# taz.de -- Zivile Nutzung: Den Anker eingeholt
       
       > Seit 1998 leben Menschen auf Hausbooten im Plüschowhafen in Kiel. Mit der
       > Idylle könnte bald Schluss sein: Die Bundeswehr will das Gelände zurück.
       
 (IMG) Bild: Blick auf die Steganlage: vorne die „Mildred“, ein historischer Gaffelschoner, eines der ältesten Boote der „Flotte“
       
       Zwischen den rissigen Planken des Stegs hat ein Schwanenpaar ein Nest aus
       Ästen und Treibholz gebaut. Auf dem Gelege – acht Eier sind in diesem Jahr
       darin, hat Martin Liebster gezählt – sitzt die Schwänin und pickt mit
       anmutig gebogenem Hals Ungeziefer aus ihrem Gefieder. Eine schwarze Katze
       schlendert am Nest vorbei, die beiden Tiere ignorieren sich mit lang
       geübter Präzision. Martin Liebster hockt auf seinem Boot, blinzelt in die
       Sonne und zieht an einer Selbstgedrehten. „Ich bin ja kein
       Schwanenflüsterer, aber das ist schon goldig“, sagt er mit Blick auf das
       Idyll.
       
       Sein größtes Glück ist, dass er als Rentner nach einem „ziemlich bunten
       Leben“, wie er es nennt, an diesem Ort sein darf – am Rand von
       Schleswig-Holsteins Landeshauptstadt Kiel, im Plüschowhafen in der Kieler
       Bucht, wo seine alte Segeljacht ihren dauerhaften Ankerplatz gefunden hat.
       Liebster lebt in diesem Hafen, rund ums Jahr, zusammen mit zwei Dutzend
       weiteren Menschen.
       
       Die Frage ist: Wie lange noch? [1][Denn die Bundeswehr hat das angrenzende
       Gelände zurückgekauft und beansprucht auch den Plüschowhafen].
       
       „Wir wissen nicht, ob die Uhr schon tickt“, sagt Vera Fichtner. Sie sitzt
       an einem Holztisch, der ins Ruderhaus der „Vrij“ eingebaut ist, eines alten
       Lastkahns aus Holland. Fichtner lebt mit ihrem Mann Wolf Schiebel und dem
       gemeinsamen Sohn Jorik auf der „Vrij“, die mit 17,5 Metern zu den größten
       Booten der Hafengemeinschaft zählt. Seit 1998 liegt die „Schwentineflotte“
       an zwei Stegen am Plüschowhafen. Vorher ankerten die Boote am Kieler
       Fischmarkt. Dort fließt der Fluss Schwentine in die Ostsee, was der
       Initiative den Namen gab.
       
       ## Mit viel Aufwand umgebaut
       
       Die ersten Mitglieder seien in den 1980er Jahren aus der Hausbesetzerszene
       gekommen, berichtet Fichtner, die Vorsitzende des Vereins Schwentineflotte
       ist. „Leben und arbeiten auf dem Wasser“, lautet das Motto der Gruppe –
       viele der Boote sind historische Segler, die mit viel Aufwand umgebaut und
       erhalten werden.
       
       Dauerhaft auf dem Wasser zu leben, war damals äußerst ungewöhnlich:
       Eigentlich darf in Deutschland erst seit 2015 eine feste Wohnadresse auf
       einem Schiff angemeldet werden. Bis heute gibt es bundesweit nur wenige
       ständig bewohnte Bootssiedlungen. Dass die Schwentineflotte bereits seit
       mehreren Jahrzehnten existiert, hat sie Heide Simonis zu verdanken. Die
       2023 verstorbene SPD-Politikerin war von 1993 bis 2005 Ministerpräsidentin
       von Schleswig-Holstein, als bundesweit erste Frau in diesem Amt. Als die
       Schwentineflotte den Fischmarkt verlassen musste, weil dort das
       Forschungszentrum Geomar ausgebaut wurde und den Platz am Kai für seine
       Schiffe beanspruchte, setzte Simonis sich für den Erhalt der Initiative
       ein. Sie nannte die Bootsgemeinschaft sogar ein „Kulturgut“. Mit der
       Ministerpräsidentin als Fürsprecherin „konnte Kiel uns nicht fallen
       lassen“, erzählt Fichtner aus der Vereinsgeschichte.
       
