# taz.de -- HBO-Serie „Half Man“: Düsteres Bild von moderner Männlichkeit
       
       > Die neue Serie von Richard Gadd lässt sich nicht auf einen moralischen
       > Nenner bringen. Erzählt wird von zwei männlichen Schicksalen – ohne
       > Katharsis.
       
 (IMG) Bild: Jamie Bell und Richard Gadd in der Serie: „Half Man 2026“
       
       Vor zwei Jahren wurde [1][„Rentierbaby“] zum weltweiten
       Überraschungserfolg, ein Sechsteiler, in dem der Autor, Komiker und
       Schauspieler Richard Gadd persönliche Erfahrungen mit einer Stalkerin und
       andere Details seiner Biografie verarbeitete.
       
       Mehr als nur nebenbei ging es dabei allerdings auch um den Umgang mit
       traumatischen Erfahrungen und deren Spätfolgen sowie das Ausloten der
       eigenen, männlichen Identität. Und genau diese Themen stehen nun auch im
       Zentrum von Gadds neuer Serie „Half Man“, gerade angelaufen bei HBO Max.
       
       Gleich in der ersten Szene stehen sich zwei höchst unterschiedliche Männer
       gegenüber: Niall (Jamie Bell) ist adrett in typisch [2][schottische]
       Hochzeitstracht gewandt, ihm gegenüber hat Ruben (Gadd selbst) sich
       obenherum seiner Kleidung entledigt, die Hände wie ein Boxer bandagiert.
       
       Zwischen angespannt und konfrontativ, intim und erotisch aufgeladen
       schwankt die Atmosphäre in diesem Moment, doch daran, dass diese Begegnung
       kein harmonisches Ende nimmt, besteht kein Zweifel.
       
       ## Beschützer gegen Bullys
       
       Immer wieder springt „Half Man“ hin und her zwischen der Gegenwart, in der
       Niall seinem Partner Alby das Ja-Wort gibt, und der Vergangenheit, in der
       er und Ruben in ihrer Jugend etliche Jahre wie Brüder aufwuchsen, weil ihre
       Mütter ein Paar waren.
       
       Als in den frühen 80er Jahren der 17-jährige Ruben (Stuart Campbell) aus
       der Jugendstrafanstalt entlassen wird, muss er sich mit dem zwei Jahre
       jüngeren Niall (Mitchell Robertson) das Zimmer teilen. Der sensible
       Teenager, der zu jenem Zeitpunkt noch weit davon entfernt ist, sich mit
       seiner Homosexualität auseinanderzusetzen, wagt kaum, mit dem
       unberechenbaren Draufgänger zu interagieren.
       
       Als sich allerdings Ruben in der Schule zu Nialls Beschützer gegen Bullys
       aufschwingt, entsteht zwischen den beiden doch noch eine Nähe, die immer
       wieder auch Grenzen überschreitet. Etwa, wenn der Ältere bei der
       unfreiwilligen Entjungferung seines Quasi-Bruders durch die eigene Freundin
       behilflich ist.
       
       Er habe mit dieser Geschichte, sagte Gadd gegenüber der taz im Interview,
       nicht die ganz großen gesellschaftspolitischen Fragen beantworten, sondern
       sie auf individuelle Figuren und Erfahrungen herunterbrechen wollen.
       
       ## Im Schatten abwesender Vaterfiguren
       
       Doch es ist ein düsteres Bild, dass er dabei von moderner Männlichkeit
       zeichnet. Niall und Ruben klammern sich aneinander im Schatten abwesender
       [3][Vaterfiguren] und vereint im Unvermögen, die eigenen Ängste und Gefühle
       zu artikulieren. Jeder Befreiungsakt ist mangels gründlicher
       Traumaaufarbeitung immer nur von vorübergehender Dauer, und die Brutalität
       in ihrer co-abhängigen Beziehung über die Jahre mindestens so sehr
       psychischer wie körperlicher Natur.
       
       Weil beide Männer, geprägt mehr noch durch die vermeintliche
       Aussichtslosigkeit ihrer sozialen Herkunft als durch das gesellschaftliche
       Klima ihrer Zeit, auf ihre jeweils ganz eigene Weise zutiefst toxisch und
       selbstzerstörerisch sind, und „Half Man“ über weite Strecken den in
       „Rentierbaby“ immer präsenten Humor vermissen lässt, ist die Serie mitunter
       schwer zu ertragen.
       
       Im konsequenten Zulassen und Ausloten von moralischen und emotionalen
       Grauzonen ist Gadd allerdings meisterlich, und auch schauspielerisch wird
       hier Großes geboten. Nur auf eine Katharsis dürfen Zuschauende angesichts
       von so viel Schmerz und Verzweiflung nicht hoffen. Und auf Frauenfiguren,
       die mehr sind als zweidimensionale Stichwortgeberinnen, leider auch nicht.
       
       28 Apr 2026
       
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