# taz.de -- St. Pauli empfängt den HSV am Millerntor: Immer Ärger mit dem Personal
       
       > Hier Verletzungen, da Belästigungsvorwürfe: Vor dem Hamburger Derby in
       > der Männerfußball-Bundesliga plagen beide Vereine jeweils ganz eigene
       > Probleme.
       
 (IMG) Bild: Wenn vorm Millerntor HSV-Sticker auftauchen, weiß man: Es ist Derby in Hamburg
       
       Am Freitag ist wieder Derby in Hamburg. Da gehört es dazu, dass in der
       Stadt fast alle eine Meinung haben, ob sie sich sonst groß für Fußball
       interessieren oder nicht. Da wird spekuliert, gehofft, gebangt – und sei es
       nur, ob das Ganze zumindest friedlich über die Bühne geht.
       
       Und natürlich wird immer wieder die Geschichte bemüht, die fernere, mit
       Namen von Legenden, die bis auf Uwe Seeler eher Fußballhistorikern geläufig
       sind. Und die nähere. Die spricht für den FC St. Pauli: Seit 2019 ging er
       sechs Mal siegreich vom Platz, der HSV nur drei Mal.
       
       Und im vergangenen August, beim ersten Erstligaduell seit dem HSV-Abstieg
       2018, hatten die Männer vom Stadtteilklub den großen Nachbarn in dessen
       Volksparkstadion [1][regelrecht gedemütigt]. Dass am Ende nur 0:2 auf der
       Anzeigetafel stand, war lediglich St. Paulis schwacher Chancenverwertung
       geschuldet. Gegen den chancenlosen Aufsteiger HSV wirkte der ein Jahr
       vorher aufgestiegene FC St. Pauli wie ein etabliertes Bundesligateam. Nicht
       wenige wähnten damals die Kräfteverhältnisse in der Stadt endgültig
       gekippt, der HSV wurde als heißer Kandidat für den direkten Wiederabstieg
       gehandelt.
       
       Was viele übersehen hatten: St. Pauli war als eingespieltes Team
       angetreten, das nur punktuell verändert worden war und seit Wochen zusammen
       trainierte. Der HSV dagegen steckte noch mitten in einem Totalumbruch,
       taktisch wie personell. Der ballbesitzorientierte Offensivfußball aus
       Zweitligazeiten sollte gegen spielstärkere Erstligateams einem defensiveren
       Ansatz weichen. Das nötige Personal dafür war zum Teil noch gar nicht
       verpflichtet. Sambi Lokonga oder Fábio Vieira etwa kamen erst nach dem
       Derby vom FC Arsenal. Der aus Tottenham geliehene Luka Vušković, inzwischen
       einer der besten Innenverteidiger der Liga, war gerade erst da und noch
       nicht einsatzbereit. Alle drei sind mittlerweile zu Schlüsselspielern
       geworden.
       
       ## Vertauschte Rollen gegenüber dem Hinspiel
       
       Fünf Monate später bietet sich denn auch ein gänzlich anderes Bild als in
       der Frühphase der Saison: Bei St. Pauli riss die Erfolgsserie nur zwei
       Spiele später, es folgte der Bundesligarekord von zehn Niederlagen in
       Folge; am vorigen Spieltag sogar der Sturz ans Tabellenende.
       
       Auch die Perspektiven sind nicht gerade rosig: Die zwischenzeitliche
       Stabilisierung mit immerhin drei Spielen ohne Niederlage fiel nicht nur
       zeitlich zusammen mit der Rückkehr von einem, der schon abgeschrieben
       schien: Kapitän Jackson Irvine hatte wegen einer Stressreaktion im Fuß
       monatelang nicht spielen können und machte stattdessen Schlagzeilen mit
       Solidaritätsbekundungen für Palästina. Aus dem Verein [2][kamen heftige
       Anwürfe].
       
       Im Mittelfeldzentrum schien danach plötzlich kein Platz mehr für den
       Australier zu sein, sogar Wechselgerüchte machten die Runde. Doch
       ausgerechnet als Trainer Alexander Blessin für seinen Kapitän das System
       umbaute, lief es wieder besser – auch wegen der Energie, die er auf den
       Platz bringt und damit seine Mitspieler mitreißt. Nun ist die alte
       Verletzung wieder aufgebrochen und Irvine fällt erneut lange aus. Seitdem
       hat St. Pauli keinen Punkt mehr geholt. Gegen einen potenziellen
       Abstiegskonkurrenten wie den HSV wäre das aber praktisch Pflicht.
       
       St. Pauli sucht derzeit Ersatz für Irvine, muss sich aber nach der
       ebenfalls langwierigen Verletzung von Stürmer Andréas Hountondji auch in
       der Offensive verstärken. Beides zusammen könnte den Verein finanziell
       überfordern.
       
       ## Kuntz-Affäre erschüttert den HSV
       
       Der HSV dagegen hat sich wirtschaftlich wie sportlich stabilisiert und ist
       vor allem im heimischen Volkspark eine Macht. Der junge Trainer Merlin
       Polzin hat ein erstaunlich kompaktes Team geformt, das auf Tabellenplatz 14
       rangiert. Grund genug, um selbstbewusst am Millerntor aufzutreten –
       eigentlich. Würde den Verein nicht die Affäre um den jüngst ausgeschiedenen
       Sportvorstand Stefan Kuntz erschüttern, der lange als einer der Väter des
       Erfolgs galt.
       
       Der HSV und Kuntz hatten sich kurz vor dem Jahreswechsel getrennt,
       angeblich einvernehmlich und aus „persönlich-familiären“ Gründen.
       Inzwischen hat die Bild aber herausbekommen, was wirklich dahinter steckt:
       Gegen Kuntz stehen [3][schwere Vorwürfe im Raum]. Er soll sich gegenüber
       Mitarbeiter:innen sexuell übergriffig verhalten haben. Kuntz
       bestreitet das, was den HSV zu einer ungewohnt deutlichen Stellungnahme
       bewogen hat. Danach hat der Verein sich von Fachanwälten beraten lassen und
       geht davon aus, dass die Schilderungen der betroffenen Mitarbeiterinnen
       glaubwürdig sind.
       
       Die Fans sehen das offenbar ähnlich. Beim letzten Heimspiel gegen Borussia
       Mönchengladbach zeigten sie blockbreite Banner mit dem Text „Ob Block oder
       Vorstandsflur: Kein Platz für Übergriffe in unserem Verein – Solidarität
       mit allen betroffenen HSV-Mitarbeiterinnen!“. Eine deutliche Positionierung
       mit einer politischen Wendung über den Einzelfall hinaus, wie man sie von
       den Ultras des FC St. Pauli kennt, die aber beim HSV nicht
       selbstverständlich ist. Auch in dieser Hinsicht hat der HSV offenbar mit
       dem Stadtrivalen gleichgezogen.
       
       22 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jan Kahlcke
       
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