       Sie selbst hat diese Zeiten nicht miterlebt. Die Lehrerin und ihr Mann, der
       als Veranstaltungstechniker arbeitet, sind erst seit wenigen Jahren in
       Kiel. Sie stammen aus Köln – „echte Landratten“, sagt Fichtner. „Und
       Spinner.“ Die Idee, auf einem Boot zu leben, entwickelte sich, nachdem die
       beiden älteren Kinder des Paars ausgezogen waren. Vor einigen Jahren wurde
       bei der heute 51-Jährigen ein Tumor diagnostiziert. Während der
       Behandlungs- und Rekonvaleszenzzeit „hockte ich vor dem Internet und guckte
       Boote“.
       
       Die Familie fand die „Vrij“, ein historisches Plattbodenschiff, und suchte
       dann einen Liegeplatz. Gar nicht so einfach, denn die meisten Häfen
       erlauben nur Schiffe bis 15 Meter. „Irgendwann sind wir in Kiel gelandet
       und hatten Glück, dass hier ein passender Platz frei wurde“, sagt Fichtner.
       Unter Deck liegt ein Wohn-Ess-Bereich, dahinter ein schmales Doppelbett.
       Der 12-jährige Jorik hat sein Kinderzimmer in einer Kammer von rund drei
       Quadratmetern. Das Leben auf dem Schiff sei schon cool, aber inzwischen
       normal für ihn, meint er abgeklärt.
       
       1998 halfen das Land Schleswig-Holstein und die Stadt Kiel finanziell beim
       Ausbau der Hafenanlagen am neuen Standort. Heute ist der Verein Pächter der
       Stege und der Gebäude am Kai, in denen eine Küche, ein Gemeinschaftsraum
       sowie Toiletten und Duschen untergebracht sind – nur auf wenigen Booten
       gibt es eigene Bäder. Die einzelnen Bootsbesitzer:innen mieten den
       Platz am Steg, die meisten sind viele Jahre dabei.
       
       „Wir sind eine Gemeinschaft“, sagt Philipp Conrades. Der 42-jährige
       Sozialpädagoge ist mit seiner Lebensgefährtin gerade vom 124 Jahre alten
       Segler „Henriette“ auf die kleinere „Ada“ umgezogen, die für längere Törns
       geeignet ist. Den Heimathafen und den Zusammenhalt der Bootsgemeinschaft
       will er nicht missen. Bei Sturm würden alle anpacken, um die Boote zu
       sichern, und als er im vergangenen Jahr einen Unfall hatte, hätten täglich
       Nachbar:innen nach ihm gesehen, erzählt er.
       
       Diesen Rückhalt erlebt auch Martin Liebster. Der ehemalige
       Maschinenschlosser und spätere Erzieher träumte schon als Kind von der
       Seefahrt. Heute lebt der 69-Jährige auf dem kleinen Segler „Esprit“ auf
       wenig Platz, aber dafür mit Blick aufs Wasser und dem Geräusch der Wellen
       unter den Planken. Das eintauschen gegen eine Wohnung an Land? Liebster
       schüttelt den Kopf. „Erstens weiß ich gar nicht, ob ich eine finden würde.
       Und zweitens: Hier kenne ich alles, ich kann den Jüngeren Tipps geben und
       für den Verein nützlich sein.“ Wenn das vorbei wäre, „da würden wir Rentner
       ganz schön lange Gesichter machen“.
       
       Ist es vorbei? Noch hat Kiel den Vertrag nicht gekündigt, und bis vor
       Kurzem glaubten die Mitglieder der Schwentineflotte, dass die Verhandlungen
       zwischen Stadt und Marine über den Rückkauf von Flächen sie gar nicht
       betreffen würden. Schließlich liegt der Plüschowhafen eigentlich jenseits
       des Geländes, über das die Bundeswehr mit der Stadt verhandelte. Von diesem
       Gelände müssen zahlreiche Personen weichen, wenn die Bundeswehr
       zurückkehrt: eine Skater:inneninitiative, ein Jugendtreff, Geflüchtete, die
       in ehemaligen Kasernen leben, und [2][die Bauwagengruppe Schlagloch], deren
       Mitglieder seit 2024 auf dem Gelände wohnen. [3][Sie kämpfen bereits seit
       Monaten um einen neuen Stellplatz für sich und Lösungen für alle anderen].
       Ihr Vertrag ist bereits gekündigt, zurzeit gilt, dass sie bis August
       bleiben dürfen.
       
