# taz.de -- Geschichte der Ketzer: Die Brüder von Jesus Christus
       
       > Der Siegeszug des Christentums als Weltreligion war in seinen Anfängen
       > geprägt von Unterdrückung und Ausgrenzung seiner Konkurrenten.
       
 (IMG) Bild: Andersgläubige landeten während der Spanischen Inquisition auf dem Scheiterhaufen
       
       Um die Dogmen der katholischen Kirche wurde jahrhundertelang gestritten,
       Zweifler wurden verfolgt und getötet. Ein patriarchaler Machtapparat von
       Bischöfen mit einem [1][Papst] an der Spitze trat den Siegeszug durch die
       Geschichte und über die Menschen an. „Das Christentum blickt auf eine
       einzigartige Erfolgsgeschichte zurück, aber als Religion war es ganz und
       gar nicht einzigartig“, behauptet die britische Historikerin Catherine
       Nixey. Wer sich immer schon gefragt hat, wie Geschichten von
       Jungferngeburt, wunderbarer Brotvermehrung, der Erweckung von den Toten
       oder der Auferstehung zur Grundlage einer Weltreligion werden konnten,
       bekommt in ihrem Buch „Ketzer“ nicht eine Antwort geboten, sondern ein
       Panoptikum verschiedener Spielarten des frühchristlichen Glaubens.
       
       Die britische Historikerin durchstreift die wundersame Welt der Schriften
       und Sekten des Frühchristentums anhand weniger noch vorhandener Quellen,
       auch anhand der Auseinandersetzungen antiker Kritiker mit dem Christentum.
       „Kaum jemand hätte in den ersten Jahrhunderten des Christentums verlässlich
       vorhersagen können, welche seiner vielen Erzählungen sich gegen andere
       durchsetzen würden. Aber schließlich sorgten die Zeit und der Zufall dafür,
       dass einige das Rennen machten. Diese Geschichten kennen wir noch heute.
       Ich möchte die anderen erzählen“, schreibt die Autorin.
       
       Sie führt in [2][das antike Rom], seine stinkenden Gassen, seine
       Klassengesellschaft. Sie zeigt die Ängste der Menschen vor Krankheit, ihr
       Ausgeliefertsein der Dunkelheit, auch auf den unbeleuchteten Straßen Roms
       in der Nacht. Kein Wunder gab es damals viele Magier, Heiler, Erlöser,
       sowie zahlreiche selbst erklärte Söhne von Göttern, die Lahme kurierten und
       Kranke heilten. Die Menschen glaubten und folgten ihnen gern. Führen doch
       Angst, Unsicherheit, Krankheiten und Verlorenheit schnell dazu, derartigen
       Heilsversprechen zu folgen.
       
       ## Unterschiedliche Vorstellungen von Jesus
       
       Im Gegensatz zu den heutigen Lehren der Kirche herrschte in den ersten
       Jahrhunderten des Christentums kein Konsens darüber, [3][wer Jesus war].
       Unterschiedliche Gruppen folgten unterschiedlichen Vorstellungen von ihm.
       Und überall, wo sich das Christentum ausbreitete, vermischte es sich mit
       dort bereits vorhandenen Glaubensrichtungen. „Von Anfang an hatte das
       Christentum geleugnet, dass es der griechisch-römischen Welt, aus der es
       hervorgegangen war, irgendetwas zu verdanken hätte“, schreibt Nixey. Und es
       leugnete auch die Vermischung mit Elementen aus anderen Kulturen.
       
       Der Grund, warum wir von diesen Varianten der frühen christlichen
       Geschichte bislang nichts gehört haben, so legt Catherine Nixey in ihrem
       Buch nahe, ist, dass alle anderen Spielarten des Christentums unterdrückt
       wurden. Die frühen Kirchenväter beanspruchten den einen wahren Glauben, sie
       setzten Himmel und Erde in Bewegung, um sicherzustellen, dass jede andere
       Version im Keim erstickt wurde. Immer wenn sie auf etwas stießen – einen
       Text, eine Praxis, einen Glauben –, das sie nicht genehmigt hatten,
       bezeichneten sie es als „Häresie“ und gingen hart dagegen vor. Häresie,
       diese Schutzbehauptung des katholischen Absolutismus, beherrschte über
       Jahrhunderte die Kirchengeschichte, sie führte zur Verfolgung
       Andersgläubiger, zur Exkommunikation von Martin Luther, zum Hausarrest von
       Galileo, zur Inquisition.
       
       Zu Beginn ihres Buches erzählt Nixey, dass sie sich – das Kind einer
       ehemaligen Nonne und eines ehemaligen Mönchs – bis in ihre späten 2020er
       Jahre als gläubige, römisch-katholische Christin verstand. „Auch wenn ich
       dem Katholizismus schließlich abschwor, hatte er sich auf mich gelegt, wie
       aufgewirbelter Staub, der in die kleinsten Ritzen dringt“, schreibt sie.
       „Noch lange, nachdem ich aufgehört hatte, an Gott zu glauben, stieß ich in
       meinem Kopf immer wieder auf die Überbleibsel dieses [4][Katholizismus].“
       Denn Geschichten, Legenden, die uns immer wieder eingetrichtert werden,
       verinnerlichen wir und sie scheinen irgendwann unumstößlich wahr zu sein.
       
       24 May 2026
       
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