# taz.de -- Buch über das antike Pompeji: Die Hoffnung der Sklaven und Frauen
> Gabriel Zuchtriegel erforscht seit Jahren die antike Römerstadt Pompeji.
> In seinem neuen Buch betrachtet der Archäologe den Aufstieg des
> Christentums.
(IMG) Bild: Öffnet ein Fenster in vergangene Alltags- und Glaubenswelten: Wandmalereien in der Mysterienvilla
Archäologie erlaubt uns, aus der Distanz der Vergangenheit einen Blick auf
uns selbst zu werfen, schreibt Gabriel Zuchtriegel in seinem im Oktober
erschienenen Buch „Pompejis letzter Sommer“. Zuchtriegel, Jahrgang 1981,
ist deutscher Archäologe und leitet seit 2021 den Archäologischen Park von
Pompeji nahe Neapel.
Eine der weltberühmten Ausgrabungsstätten, wo bis heute geforscht wird.
Zuchtriegels neues Buch berichtet von den jüngsten Ausgrabungen, die neue
Rätsel aufgeben, alte Rätsel lösen und tief eintauchen lassen in das
Alltagsleben und in die Denkwelten der Menschen damals.
In den vergangenen zwei Jahren gab es spektakuläre Entdeckungen – wie die
einer alten Bäckerei, die Einblicke in das Leben der Sklav*innen gewährt,
oder aber die Villa des Thiasos mit übergroßen Fresken, die einen
Initiationsritus schildern. Gerade auch im Vergleich mit bereits
freigelegten Teilen der Stadt lassen sich hier Rückschlüsse auf das
gewandelte Verhältnis zur Natur, zur Gesellschaft, zur Religion ziehen.
„Als die Götter die Welt verließen“ lautet der Untertitel des Buchs, das
eine Gesellschaft im Umbruch beschreibt, als im Jahr 79 nach Christus der
Ausbruch des Vesuvs das Städtchen Pompeji begrub.
Das antike Pompeji blieb bis zum Jahr 1748 unentdeckt, verschüttet, ruhte
so unter einer Schutzhülle wie in einer Konservendose. Erst seine
Freilegung – zwei Drittel der antiken Stadt sind ausgegraben – ließ den
Zahn der Zeit durch Wind und Wetter, Sonne und Regen spürbar werden.
## Knochenreste und verstümmelte Fresken
Der technologische Fortschritt macht vieles möglich, was früheren
Generationen von Archäologen nicht möglich war: Knochenreste bestimmen,
zerstörte Räume und verstümmelte Fresken dreidimensional zu projizieren,
wie Gemälde, die nicht fertig wurden und nun von Meisterschüler*innen
zu Ende gebracht werden. Da sind Mutmaßungen am Werk, Interpretationen
erforderlich, die Sachkenntnis erfordern. Gabriel Zuchtriegel schildert das
Leben zur Zeit des Vulkanausbruchs lebendig, ohne dass es Fachwissen
voraussetzt. Interesse schon.
„Pompejis letzter Sommer“ ist mit kurzem Abstand sein zweites Buch. Es ist
nicht so geradlinig wie „Vom Zauber des Untergangs“, das 2023 erschien.
Darin schilderte der gebürtige Württemberger seinen eigenen Werdegang, die
Hinwendung zur Archäologie, die seinen Wissenschaftszweig nicht als
vertrocknetes Mauerblümchen der Humanwissenschaften darstellte, sondern mit
neuen Konzepten. Ein Funke, der übersprang. Solche Funken schlägt das neue
Buch auch, aber anders.
Das liegt vielleicht daran, dass der Autor mehrere Ebenen zusammenzubringen
versucht: den Stand der Grabungen mit seinen politischen Implikationen, die
Analyse der neuen Funde, die lange und manchmal etwas langatmige
Bildbeschreibungen beinhalten, die Rückschlüsse auf eine Gesellschaft, der
ihre alten Ideen und Rituale teilweise verloren gegangen waren. Es ist
beeindruckend, wie kundig der Autor durch die göttlichen Mythologien
Griechenlands, des römischen und ägyptischen Reichs flaniert. Die römische
Gesellschaft war, schreibt Zuchtriegel, in Bezug auf die Götter anderer
Kulturen, sehr liberal, man ließ sie gelten oder benannte sie schlicht um.
Eine kluge Strategie der religiösen Toleranz wie kulturellen Aneignung.
Was uns heute sehr weit weg erscheint, das Leben um das Jahr Null unserer
Zeitrechnung, als Griechenland besiegt war und das römische Reich drei
Kontinente erfasste, hatte auch damals bereits eine Vorgeschichte. Das ist
so banal wie spannend zugleich. Kampanien, das Land um Neapel und Pompeji,
war ein Sammelpunkt der römischen, italischen und griechischen Völker, die
ihre Sprachen, Bräuche und Glaubensvorstellungen verschmelzen ließen. Die
religionsgeschichtlichen Überlegungen, die Zuchtriegel anstellt, sind mit
das Spannendste an seinem neuen Buch.
„Die antiken Religionen waren keine Frage des Glaubens“, schreibt er,
sondern eine Angelegenheit der Gemeinschaft, in die man hineingeboren war.
Kollektive Rituale waren „Übungen des Vertrauens“, des Mitmachens. Neben
Menschen und Tieren bewohnten göttliche Wesen die Welt, die Natur. Mit
ihnen musste man zurechtkommen. Zuchtriegel beschreibt diese vorchristliche
Weltsicht wie eine Wohngemeinschaft, in der die Götter verschiedene Zimmer
bewohnten. Man respektierte die Regeln des Zusammenlebens.
Zum Zeitpunkt des Vulkanausbruchs hatte sich das Verhältnis zur Religion
bereits geändert. Man begann, den Göttern Tempel zu bauen, sie wurden aus
der Natur in Häuser verbannt; zugleich lebten Mysterienkulte wie der
griechische Dionysos- oder der ägyptische Isis-Kult verstärkt auf. Die
Menschen waren empfänglich für eine neue Spiritualität, die mit ihren
Befreiungsbotschaften auf das Innere des Menschen zielte. Besonders
empfänglich dafür waren Frauen, sagt Zuchtriegel, und Sklav*innen. Letztere
galten nicht als Menschen, sondern als „sprechende Werkzeuge“. Ihre harten
Lebensbedingungen und ihre soziale Situation sensibilisierte sie laut
Zuchtriegel für die Lehre der frühen Christen.
Ob die Deutungen des Autors ausreichen, um den sich ankündigenden Aufstieg
des Christentums, das im alten Pompeji bereits Fuß gefasst hatte, zu
erklären, sei dahingestellt. Jedenfalls sind seine kenntnisreichen
Deutungen spannend und auch für Laien gut zu lesen.
21 Mar 2026
## AUTOREN
(DIR) Sabine Seifert
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