       ## Gespräche mit der Politik
       
       „Wir wissen nicht, wie es weitergeht“, sagt Fabian von der Bauwagengruppe.
       Es gebe Gespräche mit Politik und Stadtverwaltung, es würden auch
       Vorschläge für neue Stellplätze gemacht, die leider bisher nicht passten:
       Mal sei es ein Hanggrundstück gewesen, mal viel zu klein. „Uns wurde aber
       signalisiert, dass man unsere Ideen wohlwollend prüft“, sagt Fabian.
       
       Dass sich politisch noch etwas bewegt und die Ratsversammlung gegen den
       Rückkauf an die Bundeswehr entscheidet, hält er für wenig wahrscheinlich.
       Tatsächlich finden sich nur bei Die Linke und Die Partei kritische Stimmen.
       Die anderen Fraktionen bedauern zwar den Verlust des Grundstücks, lehnen
       aber die Rückkehr der Marine nicht ab.
       
       Die Marine hat in Kiel eine lange Tradition. Die Stadt hatte im 19.
       Jahrhundert mit der Industrialisierung an Bedeutung gewonnen. Kiel bekam
       einen Eisenbahnanschluss, wurde 1865 preußische Flottenstation und später
       Sitz des Marineoberkommandos Ostsee des Deutschen Reichs. Rund um die Förde
       siedelten sich Werften an.
       
       1918 begann in Kiel der Matrosenaufstand, der Auftakt zu Revolten in ganz
       Deutschland, die das Ende des Kaiserreichs einläuteten. In der NS-Zeit
       brauchte es wieder Schiffe für die Flotte – das brachte der Stadt erst
       einen wirtschaftlichen Aufschwung und später die Zerstörung, da die
       kriegswichtigen Werften und die umliegenden Wohnviertel der
       Arbeiter:innen bevorzugte Ziele der alliierten Luftangriffe waren.
       
       Der heutige Plüschowhafen, früher Stegelhörner Hafen, gehörte bereits im
       19. Jahrhundert der Marine. Nach dem Ersten Weltkrieg fiel das Gelände an
       die Stadt zurück. Bereits damals gab es Pläne, auf den Flächen am Wasser
       Wohnungen zu bauen, aber es fehlte an Geld und Initiative. So kam das
       Militär zurück.
       
       1934 erhielt die Bucht, die nördlich der Einfahrt zum Nord-Ostsee-Kanal und
       gegenüber dem Ort Laboe mit seinem wuchtigen U-Boot-Ehrenmal liegt, ihren
       neuen Namen. Er erinnert an Gunther Plüschow, Marineoffizier und
       Aufklärungspilot, der im Ersten Weltkrieg als „Flieger von Tsingtau“
       bekannt wurde. Kurz darauf stationierte die Luftwaffe Schiffe im Hafen.
       Auch die Segeljacht „Flamingo“ lag dort, die sich Hermann Göring für die
       Olympischen Spiele 1936 bauen ließ.
       
       Nach dem Krieg zogen die Briten ein und eröffneten den British Kiel Yacht
       Club. 1958 kehrte die Bundesmarine zurück und stationierte
       Sicherungsschiffe im Plüschowhafen. Direkt daneben erhielt das
       Marinefliegergeschwader 5 ein großes Gelände mit Wasserzugang und
       Flugplatz. In Spitzenzeiten waren dort rund 1.000 Soldat:innen und
       Zivilbeschäftigte untergebracht.
       
       Nach der Wende verkleinerte sich die Bundeswehr angesichts des scheinbar
       dauerhaften Friedens in Europa, das Marinefliegergeschwader 5 wurde nach
       Nordholz bei Cuxhaven verlegt. „Ende einer Ära“, titelten die Kieler
       Nachrichten im März 2013. „Mit dem Kommando,Hol nieder Flagge' beendete
       Fregattenkapitän Michael Eichhorn die Zeit der Marine auf dem Fliegerhorst
       an der Förde.“
       
       ## Debatten über die Zukunft
       
       Seit absehbar war, dass das Gelände frei werden würde, begannen in Kiel
       Debatten über seine Zukunft. Wo vorher das Militär gewesen war, sollte ein
       neuer Stadtteil am Wasser entstehen: Holtenau Ost.
       
