig passt so ein Format auch gut zur Merz-Aussage über das
       Stadtbild und der Idee, „die Töchter“ zu fragen. 
       
       Nocun: Das Framing, dass man an seine Töchter denken soll, ist ohnehin
       problematisch. KI-Fakes heben diese Problematik aber auf die nächste Stufe,
       weil sozusagen Fake-Schwestern generiert und als Sprechpuppe genutzt
       werden.
       
       taz: Spricht das vor allem junge User*innen an? 
       
       Nocun: Nicht nur. Unter den Posts sieht man oft auch ältere Männer mit
       teilweise extrem fragwürdigen, sexualisierten Kommentaren. Sie halten die
       Accounts anscheinend für echt. Desinformation ist [1][ein
       generationenübergreifendes Problem].
       
       taz: Welche Rolle spielt dabei die Sexualisierung der KI-Charaktere? 
       
       Nocun: In den letzten Monaten hat es einige Recherchen zu KI-Fake-Accounts
       und ihren finanziellen Interessen gegeben. Etwa zu einem Instagram-Account
       mit mehr als einer Million Follower, der eine KI-generierte Frau zeigt:
       jung, blond, dem klassischen Schönheitsideal entsprechend. Sie soll
       Soldatin sein. Der Account macht Anspielungen auf aktuelle Konflikte, zeigt
       sie mit Trump oder wie sie mit anderen Soldatinnen in der Basis auf einem
       Bett rumliegt. Zwischendrin wird dann aber ein Only-Fans-Account für
       Fußfetisch promotet. Das ist eine sehr fragwürdige zielgruppengerechte
       Ansprache.
       
       taz: Gibt es noch andere Mechanismen außer Sexualisierung und eine
       vermeintliche Schutzbedürftigkeit, die genutzt werden? 
       
       Nocun: Es gibt noch mehr. Die Desinformationssexpertin Karolin Schwarz hat
       sich systematisch [2][Videos von KI-generierten Rabbinern] angeschaut. Die
       Accounts sehen sehr stereotyp aus, von Frisur bis zu Kleidung, und bedienen
       auf der Tonspur sehr stark antisemitische Stereotype, wie das Vorurteil,
       dass alle Juden reich wären oder Verbindungen zu elitären Zirkeln hätten.
       Sie geben grenzwertige Finanztipps oder preisen kostenpflichtige E-Books
       an, die angeblich zu Reichtum und Glück verhelfen.
       
       Manche dieser Accounts springen von Masche zu Masche. Wenig später arbeitet
       sich der gleiche Account dann am Epstein-Skandal ab. Ein Account wechselt
       vom Fake-Rabbiner plötzlich zur traurigen Fake-Single-Mutter, die um
       Unterstützung bittet. Es eignet sich jedes Ereignis, das vom Algorithmus
       gepusht wird, weil dieser Skandalisieren belohnt. Die Stereotype, die
       Themen, sind total austauschbar. Hauptsache man kann damit eben eine
       Audience generieren und im Anschluss monetarisieren.
       
       taz: Nicht nur Rechte arbeiten auf Social Media mit KI. Es gibt auch
       feministische und antirassistische Straßenumfragen von KI-Personas. Können
       solche Gegenmaßnahmen etwas bewirken? 
       
       Nocun: Extrem [3][überzogene Satire] wird häufiger erkannt und kann dadurch
       für eine Masche sensibilisieren. Aber wenn wir nicht erkennen, dass ein
       Inhalt mit KI erstellt wurde, ist das generell problematisch. Menschen sind
       zunehmend – auch nachvollziehbar – skeptisch gegenüber allem Möglichen, was
       sie auf Social Media sehen. Vor ein paar Monaten habe ich ein Video auf
       Instagram gesehen über eine Messe anlässlich des Geburtstages eines
       Erzbischofs, samt Priester am Mischpult und Stimmung wie auf einem
       Techno-Rave.
       
       Mein erster Gedanke: Das ist KI-generiert. Aber das ist wirklich passiert.
       Hier ist das Problem also nicht, dass ich etwas Falsches für wahr halte.
       Das Problem ist, dass ich etwas Wahres anzweifle. Wie viele Menschen werden
       zukünftig Bilder von tatsächlichen Demonstrationen sehen, beispielsweise
       gegen die AfD, und dann bezweifeln, dass so viele Menschen auf der Straße
       waren? Dass Leute mittlerweile teilweise das Gefühl haben, dass sie nichts
       mehr glauben können, ist das stärkste Gift für die Demokratie.
       
       taz: Die Bundesregierung hält sich bisher größtenteils fern von
       populistischen KI-Fakes. Sind sie darüber froh? 
       
       Nocun: Ja. Aber auch viele demokratische Parteien setzen KI mittlerweile
       unterschiedlich stark in der Bildsprache auf Social Media ein. Aus meiner
       Sicht reicht es nicht, wenn die Anständigen sich verbünden und keinen
       schmutzigen KI-Wahlkampf betreiben. Es braucht eine verbindliche
       Regulierung, damit faire Spielregeln für alle gelten. Generell sind die
       Anforderungen an die Plattformen viel zu niedrig. Ob der Digital Services
       Act durchgesetzt wird, hängt auch ganz erheblich davon ab, ob es Strafen
       gibt und wie hoch diese sind. Teile des Silicon Valley sind dagegen,
       bezeichnen das Vorgehen der EU als Zensur und haben Trump als ihren
       Fürsprecher an der Seite. Aber das Kennzeichnen oder Entfernen von
       toxischen KI-Fakes, von Desinformation, das ist keine Zensur, sondern ein
       Kampf gegen Täuschung.
       
       30 Apr 2026
       
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