# taz.de -- Abstiegskampf in der Fußball-Bundesliga: Der Nachbar als Retter
> Der Hamburger SV schwächelt zu Saisonende, auch weil er zu abhängig von
> einem 19-Jährigen ist. Absteigen wird er wohl nicht – St. Pauli sei Dank.
(IMG) Bild: In der Zuschauerrolle: Luka Vušković beim Spiel gegen Hoffenheim
Lächelnd und im blitzsauberen Hoodie kam Luka Vušković in die Mixed Zone
des Volksparkstadions. Er hatte mit der Niederlage gegen die TSG Hoffenheim
ja auch nichts zu tun, hatte wegen einer Knieprellung zuschauen müssen. Und
er war auch nicht gekommen, um Interviews zu geben, wie seine
Mannschaftskollegen. Der 1,93-Hüne des HSV ging schnurstracks auf den
Hoffenheimer André Kramarić zu, mit dem er in der kroatischen Nationalelf
spielt. Man plauschte ein wenig und dann kam Kramarić zur Sache: Trikots
mit Vušković’ Namen drauf wollte er haben, zwei, und um ganz sicher zu
gehen, zeigte er noch mal mit Zeige- und Mittelfinger in Richtung des
HSV-Zeugwarts.
Vušković ist ein Star mit seinen gerade mal 19 Jahren. Seine Trikots sind
begehrt, in Kroatien, in Deutschland und bald vermutlich in der ganzen
Welt. [1][Kramarić, der schon bei der Europameisterschaft spielte], als
Vušković noch in die Grundschule ging, weiß, dass die Gelegenheit zum
Trikottausch nicht so bald wiederkommt. Vielleicht gar nicht mehr. Kramarić
ist immerhin schon 34.
Und der HSV hat diesen Luka Vušković schließlich nur ausgeliehen, aus der
englischen Premier League, von Tottenham Hotspur. Für ihn war das eine
Herzenssache, als er kurz nach Saisonbeginn zum HSV wechselte, eine
Familienangelegenheit. Zu jenem Klub, bei dem sein großer Bruder Mario
unter Vertrag gestanden hatte, bis er wegen eines Dopingvergehens, das er
bis heute bestreitet, [2][für vier Jahre gesperrt wurde]. Luka ist
praktisch für seinen Bruder eingesprungen. Dessen Sperre läuft im November
ab.
Luka hat oft gesagt, dass er am liebsten auch noch mal mit seinem Bruder
zusammen beim HSV spielen würde, und viele HSV-Fans träumen davon. Aber es
wird ein Traum bleiben. Denn dafür ist Luka Vušković viel zu gut. Tottenham
würde einer weiteren Leihe sicher nicht zustimmen. Sollten die Londoner am
Saisonende aus der Premier League absteigen, wird er auch für sie zu gut
sein und – wahrscheinlich für zig Millionen Euro – zu einem Klub aus dem
europäischen Fußball-Geldadel wechseln.
## In Nullkommanichts zum Abwehrchef
Beim HSV hatte der damals 18-Jährige im vergangenen Sommer genau ein Spiel
zur Akklimatisierung gebraucht – eine 0:5-Abreibung beim FC Bayern. Danach
stieg er zum unumstrittenen Abwehrchef auf. In Nullkommanichts hat er sich
zu einem der besten Innenverteidiger der Bundesliga entwickelt, mit großer
Übersicht, abgeklärtem Stellungsspiel und starker Spieleröffnung.
„Nebenbei“ hat er schon fünf Tore erzielt. Keinem Innenverteidiger in der
Bundesliga gelangen mehr. Vušković ist damit in doppelter Hinsicht ein
Garant für den Klassenerhalt des Bundesliga-Aufsteigers HSV.
Das heißt aber auch: Der HSV ist extrem abhängig von dem jungen Kroaten.
Kein einziges Spiel haben die Hamburger ohne ihn gewonnen. Es ist keine
besonders steile These, dass die Stellungsfehler, die den Hoffenheimern die
beiden Treffer zum 2:1-Sieg in Hamburger ermöglichten, mit Vušković als
Abwehr-Dirigent so eher nicht passiert wären. Und es ist nicht absehbar, ob
er im Saisonfinale wieder eingreifen kann – auch weil sein Stammverein
Tottenham dabei mitzureden hat.
Ohne Vušković taumelt der HSV dem Ende der Spielzeit entgegen, auch, weil
er [3][eher ausnahmsweise ein Spiel zu elft beendet]. Aus den letzten fünf
Spielen gab es nur einen Punkt. Dass das kein übertriebenes Nervenflattern
auslöst, verdanken sie auch dem Lokalrivalen FC St. Pauli. Denn auch der
Nachbar verliert Spiel um Spiel, am Sonnabend sogar beim Tabellenletzten
Heidenheim, und hängt auf dem Relegationsplatz fest. [4][Die Wolfsburger
dahinter machen es nicht viel besser]. So deutet einiges darauf hin, dass
sogar die mageren 31 Punkte, die der HSV bisher geholt hat, genügen
könnten, um dem Abstieg zu entgehen. Das wäre in früheren Jahren meist
anders gewesen.
Dass der HSV überhaupt noch mal in den Abstiegsstrudel geraten würde, war
lange nicht abzusehen. Als Wochen nach dem Liga-Start endlich die
Runderneuerung des Aufstiegskaders abgeschlossen war, fand das Team sich
gut in die Liga hinein. Im heimischen Volkspark waren die Hamburger schwer
zu schlagen, hielten sogar gegen Spitzenteams wie Bayern und Dortmund mit.
Auch wegen Vušković, der etwa gegen die Bayern den Ausgleich köpfte. Der
HSV muss zur neuen Saison die gewaltige Lücke schließen, die er in der
Verteidigung hinterlässt.
Sein Bruder Mario darf ja erst im November wieder spielen. Auf welchem
Niveau nach vier Jahren ohne Spielpraxis, ist eine Frage, über die sich
beim HSV mancher den Kopf zermartern wird.
26 Apr 2026
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(DIR) Jan Kahlcke
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