# taz.de -- Tagebuch aus Berlin: Dem 8. Mai soll kein weiteres Datum folgen
> Die von den UN ausgerufenen Tage der Versöhnung und des Gedenkens werden
> in Russland anders verstanden: als Auftrag zu einem wiederholbaren
> Triumph.
(IMG) Bild: Ein Siegesgefühl wird geprobt: Vorbereitungen für die Parade am 9. Mai 2026 in Moskau
Genau so ist es. Für die meisten Menschen in Europa ist der [1][8. Mai] der
Tag des Gedenkens, für Russ:innen ist es der [2][9. Mai] – und zwar als
Tag des Sieges, den sie „wiederholen“ können. Sie haben aus diesem Tag
einen Kult der Macht und der Aggression gemacht, einen Kult des kollektiven
Siegesgedächtnisses. Dabei haben sie Millionen von Opfern, sowohl aus der
Zivilbevölkerung als auch aus den Reihen der Armee, aus diesem Gedächtnis
gelöscht.
Aus der Geschichte des 8. und des 9. Mai wurden aber auch Millionen
Angehörige anderer Nationalitäten gestrichen: Belaruss:innen,
Ukrainer:innen, Georgier:innen, Armenier:innen, Tschetschen:innen,
Kasach:innen und viele andere. Die UdSSR war ein riesiges
multinationales Land und am stärksten betroffen waren die Sowjetrepubliken,
die besetzt waren und auf deren Territorium die Hauptschlachten an der
Ostfront stattfanden: das heutige [3][Belarus] und die [4][Ukraine].
Die Diskussion über den 9. Mai ist längst nicht mehr nur historischer Natur
– sie ist politisch geworden. Im heutigen russischen Diskurs ist dieses
Datum zu einem Symbol für ein ausschließliches „Recht auf den Sieg“
geworden, wobei die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg als nationales
Monopol dargestellt wird. Ein solcher propagandistischer Rahmen lässt
keinen Raum für den Gedanken, dass dies nicht nur und nicht in erster Linie
ein Tag des Triumphs ist. Dabei ist es der Erinnerungstag an eine ungeheure
menschliche Tragödie. Es ist ein Tag, der für mich und meine Landsleute in
Belarus auch ein Tag der Erinnerung und der Trauer ist – und auch der
Versöhnung.
Wenn der 9. Mai ausschließlich als Feiertag des Sieges wahrgenommen wird,
geht die wichtigste Lehre des Krieges verloren – nämlich seine
Unzulässigkeit. Die festliche Rhetorik überschattet die Tragödie, die
Heroisierung verdrängt das Mitgefühl.
Im heutigen [5][Russland] ist der Feiertag am 9. Mai ein Instrument der
staatlichen Ideologie. Durch groß angelegte Paraden, Symbolik und Rhetorik
wird der Eindruck vermittelt, dass gerade Russland der einzige Hüter der
„richtigen“ Erinnerung an den Krieg ist. Dabei wird der Beitrag anderer
Völker – der Menschen aus Belarus, der Ukraine, Polen, der [6][baltischen
Länder] und vieler anderer, deren Verluste kolossal waren – ignoriert und
die Erinnerung selbst wird selektiv: Der Schwerpunkt liegt auf dem Sieg und
nicht auf dem Preis, der für ihn gezahlt wurde.
## Tragödie als Begründung neuer Kriege
Die historische Tragödie wurde zu einer Quelle politischer Legitimation, ja
sogar zur Rechtfertigung für das heutige Vorgehen Russlands, vor allem in
der Ukraine.
Der 9. Mai hat sich vor allem in der sowjetischen Tradition als Tag des
Sieges etabliert. In Europa wird der 8. Mai begangen, der Tag des
Kriegsendes auf dem Kontinent. Im Laufe der Zeit wurde der Unterschied
nicht nur kalendarischer, sondern auch inhaltlicher Natur.
Die von den Vereinten Nationen ins Leben gerufenen Tage des Gedenkens und
der Versöhnung, 8./9. Mai, bieten eine andere Perspektive: nicht auf den
Triumph, sondern auf das Gedenken an die Opfer und auf die Notwendigkeit,
neue Kriege zu verhindern. Dieser Ansatz rückt den Menschen in den
Mittelpunkt – und nicht den Staat. Er erkennt das Leid aller Seiten an und
schafft Raum für Dialog statt für Konflikt.
Das Wichtigste an der Geschichte des 8./9. Mai ist die Versöhnung. Das ist
meiner Meinung nach besonders wichtig für Deutschland. Nach dem Krieg hat
Europa einen schwierigen Weg zurückgelegt -von der Feindschaft zur
Zusammenarbeit – und damit einen dauerhaften Frieden geschaffen, der für
den postsowjetischen Raum bislang unerreichbar ist.
## Versöhnung und Gedenken
Der 8. Mai ist ein Tag des Gedenkens. Es wird derjenigen gedacht, die
starben, derjenigen, die überlebten, und auch daran, zu welchem Preis der
Frieden errungen wurde. Es ist kein „eigener“ Tag einer Nation. Es ist ein
gemeinsamer Tag für viele Völker. Und je weniger Politik und symbolische
Aneignung darin eine Rolle spielen, desto mehr Raum bleibt für das
Wesentliche: das menschliche Gedenken.
Es ist ein Tag, an dem man nicht über das Recht auf den Sieg streiten,
sondern an den Preis des Krieges denken sollte.Vielleicht wird gerade durch
diese Erinnerung eine echte Versöhnung möglich. Für die Deutschen ist es
wichtig, sich an den 8. Mai zu erinnern, nicht weil man sie an ihre
„Schuld“ erinnert, sondern weil dieses Datum das heutige Deutschland und
seine Werte geprägt hat. Dieser Tag erinnert daran, welch langen Weg
Deutschland zurückgelegt hat – nicht nur bei der Versöhnung mit anderen
Völkern, sondern auch innerhalb der eigenen Gesellschaft.
[7][Ksenia Lutskina] ist eine belarussische [8][Journalistin] in Berlin.
Sie war Teilnehmerin des Exil-Projekts der taz panterstiftung.
Aua dem Russischen von [9][Tigran Petrosyan].
Im neuen Podcast „Freie Rede“ der taz panterstiftung begrüßt Gastgeber
Tigran Petrosyan die belarussische Historikerin und Journalistin
[10][Kseniya Lutskina]. Nach den Protesten von 2020 wurde sie in Belarus zu
vier Jahren Haft verurteilt. Heute lebt sie in Berlin und engagiert sich in
verschiedenen [11][Osteuropa-Projekten der taz panterstiftung].
Durch Spenden an die [12][taz panterstiftung] werden unabhängige und
kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts
„Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.
8 May 2026
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