# taz.de -- Bundeswehr macht Geländegewinne: Klecker-Grundstücke statt „Perle“ an der Förde
> Die Bundeswehr kehrt auf das von ihr einst aufgegebene Marinegelände MFG
> 5 in Kiel zurück. Damit sind ambitionierte Stadtentwicklungsziele
> Makulatur.
(IMG) Bild: Findet die Marine auch gut: Sahnelage am Förderufer
Die Bundeswehr kommt zurück auf das Gelände des ehemaligen
Marinefliegergeschwaders 5 (MFG 5) in Kiel. Dort, wo die Stadt unter dem
Namen Holtenau-Ost [1][ein neues Wohn- und Geschäftsviertel am Wasser
errichten] wollte, wird in wenigen Jahren das Seebataillon einziehen, ein
Verband, der zu Wasser und an Land eingesetzt werden kann und den die
Marine als „notwendige Antwort auf die veränderte Bedrohungslage“
bezeichnet. Ein Teil des Geländes bleibt aber bei der Stadt. Insgesamt
sollen rund 2.275 neue Wohnungen entstehen – wie und wo regelt [2][ein
Abkommen], das Stadt und Bundeswehr in den vergangenen Monaten verhandelt
haben.
Er habe schon geschluckt, als die Bundeswehr im Sommer 2025 darum bat, das
Gelände zurückkaufen zu können, berichtet Kiels Noch-Oberbürgermeister Ulf
Kämpfer (SPD). „Holtenau-Ost war das wichtigste Entwicklungsprojekt in
Kiel, ein hochattraktives Wohnviertel am Wasser.“ Aber die Anfrage schlicht
abzulehnen sei keine Lösung gewesen, erklärte Kämpfer. Erstens gehe die
Weltlage auch an der Kommunalpolitik nicht vorbei, zweitens habe die
Bundeswehr im Extremfall die Möglichkeit, [3][die Rückgabe von Flächen zu
erzwingen].
Verhandlungen seien daher für beide Seiten die beste Möglichkeit gewesen.
Das bestätigte Marineinspekteur Vizeadmiral Jan Christian Kaack, der
Kämpfer bescheinigte: „Sie haben es uns nicht leicht gemacht.“
Zu den Erfolgen der Stadt gehört, dass die Bundeswehr im Tausch zum
Großteil des MFG-5-Geländes mehrere Flächen in anderen Vierteln abtrat.
Darunter sind „drei Hektar mit Blick auf die Gorch Fock“, wie Kämpfer es
nennt, sowie ein Gebäude am zentral gelegenen Schützenwall. 700 Wohnungen
sollen auf einem Zipfel auf dem MFG-5-Gelände entstehen.
## Über 2.000 Wohnungen sollen trotzdem entstehen
Auch über Gewerbeflächen hat die Stadt verhandelt und unter anderem die
Genehmigung des Landes für den Ausbau eines gemeinsamen Gebietes mit der
Nachbargemeinde Heikendorf erhalten. „Sehr konservativ gerechnet“ könne die
Stadt insgesamt 2.275 Wohnungen bauen, etwas mehr als ursprünglich [4][für
Holtenau-Ost geplant].
Auch die Gewerbeflächen würden sich auf mehr als die vorgesehen 20 Hektar
summieren. Erhalten bleiben soll auch eine Trasse für Rad- und Fußverkehr,
die durch das Gelände führt und es mit ferneren, fördeauswärts gelegenen
Stadtvierteln wie Friedrichsort oder dem designierten Olympia-Standort
Schilksee verbindet.
Unklar ist noch, ob und in welcher Höhe die Stadt finanziell entschädigt
wird. „Das war ein Knackpunkt und wird noch eine harte Nuss“, sagte
Kämpfer. Weder er noch Vizeadmiral Kaack wollten sich zur Höhe der
möglichen Summe äußern. Dennoch glaube er, „dass wir rausgeholt haben, was
möglich war“, sagte Kämpfer. Für ihn sei es eine „Herzensangelegenheit“
gewesen, die Verhandlungen noch vor Ende seiner Amtszeit abzuschließen. Der
designierte SPD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl im kommenden Jahr war
nach zwei Amtsperioden nicht mehr angetreten und verlässt seinen Posten im
Kieler Rathaus in der kommenden Woche.
Die Reaktionen auf die jetzige Vorlage fallen gemischt aus. Während Knud
Hansen, Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Kiel, von einem
„Sechser im Lotto für Kiel und Schleswig-Holstein“ spricht, lehnen die
Linken im Kieler Rathaus die Ergebnisse als „Kapitulation gegenüber der
Bundeswehr“ klar ab und kündigen Widerstand an.
Die Grünen stellen zwar die Rückkehr der Bundeswehr auf das Gelände nicht
infrage, sprechen aber von einem „bitteren Beigeschmack“. Bis zum
endgültigen Abschluss der Verhandlungen liege noch ein guter Teil Arbeit
vor Kämpfers Nachfolger Samet Yilmaz (Grüne) und der Ratsversammlung, die
im Sommer dem Vertrag zustimmen soll.
Kritische Nachfragen, aber kaum lauten Protest gab es bei einer
öffentlichen Versammlung am Mittwochabend. In der gut gefüllten Halle 400
saßen auch die direkt Betroffenen, darunter Mitglieder des Wagengruppe
„Schlagloch“, die seit 2024 auf dem Gelände leben, und die
„Schwentineflotte“ – Wohnboote, die zurzeit in einem Hafen liegen, den
später die Marine nutzen will. „Ist ja schön, dass Sie so einen tollen
Dialog geführt haben, aber die Kommunikation mit uns war grottenschlecht“,
sagte einer der Bewohner. Weder für die Schwentineflotte noch für
Schlagloch oder die rund 600 Geflüchteten, die zurzeit in den alten
Kasernen wohnen, gibt es bisher neue Standorte, nur die Zusage, dass nach
Lösungen gesucht werde.
Andreas Meyer vom Bündnis für bezahlbaren Wohnraum ist unzufrieden mit der
Lösung: „Holtenau-Ost war eine Perle – nur gibt es über die Stadt
verkleckerte Flächen.“ In der Ostsee hätten die Nato-Staaten eine so
deutliche Überlegenheit, dass die Bedrohung durch einen möglichen
russischen Angriff unwahrscheinlich erscheine.
Das sah ein anderer Kieler bei der Infoveranstaltung anders: „Durch
Bundeswehr mitten in der Stadt fühle ich mich bedroht – die Bevölkerung
wird als Schutzschild missbraucht.“ Den Vorwurf wies [5][Admiral Christian
Walter Meyer, Kommandeur der in Kiel stationierten Flottille], zurück und
ergänzte: „So schlimm das ist: Heute nimmt keiner mehr Rücksicht auf zivile
Ziele, im Gegenteil, sie werden direkt angegriffen.“
16 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Filetgrundstueck-an-der-Kieler-Foerde/!6155873
(DIR) [2] https://www.kiel.de/de/kiel_zukunft/kiel_plant_baut/_dokumente_standortdialog/standortdialog_kiel_letter_of_intent_land_stadt.pdf
(DIR) [3] /Ehemaliges-Militaergelaende-in-Deutschland/!5989279
(DIR) [4] /Kasernen-statt-Wohnungen/!6103744
(DIR) [5] https://militaeraktuell.at/flottillenadmiral-meyer-neu-kieler-flottille/
## AUTOREN
(DIR) Esther Geißlinger
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