       2014 verkündete Russland die Annexion der ukrainischen Krim. In Kiel gingen
       derweil die Planungen für das neue Stadtviertel weiter, mit
       Bürgerbeteiligung und Podiumsrunden. Doch die Umsetzung ließ, genau wie
       rund ein Jahrhundert zuvor, auf sich warten.
       
       Im Februar 2022 begann der Angriff auf das gesamte Staatsgebiet der
       Ukraine, Bundeskanzler Scholz rief die „Zeitenwende“ aus. Im Sommer 2025
       meldete sich die Bundeswehr im Kieler Rathaus: Angesichts der neuen
       Bedrohungslage hätte sie gern ihre Flächen zurück.
       
       Monatelang liefen vertrauliche Verhandlungen, an die Öffentlichkeit drang
       kaum etwas. Aber es dämmerte den Mitgliedern der Schwentineflotte, dass
       auch sie davon betroffen sein könnten. Im April 2026 [4][stellten die Stadt
       und die Bundeswehr ihre Ergebnisse vor], über die beide Seiten eine
       Vereinbarung geschlossen hatten. Auf den veröffentlichten Plänen „war da
       auf einmal diese Linie quer durch den Hafen“, sagt Vera Fichtner. Ihre
       Stege würden damit im militärischen Sperrgebiet liegen.
       
       Auf einer Pressekonferenz fragte ein Journalist launig nach der
       Schwentineflotte – ob die in die Marine eingegliedert würde? Der damalige
       Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD) antwortete: „Die Schwentineflotte soll
       bleiben.“ Das werde nicht ganz einfach, fügte er hinzu. „Aber das klappt.“
       Das klang, als läge ein Plan bereits in der Schublade.
       
       ## Hoffnung zerbrochen
       
       Doch schon am selben Abend, als der Bürgermeister und Marinevertreter die
       Pläne auf einer öffentlichen Veranstaltung erklärten, zerbrach diese
       Hoffnung. Auf die Frage von Philipp Conrades, ob die Schwentineflotte auf
       ihrer Seite der Bucht liegen bleiben könne, antwortete Admiral Christian
       Walter Meyer, Kommandeur der in Kiel stationierten Flottille, mit einem
       klaren „Nein“.
       
       „Mir ist das Herz in die Hose gerutscht“, bekennt Conrades. „Das ist meine
       Wohnung, mein sicherer Ort, und das wird mir vielleicht genommen.“
       
       Noch ist die Stadt zuständig. „Wir sind über alle Fragen rund um das
       Gelände mit den zuständigen Ortsbeiräten im Gespräch“, sagt Samet Yilmaz
       (Grüne), der inzwischen den Posten des Oberbürgermeisters übernommen hat.
       Gibt es einen möglichen neuen Liegeplatz für die Schwentineflotte? Der
       Bürgermeister sagt weder Ja noch Nein: „Wir sind dabei, Lösungen zu finden.
       Noch sind diese nicht spruchreif. Sobald es verlässliche Optionen gibt,
       kommunizieren wir diese zeitnah.“
       
       Die Mitglieder der Schwentineflotte hätten nichts gegen die Marine, das
       betonen alle Gesprächspartner:innen. „Aber wir wünschen uns, dass wir als
       Gemeinschaft zusammenbleiben können“, sagt Vera Fichtner. „Dafür brauchen
       wir eine Lösung.“
       
       Am liebsten wäre es ihnen, wenn die Marine die Boote am bisherigen Platz
       dulden würde. Wenn das nicht möglich sei, „brauchen wir einen anderen
       Standort“. Sie alle seien offen für Vorschläge und Kompromisse, sagt
       Fichtner. Philipp Conrades ist hoffnungsvoll: „Ich habe den Eindruck, dass
       die Stadt uns nicht hängen lässt.“
       
       Martin Liebster schaut auf den Schwan, der auf dem Steg brütet. Seit drei
       Jahren ziehen die Vögel vor seinem Boot ihren Nachwuchs groß. Er möchte
       gern auch in den kommenden Jahren dabei zusehen.
       
       15 May 2026
       
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