# taz.de -- Künstler Robert Rauschenberg in New York: In ihren Straßen dehnte er den Kunstbegriff ins Unendliche
       
       > Wie New York den 100. Geburtstag des Künstlers Robert Rauschenberg
       > feiert, zeugt auch von Nostalgie für die Stadt, bevor sie zum Museum
       > ihrer selbst wurde.
       
 (IMG) Bild: Bilder, zusammengeklaubt aus Gefundenem: Robert Rauschenbergs „Yellow Body“, 1969 (u.a. Gouache u. Aquarellfarbe, 57.2 ×76.2 cm)
       
       Das exakte Datum von Robert Rauschenbergs 100. Geburtstag liegt nun schon
       einige Monate zurück, doch die Party in New York ist lange nicht zu Ende.
       Kürzlich verneigte sich in Brooklyn die Trisha Brown Dance Company mit zwei
       Aufführungen von „Dancing with Bob“ vor dem großen Meister – einer
       Kollaboration von Rauschenberg, der Bühne und Kostüme gestaltete, John
       Cage, Merce Cunningham und Trisha Brown aus dem Jahr 1977.
       
       Die Inszenierung, die im März auch nach Hamburg kam, ist nicht nur eine
       Hommage an Rauschenberg. Sie ist auch eine Hommage an die große Zeit der
       New Yorker Avantgarde, in [1][der Köpfe wie Cunningham, Cage, Rauschenberg
       und Brown] zusammenkamen, um frisch und frei zu denken und zu gestalten.
       Rauschenberg änderte das Bühnenbild manchmal täglich und brachte dazu auf
       der Straße vorgefundene Dinge mit. Für eine Aufführung seines Freundes
       Cunningham kreierte er seine erste „Combine“, jene aus beliebigen
       Materialien zusammengesetzten Installationen, für die er weltberühmt wurde.
       Cunningham versuchte derweil Musik und Tanz voneinander zu lösen, während
       Cage, wie Rauschenberg mit dem Unrat der Stadt, mit vorgefundenen Tönen
       arbeitete.
       
       Es ist beinahe so, als würde New York das Rauschenberg-Jubiläum dazu
       nutzen, einer Nostalgie nach jener Zeit zu frönen. Jene Zeit, in der Cage,
       Cunningham, Rauschenberg, Jasper Johns, Ellsworth Kelly und Agnes Martin in
       leerstehende Lagerhallen des alten Hafens gezogen waren, um praktisch
       umsonst zu leben und zu arbeiten. Der alte New Yorker Hafen war im
       Zeitalter der Containerschiffe stillgelegt und noch nicht, wie so vieles in
       New York, in ein Museum seiner selbst verwandelt worden.
       
       Es war genau dieser Übergang New Yorks von einer Industrie- und Handwerks-
       in eine Finanz- und Dienstleistungsstadt, welcher die unbändige
       Innovationskraft von Rauschenberg und seinen Zeitgenossen ermöglicht hat.
       Das Alte war nicht mehr und das Neue war noch nicht und Rauschenberg,
       Johns, Cage, Martin und andere nutzten diesen undefinierten Raum, der sich
       über beinahe drei Jahrzehnte hinzog, um sich zu entfalten.
       
       ## Streifzüge durchs unaufgeräumte New York
       
       Rauschenberg gilt als der innovativste Künstler dieser Generation. Sein
       Freund und Liebhaber Jasper Johns sagte einmal, er sei der erfinderischste
       Künstler des 20. Jahrhunderts nach Picasso gewesen. Der Kritiker Jerry
       Saltz nennt ihn einen „dionysischen Rebellen des Experiments.“ Rauschenberg
       befreite sich selbst und die Kunst von jedem vertrauten Vokabular und
       erweiterte den Kunstbegriff ins Unendliche.
       
       Wie zentral dabei die Stadt New York war, zeigt die Ausstellung
       „Rauschenberg’s New York“ am Museum of the City of New York. Die
       Ausstellung konzentriert sich auf Rauschenbergs Fotografie, die er selbst
       eigentlich nur am Rand betrieb. [2][Fotografie war für Rauschenberg so
       etwas wie Materialsammeln], ähnlich und manchmal auch in Verbindung mit
       seinen Streifzügen durch das damals noch sehr unaufgeräumte New York, von
       denen er Unrat und scheinbar triviale Gegenstände mitbrachte, die er in
       seine Werke integrierte.
       
       Auch die Fotografie wurde Teil seiner Werke, insbesondere der Siebdrucke
       und Collagen – als gleichberechtigte Elemente, neben Presse- und
       Werbefotos, Farbelementen und Zeichnungen. Und so haben seine Fotos von New
       York immer auch den Charakter des Zufälligen, des überraschenden Fundes.
       Ein Mann sitzt rauchend auf einer Feuerleiter, das Logo einer Tankstelle
       schiebt sich vor die Glasfassade eines Wolkenkratzers. Ein Obdachloser
       liegt vor dem Eingang einer Bank auf der Straße.
       
       Die Bilder sind nicht komponiert, Rauschenberg hat nicht darüber
       nachgedacht, was er damit sagen oder zeigen möchte. Sie sind impulsiv, es
       sind Momente, Kontraste, die ihm ins Auge gesprungen sind, flüchtige
       Konstellationen, die für einen Augenblick seine Aufmerksamkeit gefesselt
       haben. Die unaufgeräumte, chaotische und gefährliche Stadt war damals voll
       von solchen Überraschungen, ein endloser Fundus für Rauschenberg. Und so
       unterstreicht die Ausstellung, dass es Rauschenberg, wie wir ihn kennen,
       [3][anderswo als in New York nie gegeben hätte].
       
       Das spiegelt auch die Jubiläumsausstellung am Guggenheim Museum, nur ein
       paar Häuserblocks vom Museum of the City of New York entfernt am Central
       Park West gelegen. Die kleine Schau aus der Guggenheim-Sammlung ist um ein
       monumentales Werk herum organisiert: die beinahe zehn Meter lange Collage
       „Barge“ aus dem Jahr 1963. Sie besteht aus den eigenen und vorgefundenen
       Fotografien, Reproduktionen berühmter Werke wie Diego Velázquez’ „Rokeby
       Venus“ und Rubens „Venus bei ihrer Toilette“, Schablonentexten,
       Zeichnungen. Es ist unmöglich, das Werk als Ganzes zu betrachten, man muss
       sich laufend, wandelnd in ihm verlieren. So wie einst in der chaotischen
       Stadt, die heute so aufgeräumt ist, dass sie Rauschenberg wohl kaum mehr
       inspirieren würde.
       
       28 Apr 2026
       
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