# taz.de -- KI-Videos auf Social Media: Fake it till you make it
       
       > In sozialen Medien werden KI-Videos mittlerweile auch von progressiver
       > Seite eingesetzt. Bilder haben ohnehin längst ihren Beweischarakter
       > verloren.
       
 (IMG) Bild: Mit Humor gegen US-Präsident Trump: Protestdemonstration in Washington D.C., am 28.8.2025
       
       Eindrücke aus meinen Feeds in den letzten Wochen: Abschreckende Videos von
       Razzien der US-Einwanderungsbehörde ICE. Aufnahmen von Demonstrierenden in
       aufblasbaren Froschkostümen, die vor der ICE-Zentrale in Portland tanzen –
       ein Versuch, Trumps Kriegsrhetorik durch Humor zu entwaffnen.
       
       Ausschnitte aus [1][„Jimmy Kimmel Live“], in denen der Gouverneur von
       Illinois, J. B. Pritzker, ironisch durch das von Trump so charakterisierte
       „Kriegsgebiet“ Chicago führt. Der Rapper Adamn Killa, wie er den
       Tiktok-Trend „Arrest me, Daddy“ adaptiert, um gegen ICE- und Polizeigewalt
       zu protestieren. Die Verhaftung der Journalistin Debbie Brockman, brutal zu
       Boden gedrückt.
       
       Seit Trump Ende September und Anfang Oktober den Einsatz der Nationalgarde
       in Portland und Chicago angeordnet hat, kursieren unzählige solcher Bilder
       und Filmausschnitte, von offiziellen Propaganda-Clips der Homeland
       Security, geschnitten wie Trailer von Actionfilmen und unterlegt mit
       „Deportation will Continue“, bis hin zu Influencer-Videos, die vor Ort
       beweisen wollen, dass Portland „in Wirklichkeit“ kein „Höllenloch“ ist.
       
       Digitales Strategiespiel 
       
       Zwischen Inszenierung und Gegeninszenierung verschwimmen die Grenzen
       zunehmend. Fakten erscheinen nicht mehr als gegeben, sondern als etwas, das
       in Echtzeit produziert, bestritten und neu gerahmt wird. In diesem
       digitalen Strategiespiel, in dem um jede Deutung gerungen wird, stellt sich
       auf progressiver Seite immer dringlicher die Frage, welche Strategie
       überhaupt noch trägt – und welche nicht.
       
       Die einen versuchen, mit Kostümen und Komik Trumps martialisches Bild der
       Protestierenden zu entkräften, andere setzen auf KI-generierte Videos von
       Verhaftungen und Übergriffen, die nie stattgefunden haben, um durch
       Empörung und Wut gegen den ICE Aufmerksamkeit zu erzeugen.
       
       Eine durchaus zweischneidige Strategie, die man zu kritisieren geneigt ist.
       Wer Fake-Videos produziert – selbst wenn sie als solche gekennzeichnet sind
       –, spielt Trump doch direkt in die Hände. Denn wird durch solche AI-Videos
       nicht [2][die Glaubwürdigkeit aller Bilder] zerstört? Wenn niemand mehr
       weiß, welches Video echt ist und welches generiert, kann jede Regierung
       jede unbequeme Aufnahme einfach als Fälschung abtun.
       
       Postfaktische Medienlandschaft 
       
       Doch ist diese Kritik nicht zu kurz gedacht? Sind derartige KI-Videos nicht
       die einzig logische Antwort auf eine Medienlandschaft, die längst
       postfaktisch ist? Die bittere Wahrheit lautet: Die visuelle Glaubwürdigkeit
       ist bereits zerstört – und das nicht erst durch KI.
       
       Während echte Aufnahmen jederzeit gelöscht werden können, weil sie gegen
       intransparente Richtlinien verstoßen, bleiben KI-Videos auf den großen
       Plattformen meist online, zeigen sie doch keine „echte“ Gewalt, verletzen
       somit keine Regeln und sind zudem beliebig neu generierbar (wohingegen
       reale Dokumentationen von emotionalen Aufnahmen per se rarer sind). Die
       Content-Moderation folgt keiner moralischen, sondern einer ökonomischen
       Logik: [3][Das Falsche ist schlicht plattformkompatibler] als das Wahre.
       
       Naive Forderung nach Echtheit 
       
       In einer solchen Medienlandschaft sind KI-Videos keine Sabotage der
       Wahrheit, sondern ihre konsequente Fortsetzung. Wenn Wahrheit nur durch
       Simulation sichtbar bleibt, dann wird das Selbstoptimierungs-Mantra „Fake
       it till you make it“ zur politischen Strategie. Und wenn die Gegenseite
       längst gekonnt mit Propaganda arbeitet, erscheint die Forderung nach
       dokumentarischer Echtheit nicht moralisch überlegen – sondern naiv.
       
       KI-Videos zeigen zwar nicht, was ist, aber sie zeigen, was sein könnte –
       oder wie sich etwas anfühlt. „Dieses Video ist KI. Es zeigt, was wir in der
       echten Welt durchmachen“, steht etwa unter einer Verhaftungsszene. Sie sind
       emotionale Stellvertreter einer Realität, die man nicht zeigen kann oder
       darf.
       
       Am Ende bleibt wohl nur eine unbequeme Einsicht: Vielleicht ist die
       Forderung nach dokumentarischer Wahrheit nur noch ein nostalgisches Echo
       aus einer Zeit, in der Bilder noch Beweise waren. Heute müssen wir uns von
       diesem Beweischarakter endgültig verabschieden.
       
       14 Oct 2025
       
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